Mein nunmehr fünfter Start im Nationaltrikot bei einer 24h-Weltmeisterschaft. Diese WM war jedoch etwas „anders“, denn solch ein Chaos hinsichtlich der elektronischen Rundenerfassung habe ich bislang noch bei keinem anderen Lauf erlebt. Anders waren auch ganz sicher die Vorzeichen für meinen Einsatz in Belfast gesetzt. Zum einen war es eine neue Situation, als Titelverteidiger mit den entsprechenden Erwartungen ins Rennen zu gehen und zum anderen, da diese WM für mich schon so etwas wie ein geplantes Comeback darstellen sollte. Das Jahr 2016 ist aus gesundheitlicher Sicht nicht gut für mich verlaufen. Nach vielen verletzungsfreien Jahren hat es mich doch auch mal erwischt und so musste ich große Teile der Saison abhaken. Als ich gerade wieder auf dem aufsteigenden Ast war und Ende des Jahres noch eine Last-Minute-Leistung abliefern wollte, um mit einem nicht ganz einfachen Jahr Frieden zu schließen, hat mich dann eine Erkältung beim 24h-Lauf in Taipeh ausgebremst. Diese Erfahrungen haben etwas verändert mit mir: Während ich mich jahrelang mit einer extrem breiten Brust an die Startlinie gestellt habe, nach dem Motto „scheißegal was passiert, ich und mein Körper werden es schon irgendwie meistern“, war dieses Vertrauen in die eigene Unverwundbarkeit vor dem Start in Nordirland in dieser Form nicht mehr da. Stattdessen war schon der ein oder andere Zweifel präsent. Dummerweise habe ich mich die Tage vor dem großen Rennen auch irgendwie gar nicht wohl gefühlt und Bauch- und Rückenbeschwerden haben die Zweifel auch nicht gerade weniger werden lassen.

Dementsprechend war ich heilfroh, als es endlich losging! Die Bedingungen waren nahezu optimal, brettebener 2-Kilometer-Kurs durch den Victoriapark, bei kühlen Temperaturen. Mir persönlich war das Wetter schon fast einen Ticken zu kühl, da das Ganze in Kombination mit der hohen Luftfeuchtigkeit muskulär oftmals nicht ganz so angenehm ist. Mein Plan war es wieder, die ersten 50 Kilometer in 4:48 min/km anzulaufen, was eine Durchgangszeit von vier Stunden bedeutet. Zu meiner Überraschung wurde es zu Beginn nicht das erwartet schnelle Rennen und insbesondere die Topfavoriten haben sich doch noch sehr zurückgehalten. Na gut, sollte mich nicht weiter tangieren, ich hatte einen Plan und den galt es weiter abzuarbeiten. Bis zum Ende des ersten Viertels blieb ich das weiterhin, um dann ein wenig von meinen Notizen auf dem Spickzettel abzuweichen. Dies hatte zwei Gründe, zum einen fühlte es sich heute irgendwie nicht so wirklich locker an und die Beine waren doch schon schwerer, als ich mir dies für diese Phase des Rennens gewünscht hatte. Zum anderen bekam ich doch mehr und mehr Probleme im Bereich des linken Hüftbeugers, bzw. der Aduktoren. In den ersten Stunden des Wettkampfs bin ich meist eisern Ideallinie gelaufen. Da die Innenbahn der Laufstrecke, welche wir gegen den Uhrzeigersinn laufen mussten, zum Teil ganz leicht abschüssig war, könnte ich mir vorstellen, dass dieses Problem aus dieser Tatsache resultierte. Um die Probleme nicht zu verschlimmern, lies ich mich im Schnelldurchlauf bei unserer Physiotherapeutin Annett behandeln. Zum Glück sollte das Problem im weiteren Rennverlauf keine leistungslimitierenden Auswirkungen haben.

Als es langsam in die Nacht ging, lief ich ganz oft mit meinen Nationalmannschaftskameraden Stu Thoms zusammen. In den ersten Stunden hatte ich Stu immer wieder mal überrundet. Nun war ich mit fortgeschrittener Dauer langsamer, Stu jedoch immer noch recht gleichmäßig unterwegs, so dass die Pace doch recht ähnlich war. So haben wir uns gegenseitig unterstützen können, und nachdem wir schon beim Vorbereitungstrainingslager in Wuppertal zusammen eine lange Einheit bestritten haben, war das motivierend.

Ein wichtiges Etappenziel im 24h-Lauf ist immer die Halbzeitmarke nach zwölf Stunden. Durch den bis dato nicht ganz planmäßigen Rennverlauf hatte ich ein klein wenig den Überblick verloren und war doch sehr auf die Zwischenergebnisse gespannt. Von nun an nahm das Chaos seinen Lauf! Zuerst war ich doch schon sehr verwundert und angefressen, warum unser Betreuerteam einfach nicht die 12h-Ergebnisse mitteilte. Die Antwort für diesen Umstand ist relativ leicht zu beantworten – es gab keine Zwischenergebnisse. Das war ärgerlich, da die Kilometerleistung nach 12 Stunden immer eine wichtige Orientierung für mich ist. Ich hatte auch schon seit einer ganzen Weile aufgehört, meine Rundenzeiten zu stoppen und meine Uhr abgelegt. Das mache ich häufig, wenn sich eine Krise anbahnt, aus psychologisch-strategischen Gründen. Vom Gefühl her konnte ich auch nicht sagen, ob ich schon irgendwas um die 142,143 Kilometer  oder nur 137 Kilometer auf dem Tacho hatte. In jedem anderen Rennen wäre mir diese Einschätzung wohl besser gelungen, aber heute war ich einfach zu ungleichmäßig unterwegs. Im 24h-Lauf ist es enorm wichtig, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, also habe ich mich nach ein wenig Fluchen mit der Situation arrangiert und bin davon ausgegangen, dass die technischen Probleme des Veranstalters sicher bald gelöst sein werden.

Einen richtigen Rythmus habe ich auch weiterhin nicht in meine Lauferei reinbekommen. Auch mental war das bislang nicht das, was ich eigentlich von mir gewohnt bin. Dieses stoische Durchziehen hat sich irgendwie einfach nicht einstellen wollen. Stattdessen war ich viel zu viel mit Nachdenken beschäftigt. Das muss wieder besser werden! 😉 Die Zeit ging naturgemäß dennoch irgendwie rum und so steuerte das Rennen so langsam aber sicher auf das letzte Viertel und ich auf eine heftige Krise zu. Geist und Körper waren nun doch sehr angeknockt. Noch dazu gingen mir die fehlenden Informationen so langsam aber sicher richtig auf den Zeiger, wo es doch jetzt ans Eingemachte geht, was die Platzierungen betrifft. Egal ob bei den WMs in Katowice, Steenbergen und Turin oder auch bei meinen Spartathlons, jedes Mal waren die Informationen über die Abstände immens wichtig. Diese Informationen sind für mich immer so etwas wie der Strohhalm an den ich mich klammere und wenn ich dann noch den Hauch einer Chance sehe, kann ich nochmal brutal reinhauen. So war es zumindest oftmals bei den aufgezählten Rennen, heute musste es so gelingen und immerhin, es waren ja gleiche Bedingungen für alle. Wirklich gut gelungen ist es mir in dieser Phase des Rennens jedoch nicht. Einige Wochen nach der WM habe ich von unserem Teamchef Norbert Madry erfahren, dass von den Läufern, welche nach 18 Stunden vor mir lagen, lediglich der Pole Sebastian Białobrzeski auch in der Endabrechnung vor mir gelandet ist. Die anderen drei bis fünf Läufer sind stattdessen ärgerlich. Man, man, man… da wäre schon auch noch mehr drin gewesen, rückblickend betrachtet. Nach der kurzen, aber heftigen Krise bin ich fünf Stunden vor Schluss dafür nochmal richtig aufgewacht. Vage Informationen unserer Betreuer machten mir Hoffnung, doch noch eine Medaille mit nach Hause zu nehmen und den Infos nach wäre auch die erfolgreiche Titelverteidigung noch möglich gewesen. Wie aus dem nichts war ich plötzlich wieder richtig präsent, die Gedanken klar und die Emotionen auf Angriff justiert! Jetzt war es wieder da, dieses WM-Feeling, wenn es richtig ans Eingemachte geht. Da die offiziellen Informationen weiterhin sehr spärlich waren, hat unser Betreuerteam von den Läufern, welche augenscheinlich noch um die Medaillen kämpfen, die jeweiligen Rundenzeiten gestoppt und mir diese mit Hilfe von Notizzetteln mitgeteilt. Das hat mir nun schon sehr geholfen. Irgendwann sind dann der spätere Sieger Yoshihiko Ishikawa (Japan) und auch Johan Steene (Schweden) ziemlich zügig an mir vorbeigelaufen, um mich ein weiteres Mal zu überrunden. In dem Moment war mir klar, dass es mit dem Titel dieses Jahr definitiv nix mehr wird. Aus dem Konzept hat mich dies jedoch nicht gebracht, da dies auch nicht mein erklärtes Ziel war, stattdessen wollte ich jetzt zumindest noch für eine Einzelmedaille kämpfen. Meinen Informationen nach müsste ich dazu jetzt „nur“ noch den Ungarn Tamas Rudolf abfangen, welcher wenige Kilometer vor mir lag. Noch gut vier Stunden Zeit, das muss doch zu schaffen sein! Und tatsächlich ziemlich genau drei Stunden vor dem Ende konnte ich ihn überholen. Auf Grund des Informationsdefizits war ich mir lediglich unsicher, ob ich jetzt schon vor ihm bin oder eben nur in der selben Runde. Die Überlegungen haben sich aber ganz schnell erledigt, denn beim Durchlaufen der Boxengasse wurde mir mitgeteilt, dass doch noch ein stark laufender Pole, nämlich der vorhin schonmal erwähnte Sebastian, vor mir liegt. In dem Moment habe ich für mich die Gewissheit gehabt, dass die Messe in Sachen Medaillenvergabe für mich gelesen ist. Es war jetzt wie wenn jemand mal einfach so den Motivationsstecker zieht und den imaginären Adrenalinhahn gleich mit zu dreht. Es war so ein hartes Rennen, jetzt noch mal mit aller Konsequenz um Rang vier, fünf oder sechs kämpfen, dafür fehlte mir nun wirklich die Energie. Dementsprechend lief ich das Rennen in den letzten 1,5 Stunden noch ordentlich zu Ende – mehr aber auch nicht. Letztendlich finde ich meinen Namen mit knapp 259 gelaufenen Kilometern und Platz 6 in der Ergebnisliste wieder.

Ich bin zufrieden. Nein – ich bin sogar sehr zufrieden, auch mit etwas Abstand zum Rennen. Ich muss zufrieden sein. Klar, die Erwartungshaltung „von außen“ war schon hoch, doch ich weiß selbst, dass es im 24h-Lauf keinen Bonus gibt – egal, was man auch immer für „Heldentaten“ schon in der eigenen Vita stehen hat. Mit Platz 6 habe ich mein Ziel, eine solide Leistung abzuliefern auf jeden Fall erreicht und mich nebenbei auch nach einem Jahr Abstinzenz wieder auf die Führungsposition der Deutschen Jahresbestenliste zurückgeschoben. DANKE an alle die dabei waren und auch an diejenigen, die von zu Hause aus mitgefiebert haben!

Knapp vier Wochen ist die WM in Belfast, mit all dem Chaos rund um die Rundenerfassung nun her… gestern wurde nun die Liste mit den Final Results auf der IAU-Seite veröffentlicht. Wie erwartet hat bei mir tatsächlich eine Runde in der ursprünglichen Liste gefehlt, welche mir jetzt gut geschrieben wurde. Damit lautet mein Endergebnis jetzt 258,662 Kilometer. An der Platzierung ändert es nix, da auch beim Fünften eine Runde gefehlt hat. Hier die finale Ergebnisliste

 

Mein Bericht zur Weltmeisterschaft in Belfast lässt noch etwas auf sich warten. Hier jedoch schon mal eine Nachbetrachtung in Interviewform bei TV Touring in meiner Heimatstadt Würzburg:

 

http://www.tvtouring.de/mediathek/video/interview-florian-reus-aus-wuerzburg-wird-sechster-bei-der-24h-wm/

Am Wochenende ist es soweit! Weltmeisterschaft im 24h-Lauf! Ich bin wirklich sehr gespannt was passieren wird und wer weiß… vielleicht klappt es ja sogar mit einer erfolgreichen Titelverteidigung. Dass dies mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen wird, verrät schon der Blick auf die Startliste, denn dort tauchen nahezu alle Namen auf, welche auch in den Weltjahresbestenlisten der vergangenen Jahre ganz vorne zu finden waren.

Mein oberstes Ziel ist es, auch bei dieser WM wieder eine grundsolide Leistung abzuliefern. Wenn sich im Rennverlauf die Chance auftut, den Wahnsinn von Turin noch einmal zu wiederholen, werde ich logischerweise dennoch alles daran setzen das zu schaffen. Die Strecke habe ich gestern Abend schon einmal besichtigen können. Sie ist wirklich nahezu optimal zu laufen, lediglich der doch recht ordentliche Wind und die kühlen Temperaturen könnten eventuell hinsichtlich möglichst guter Kilometerleistungen hinderlich sein.

Bislang habe ich noch keine Information, wo im Netz der Liveticker zum Mitfiebern angeboten wird. Zum Daumendrücken vielleicht einfach mal auf http://www.belfast24.com oder www.iau-ultramarathon.org schauen. Samstag um 12:00 Uhr (13:00 Uhr deutscher Zeit) ist Start.

Viele Grüße aus Belfast

Flo

 

Wieder startet ein neues Jahr und wieder gilt es sich Gedanken über Saisonplanung und Ziele zu machen – wobei

Mit dem "Traum von Turin" im Rücken, lässt es sich diesmal ohne Druck angehen!

Mit dem „Traum von Turin“ im Rücken, lässt es sich diesmal ohne Druck angehen!

dieser Prozess sicher nicht erst mit Eintritt des Neujahrstags beginnt. Wie in all den Jahren werde ich mich auch 2017auf einzelne, wenige ausgewählte Highlights konzentrieren. Bei Wettkämpfen jenseits der 200 Kilometer-Marke würde es auch sicherlich nicht anders funktionieren, zumindest nicht dann, wenn man bei den jeweiligen Rennen eine möglichst optimale Leistung abliefern will. Da die Weltmeisterschaften über 100 km und 24 h im jährlichen Wechsel ausgetragen werden, ist es 2017 also wieder soweit – Weltmeisterschaft! Mensch, welch magische Faszination hat allein das Wort „Weltmeisterschaft“ über viele Jahre auf mich ausgeübt. Für mich gibt es im Leistungssport nichts größeres, als EIN Wettkampf, zu dem die besten Athleten der jeweiligen Sportart/ -disziplin aus der gesamten Welt zusammenkommen. Ein jeder bereitet sich nach bestem Wissen und Gewissen vor, um dann am „Tag X“ alles in die Waagschale zu werfen. Faszinierend ist das Wort „Weltmeisterschaft“ auch allein schon deshalb für mich, weil der Traum, einmal eben diese zu gewinnen, über fast ein Jahrzehnt mein alltäglicher Begleiter war – als Motivation im Training sowieso, aber auch in meinem restlichen Leben; ja, es hat sogar meine außerläuferische Lebensgestaltung prägend mitgestaltet. Jahrelang hab ich mir dann bei den Weltmeisterschaften, die ja nicht gerade jeden zweiten Tag stattfinden, die Zähne ausgebissen, war zwei Mal ganz nah dran, in dem ich einmal Zweiter und einmal Dritter wurde. 2015 dann mein Jahr, mein Traum wurde wahr – aber die Story ist ja bekannt.

Die Zeit verfliegt und nun steht im Juli die erste Weltmeisterschaft seit Turin ’15, diesmal im nordirischen Belfast an. Es wäre meine erste Weltmeisterschaft als Titelverteidiger – für mich ist es Ehrensache, dann auch anzutreten. Selbstverständlich werde ich versuchen, den Titel erfolgreich zu verteidigen, aber es hat, glaube ich, wenig mit Tiefstapeln zu tun, wenn man hier von einem ziemlich schwierigen Unterfangen spricht. Eine erfolgreiche Titelverteidigung ist bislang lediglich der japanischen Legende Ryoichi Sekiya gelungen. In den letzten Jahren waren die Titelverteidiger sogar oftmals verletzungsbedingt erst gar nicht am Start. Meine 263,9 km aus Turin sind zwar bis zum heutigen Tage, obwohl das keine leichte Strecke war, noch nicht übertroffen worden, aber ich denke die letzten beiden Sätze sagen eigentlich schon alles…

Da dieser Artikel ja um die Ziele für 2017 geht, sollte ich nun auch endlich mal was zu meinem konkreten Ziel in Belfast schreiben.

Also hier mein Ziel: Langfristig und zielorientiert auf Belfast vorbereiten – gesund und fit an der Startlinie stehen… und dann vertraue ich einfach mal darauf, dass ich, wie bei allen Meisterschaftsläufen in den letzten Jahren, es auch bei dieser WM wieder hinbekomme, ans absolute Limit zu gehen. Und wenn dann auch noch ein bisschen Glück mit dazu kommt, ja dann kann es sogar tatsächlich was werden mit einer erfolgreichen Titelverteidigung.

Mein zweiter Zielwettkampf in diesem Jahr ist ebenfalls eine Meisterschaft – allerdings ist diese mindestens zwei Schuhgrößen kleiner. Nachdem ich mich in den letzten Jahren total auf die internationalen Wettkämpfe konzentriert habe, bin ich schon seit Juni 2012 keinen „richtigen“ Wettkampf mehr auf nationalem Boden gelaufen. Das wird sich in diesem Jahr ändern, denn ich möchte mal wieder bei der 24 h Deutschen Meisterschaft antreten. Diese findet in diesem Jahr im Frühherbst im thüringischen Gotha statt, mehr oder weniger im Stadtzentrum in einem schönen Ambiente rund ums dortige Schloss. Ich find’s klasse, denn genau dort, d. h. zentral bzw. an einer coolen Location sollte die Zukunft des 24 h-Laufs liegen, wenn man aus dem Nischendasein rauskommen will! Von daher habe ich Lust, wieder mal bei einer DM zu laufen, auch wenn da die Konkurrenzsituation logischerweise nicht ganz so reizvoll ist wie bei großen internationalen Wettkämpfen.

Ein Wunsch wäre es, bei einem der beiden 24er die persönliche Bestleistung tatsächlich noch etwas nach oben zu schrauben. Meine 263,9 km sind ja eigentlich nicht so wirklich repräsentativ, da das in Turin etwas suboptimal war, was die Streckenführung angeht. Von daher müsste da, meiner Meinung nach, auf einer flachen Strecke und an einem guten Tag schon deutlich mehr drin sein. Aber klar, … in der Theorie lässt sich das alles immer so einfach sagen …

Eventuell werde ich im Übrigen als „Aufbauwettkampf“ auch mal einen 100er laufen. Die 100 km sind mir zwar eigentlich entschieden zu kurz, aber wenigstens eine repräsentative und einigermaßen brauchbare 100-km-Zeit möchte ich dann schon auch noch klarmachen.

Bevegt-Podcast

Kurz vor Weihnachten war ich für ein Interview bei beVegt.de eingeladen.

Das einstündige Interview findet Ihr hier oder einfach unten auf den Playbutton drücken.

 

Die Geschichte zu meinem Start bei der 16. Auflage des 24h-Laufs der Soochow University in Taipeh ist relativ schnell erzählt: Anreise nach guter, aber in diesem Jahr alles andere als einfacher Vorbereitung – am Abend vor dem Rennen leichtes Kratzen im Hals – hoffen auf Fehlalarm und lediglich Einbildungssymptome im Zuge der Vorwettkampfanspannung – Kraftlosigkeit ganz früh im Rennen – Rennunterbrechung – Rückkehr auf die Strecke – Ergebnis von 100 Meilen nicht wirklich brauchbar.

So sieht es hier normalerweise aus

So sieht es hier normalerweise aus…

Wer keine Zeit oder einfach keine Lust auf einen langen Rennbericht hat, darf an dieser Stelle gerne aussteigen, denn mehr Fakten und von einem dramatischen Wettkampfverlauf habe ich diesmal nicht zu berichten. Alle anderen lade ich ein, bei meinen Gedanken und meiner Selbstreflexion teilzuhaben.

Rein objektiv gesehen gibt es eigentlich keinen Grund enttäuscht zu sein, denn noch vor einigen Monaten habe ich die Laufsaison 2016 bereits abgehakt, was nach dem Wahnsinnsjahr 2015 auch ok für mich war. Aber klar,… wenn Du hart trainierst und mit gewissen Erwartungen zu solch einem Rennen reist, dann fällt es wenige Tage nach dem Wettkampf etwas schwer, die Dinge so nüchtern zu betrachten.

Im August habe ich wie in den letzten beiden Jahren erneut eine Einladung für den 24h-Lauf in Taipeh erhalten. Auch wenn ich 2016 wie gesagt schon zu den Akten gelegt hatte, entschied ich mich nach ein paar Tagen Bedenkzeit doch für einen Start in Taiwan. Ein Lauf ganz am Ende des Jahres – das sollte ich doch noch irgendwie hinbekommen. Die Wochen der Vorbereitung verliefen dann doch sehr gut und auch die Leistungsdiagnostik bei Lauffieber in Aschaffenburg, sowie der letzte lange Lauf über 76 Kilometer stimmten mich optimistisch. Ich war auf jeden Fall schon mal froh, als die eigentliche Vorbereitung zwei Wochen vor der Rennen zu Ende ging, denn diesmal waren echt einige ziemlich widerliche Trainingsläufe, mit kaltem Regen und / oder Wind dabei, die nicht gerade unter die Kategorie „Genusslauf“ zu verbuchen sind.

Erst am Mittwoch vor dem Rennen bin ich, in Begleitung meiner Partnerin Nicole, in Richtung Asien abgereist. Die Abreise erfolgte bewusst erst relativ knapp vor dem Rennen, da ich von meinem spektakulären Rennen im Jahre 2014 wusste, dass so ein kleiner Jetlag im 24h-Lauf durchaus gar nicht so schlecht sein muss. 2014 hat es sich nicht anders organisieren lassen, doch die kurzfristige Anreise, verbunden mit einem noch nicht an die Ortszeit angepassten Biorhythmus hat dafür gesorgt, dass ich mich damals in den Nachtstunden wirklich bärenstark gefühlt habe. In diesem Jahr haben wir uns über eine Flugverbindung mit einer Zwischenlandung in Dubai entschieden – und genau da liegt wohl der Hund begraben, was mein Wettkampfergebnis betrifft.

Der Tag vor dem Rennen war dann doch noch einigermaßen vollgepackt – vormittags stand eine Interviewrunde

Anspannung kurz vor dem Start. Links der amtierende Spartathlonsieger Andrzei Radzikowski (Polen), in der Bildmitte Weltrekordhalterin Mami Kudo (Japan)

Anspannung kurz vor dem Start. Links der amtierende Spartathlonsieger Andrzei Radzikowski (Polen), in der Bildmitte Weltrekordhalterin Mami Kudo (Japan)

zusammen mit den anderen internationalen eingeladenen Läufern, wie Katalin Nagy (USA), Andrzej Radzikowski (Polen) und Yoshikazu Hara (Japan) auf der Agenda. Später ging es dann noch zur Opening Ceremony, zum Technical Meeting und abends zum Welcome Dinner. Während des Welcome Dinners konnte ich ein wirklich ganz leichtes Kratzen im Hals ausmachen. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich eigentlich schon den ganzen Tag so ein komisches Gefühl im hintersten Bereich des Gaumens, so richtig Sorgen hat mir das aber tagsüber noch nicht bereitet, denn kurz nach der Ankunft hatte ich mir beim Verzehr einer Süßkartoffel inklusive Schale eben mit dieser ganz leicht den Gaumen angeritzt. Ich bin, auch unter der Ablenkung des Tagesprogramms, davon ausgegangen, dass das ungute Gefühl einfach durch das Ausstrahlen der „Gaumenverletzung“ zu erklären ist. Jetzt am Vorabend des Wettkampfs wurde ich aber echt richtig nervös, denn irgendwie hat sich das schon komisch angefühlt – dementsprechend ging es auch mit der vollen Dröhnung Ingwertee zur Sache. Am nächsten Morgen hat sich das Ganze nicht wirklich schlechter angefühlt, aber es war auch weiterhin präsent. Gedanklich hat mich das Problem vor dem Rennen komplett eingenommen, an die große Glocke wollte ich es aber nicht hängen, lediglich Nicole wusste, wie es in mir aussieht. Auf der anderen Seite hab ich versucht mich zu beruhigen, in dem ich einfach darauf gehofft hab, dass es wirklich nur auf meine Gaumenentzündung zurückzuführen ist, bzw. ich mich einfach im Zuge der Wettkampfanspannung unnötig verrückt mache. Außerdem hab ich diese Situationen, in denen man sich vor lauter Anspannung selbst unnötig verrückt macht, schon oft erlebt. Vor der WM in Turin hatte ich einen riesigen Respekt vor den Birkenpollen, da ich da leider ziemlich allergisch bin, die WM für Mitte April angesetzt war und das zumindest in unseren Breiten die Hauptblütezeit dieses Gewächses darstellt. Im Vorfeld des Rennens habe ich mich damals sogar an einen Spezialisten der „Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forsten“ gewandt, um Infos über die Birkenpopulation rund um Turin rauszubekommen. Die Informationen, die ich damals erhalten habe waren im Übrigen wirklich super detailliert. Einen Tag vor dem Rennen habe ich meinen obligatorischen 2-km-Lauf gemacht und siehe da, beim Passieren eines Birkenbaumes musste ich zwei Mal nießen. Ich bin damals am Vorabend des Wettkampfs innerlich fast Amok gelaufen, weil ich tierische Angst hatte, dass mich die Allergie im Rennen ausbremsen wird. Man hört wenige Stunden vor einem wichtigen Rennen einfach mega-sensibel in den Körper rein – von daher habe ich gehofft, dass diesmal, ähnlich wie damals in Turin, einfach alles gut geht. Dementsprechend bin ich auch gestartet.

Mein Plan war es, mit der Pace von 4:54 min/km die ersten vier Stunden des Rennens zu bewältigen. Ich bin doch

An meiner Crew hat es definitiv nicht gelegen...

An meiner Crew hat es definitiv nicht gelegen…

etwas überrascht, dass ich schon nach noch nicht einmal einer Stunde die Führung des Rennens übernommen habe, obwohl mein Starttempo langsamer als bei den letzten 24h-Läufen gewesen war. Ehrlich gesagt war mir das auch nicht so wirklich recht gewesen, aber gut, ich bin halt nach meinem eigenen Plan gelaufen. Mit der Zeit hat sich dann auch etwas meine Sorge ob einer möglichen Erkältung etwas gelegt, bzw. ich hab irgendwann einfach nicht darüber nachgedacht. Letztendlich hatte ich ja hier auch einen Job zu erledigen – nämlich laufen! Und genau das mit dem Laufen wurde sehr schnell sehr kompliziert, denn schon nach 3,5 Stunden hab ich mich ziemlich kraftlos gefühlt. Ich habe noch drauf gehofft, dass das einfach nur dem Jetlag geschuldet ist, denn auch 2014 hatte ich sehr früh im Rennen einen ordentlichen Durchhänger – wobei natürlich 3,5 Stunden nicht als früh im Rennen zu bezeichnen ist, sondern in einem 24h-Lauf ist das bestenfalls als Vorspiel zu titulieren. Naja, ich habe jedenfalls versucht, mich irgendwie wieder aufzupäppeln, mit Kaffee, dann mit schnell verfügbaren Kohlenhydraten in Form von Spezi und auch das Tempo habe ich deutlich reduziert. Zu dem Zeitpunkt wusste ich eigentlich auch schon, dass irgendwas vorne und hinten überhaupt nicht stimmt am heutigen Tage. So früh solche Probleme – das habe ich noch nicht erlebt und es kann ja kaum sein, dass der Körper plötzlich alles verlernt hat, zumal die langen Trainingsläufe in der Vorbereitung ja auch unkompliziert verlaufen sind. Dennoch wollte ich es einfach nicht wahrhaben und hab auf die Karte „Zeit“ gesetzt, in der Hoffnung, dass sich mit zunehmender Dauer des Rennens doch noch irgendwas ändert. Zu dem Zeitpunkt habe ich für mich auch keine plausible Begründung gehabt, das mit einer möglichen Erkältung hatte ich zwar im Hinterkopf, aber ob es mich wirklich erwischt hat, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht 100%-ig bestätigen. Stattdessen hat sich mir sogar die Frage gestellt, ob ich mental heute einfach komplett neben der Spur bin, was natürlich auch Quatsch war. Mit der Zeit kamen dann auch Rückenprobleme mit hinzu – wahrscheinlich weil ich jetzt auch sehr verkrampft gelaufen bin. Wärmespray hat da wenigstens ganz gut geholfen. Mein Wille war zu dem Zeitpunkt immer noch nicht gebrochen – wobei was heißt zu dem Zeitpunkt – wir reden hier von einer Phase des Rennens, wo selbiges in der Regel noch nicht mal richtig begonnen hat. Bei Kilometer 97 kam es dann endgültig knüppeldick, denn von jetzt auf gleich überkam mich ein heftiger Würgreiz. Es ist zwar beim Reiz geblieben, aber so etwas habe ich in all meinen Ultraläufen in den letzten 13 Jahren noch nicht erlebt. Jetzt war mir auch endgültig klar – es macht keinen Sinn mehr, du bist komplett neben der Spur, ruh dich aus, die Messe ist für heute gelesen. Dementsprechend hab ich mich erstmal für eine halbe Stunde hingelegt und danach eine seeehr warme ausgiebige Dusche genossen. Klar war für mich aber auch zu dem Zeitpunkt, dass ich wieder auf die Strecke zurückkehren werde. Bei dieser Veranstaltung sind so unglaublich viele engagierte Volunteers und noch dazu ist es für mich eine Ehre, zu diesem Lauf eingeladen zu werden. Ich wollte die Leute nicht enttäuschen! Für sie ist sowieso nicht die Kilometerzahl entscheidend, sondern, dass man den Spirit „Ultra“ lebt – und zu dem Lebensgefühl gehört es meiner Meinung auch dazu, auch dann nicht den Kopf in den Sand zu stecken, wenn man nicht mehr mit einem Topergebnis rechnen kann. Außerdem hasse ich Aussteigen wie die Pest ;). Klar, im Nachhinein hätte ich mir das sicherlich schenken können, aber

Wanderung durch die Nacht.

Wanderung durch die Nacht.

mit dem Wissen zu dem Zeitpunkt, würde ich wieder dieselbe Entscheidung treffen.  Also habe ich mir ein neues Ziel ausgedacht, nämlich wenigstens die 100 Meilen vollzumachen – also genau die Distanz, die ich in meinem ersten 24h-Lauf vor über 11 Jahren auch gelaufen bin. Das war auch gleichzeitig eine gute Gelegenheit, ein wenig über die vergangenen Jahre nachzudenken, einen riesig großen Stress hatte ich ja jetzt nicht mehr, denn 64 Kilometer sollte ich mit einer Mischung aus Wandern und lockerem Jogging schon noch irgendwie hinbekommen.

Die Auflösung für diese nie dagewesene Schwäche so früh im Rennen habe ich dann kurze Zeit nach dem Wettkampf erfahren. Schon bei der Siegerehrung hatte ich Schweißausbrüche sondergleichen und ich bin richtig krank geworden. Im Nachhinein war es sicherlich nicht gut zu starten, geschweige denn bis zum Schluss im Rennen zu bleiben. Aber – ganz ehrlich, man hört super sensibel in den Körper hinein und dennoch war es mir nicht möglich, die Situation mit absoluter Sicherheit richtig zu interpretieren. Von daher würde ich, mit dem jeweiligen Wissen zu den verschiedenen Zeitpunkten, wie gesagt, wohl wieder die gleichen

Päuschen in der Schlussphase... kaum zu übersehen, ich bin nicht fit. Wir bleiben trotzdem stabil!

Päuschen in der Schlussphase… kaum zu übersehen, ich bin nicht fit. Wir bleiben trotzdem stabil!

Entscheidungen treffen. Ich bin mir im Übrigen mittlerweile ziemlich sicher, dass ich mir beim Umsteigen in Dubai was eingefangen hab. Die Klimaanlage im Bustransfer zum Terminal ist da wirklich auf „volles Rohr“ eingestellt gewesen. Mir war das gleich sehr ungeheuer und hab da auch sofort kleidungsmäßig gegengesteuert. Das würde auch genau passen – die letzten Jahre war ich so gut wie nie krank gewesen, lediglich nach den Spartathlons hat es mich zwei Mal erwischt und auch da war ich sehr stark den Klimaanlagen ausgesetzt. Dieses Aufdrehen bis zum geht nicht mehr der Klimaanlagen ist wirklich der letzte Mist. Da hilft dann halt auch die beste Ernährung wohl nix, rund um einen Hauptwettkampf ist man ja sowieso ganz besonders gefährdet.

Wie auch immer, es ist ärgerlich, aber eines darf ich nicht vergessen, auch wenn 2016 eine nicht ganz einfache Saison gewesen war: Nach meinem WM-Titel im letzten Jahr hab ich mir selbst auf die Fahne geschrieben „ALLES WAS JETZT NOCH KOMMT IST BONUS!“. An Tagen wie diesen ist es verlockend, das zu vergessen, genau das darf auf gar keinen Fall passieren!

StartnummerWie in den vergangenen beiden Jahren, werde ich am 3./4. Dezember in Taipeh beim 24h-Lauf von Soochow starten! Es freut mich riesig, dass ich auch dieses Jahr wieder eine Einladung bekommen habe! Die Bedingungen sind dort nahezu perfekt und die 400m-Bahn richtig gut zu laufen, da sie nicht zu weich ist. Noch dazu habe ich dieses Jahr eine andere Ausgangssituation, da ich – im Gegensatz zu den letzten beiden Jahren – keinen anderen Wettkampf nur wenige Wochen vorher laufe. Dass ich dieses Jahr nicht beim Spartathlon starte, war schon Anfang des Jahres klar. Stattdessen war es aber ursprünglich mein Plan bei der, wenige Wochen später stattfindenden EM in Albi zu starten. Erstmalig nach vielen verletzungsfreien Jahren, hatte ich aber in der ersten Saisonhälfte mit „Wehwechen“ zu kämpfen. Mir war es wichtig danach gaaanz behutsam wieder aufzubauen und vor allem wollte ich erst noch einen ärztlichen Termin im September abwarten bevor ich wieder in ein spezifisches 24h-Training einsteige. So hab ich mich schon vor einigen Monaten, in enger Absprache mit den DLV-UltramarathonkaderGruppenfoto Teamchefs, gegen einen Start in Albi entschieden. Ich bin wirklich gespannt, was Ende des Jahres noch gehen wird. Das Training lief bislang genau nach Plan und so hatte ich doch schon einige Wochen mit deutlich über 200 Kilometer. Noch dazu versuche ich in der Vorbereitung auch mal mehr Wert auf Regeneration zu legen. Insbesondere beim Thema „genug Schlaf“ war in den vergangenen Wettkampfvorbereitungen noch Luft nach oben. Aktuell ist es – vor allem in Anbetracht des nicht ganz einfachen Jahres – irgendwelche Kilometerziele zu kommunizieren. Selbstverständlich habe ich aber meine Träume im Kopf… ;).

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