Seit Sommer 2017 habe ich es für mich entschieden, seit Juni 2018 auch „öffentlich“ kommuniziert: Nach der Saison 2018 wird erstmal Schluss sein mit dem leistungsorientierten Ultramarathon. Auch wenn solch eine Entscheidung dann doch schon ein wenig Überwindung kostet, ist sie am Ende des Tages doch die logische Konsequenz und auch der Schritt bei dem ich mir selbst treu bleibe. Genau dieses Wörtchen „Konsequenz“ hat mich in den letzten zwölf Jahren angetrieben und getragen. Ich hatte meine Ziele und vor allem einen langfristigen Plan. Zu diesem Plan gehörte auch, ein paar Jahre lang alles in die Waagschale zu werfen, um dann auch mal wieder andere Facetten des (Ultra)Laufens in den Vordergrund zu stellen und zufrieden und erhobenen Hauptes ruhiger zu treten.

Zum Abschluss noch einmal zu König Leonidas laufen

Zum Abschluss noch einmal zu König Leonidas laufen

So wie ich mir die vergangenen Erfolge immer und immer wieder im Vorfeld durchdacht und „durchträumt“ habe, ist auch die Wahl des Abschlusslaufs kein Zufallsprodukt gewesen. So habe ich es mir gedanklich immer und immer ausgemalt, wie ich auf den letzten Kilometern runter nach Sparta nochmal alles Revue passieren lasse, um mich im Ziel des Spartathlons am Fuße von König Leonidas vom Leistungssport verabschiede. Was ich nicht erwartet habe, ist die Tatsache, dass mich der Lauf wetterbedingt bis zur Zielgerade – unabhängig von Platzierung und Zielzeit – dermaßen fordern wird, wodurch ein Revue passieren lassen und sentimental werden keine Relevanz besitzen wird.

Irgendwie sind die Wochen bis zum Start ziemlich schnell ins Land gezogen. Kurz vor der Abreise habe ich mich dann noch meinem „Wein-Projekt“ in Form der Lese gewidmet, so dass ich gar nicht so furchtbar groß nachdenken konnte. Nichtsdestotrotz stimmte mich der Verlauf des Trainings aber recht zuversichtlich. Insbesondere der 35km-Trainingslauf in 4:10 min/km, zweieinhalb Wochen vor dem Rennen machten Hoffnung.

Genauso schnell wie die Wochen der Vorbereitung ins Land zogen, vergingen auch die Tage und Stunden vor dem Start in Griechenland. Und so standen wir früh um 7:00 Uhr Ortszeit im leichten Regen hinter der Startlinie an der Akropolis. Regen und das Wetter im Allgemeinen waren auch bei uns Läufern DAS beherrschende Thema vor dem Start, denn die Wetterberichte verhießen nichts wirklich gutes. Das galt jedoch nicht für die ersten Stunden des Rennens, denn die Bedingungen waren zu dem Zeitpunkt nahezu optimal. Während einen hier sonst in manchen Jahren die Hitze um den Verstand brachte, war es doch sehr angenehm und der Regen störte zunächst auch nicht wirklich. So entschied ich mich, das Rennen auch couragiert anzugehen. Die ersten 80 Kilometer waren nichtsdestotrotz unspektakulär und teilweise auf Grund des starken Verkehrs auch ziemlich nervig.

So erreichte ich den ersten – für meinen Plan wichtigen – Referenzpunkt Korinth bei Kilometer 80, nach 6:42 Stunden nur wenige Minuten später, als dies bei meinen Sieg im Jahr 2015 der Fall war. Im Übrigen hatte ich mir die Zwischenzeiten von 2015 auf einen Spickzettel geschrieben und zur Orientierung in die Laufhose eingesteckt. Mein Plan war es, die damaligen Zeiten jedoch lediglich zur Orientierung zu nutzen. Normalerweise kommt für mich nach Korinth bis zur Hälfte des Rennens in Nemea immer eine der härtesten Phasen des Rennens, da in diesem Gebiet die Hitze gewöhnlich sehr stehend ist und ich mich eben in der wärmsten Zeit des Tages in diesem Abschnitt befinde. Diesmal habe ich mich am Checkpoint in Korinth noch extrem stark gefühlt, da die Bedingungen eben echt gut waren und ich war mir sicher, diesmal besser bis zum Einbruch der Dunkelheit zu kommen. Es lief nun wirklich wunderbar und ich überholte Läufer um Läufer – manche Schnellstarter kamen mir nun förmlich entgegen. Eigentlich war es nun wieder genau das Rennen, was ich schon so oft gelaufen bin – langsamer als die anderen starten und dann nach und nach einsammeln, um vor der entscheidenden Phase in aussichtsreicher Position zu liegen. So habe ich mich nun auch schon auf den fünften Gesamtrang vorschieben können. Mal abgesehen davon, dass dieses typische Spartathlon-Flair auf Grund des kühlen Wetters nicht aufkommen wollte, war ich doch sehr zufrieden mit dem bisherigen Rennverlauf und sehr optimistisch gestimmt. Bei Halbzeit des Rennens bei Kilometer 123, lag ich sogar etwa 15 Minuten vor meiner Zeit aus 2015. Rein virtuell lag ich also auf „Kurs 23h“, wohl wissend, dass ich aber vor drei Jahren, insbesondere in der zweiten Rennhälfte, sehr stark gelaufen bin und die Zwischenzeit also schon vernünftig eingeordnet werden sollte.
Nun habe ich im bisherigen Bericht das Wetter gelobt und über den meist leichten Regen braucht man sich auch nicht wirklich beschweren. Was nun allerdings folgte ist nur mit den Attributen „Wahnsinn“ und „das hab ich noch nicht erlebt“ zu beschreiben. Etwa bei Kilometer 135 hat es angefangen, dass sich der Regen intensivierte und ganz schnell in sintflutartige Niederschläge verwandelte. Bis kurz vor dem Anstieg zum Sangaspass nach mehr als 150 km goss es nun wirklich aus vollen Kübeln. Insbesondere auf den kurzen knackigen Anstiegen in Lyrkia und Kaparelli floß einem regelrecht ein Bach um / durch die Laufschuhe. In einer der Ortschaften habe ich sogar mal die Bodenmarkierung wegen dem vielen Wasser nicht gesehen, so dass ich eine Abbiegung übersehen habe. Da ich die Strecke aber einigermaßen gut kenne ist mir der Fehler relativ schnell aufgefallen. Ein bisschen was an Zeit, da ich den kurzen aber steilen Anstieg wieder rauf musste, hat es aber dennoch gekostet. Auf der Passstraße in Richtung Checkpoint Mountain Base hat der Regen dann zum Glück vorübergehend etwas nachgelassen. Am Checkpoint war ich dann wieder genau im Plan von 2015 drin, wusste aber zu dem Zeitpunkt schon, dass sich diese Zeit – je nachdem, was der Wettergott noch so alles bereit hält – kaum wiederholen lässt. Der Trail zum höchsten Punkt war dann, insbesondere im oberen Teil und auf der Abstiegsseite eine ziemlich widerliche Angelegenheit. Der Wind pfiff, dichter Nebel ließ das Licht der Stirnlampe brechen und zusätzlich regnete es leicht. Für mich als Brillenträger eine ganz schlechte Kombi, die mich erneut Zeit kostete. Normalerweise komme ich eigentlich immer ganz gut den Sangas runter, diesmal hat es eine gefühlte Ewigkeit gedauert bis ich endlich in dem Örtchen Sagas ankam. 2015 ging hier für mich das Rennen erst richtig los, als ich erfahren habe, dass der Abstand auf die Spitze nur zwölf Minuten betrug. Heute war ich dabei, mein Ziel weiter nach unten zu korrigieren. Egal – letztes großes Ding… da war mein oberstes Ziel sowieso einfach nochmal richtig Mentalität zeigen, so wie ich es in den letzten zwölf Jahren ja ganz oft getan habe. Gefühlt bin ich unten in der Ebene eigentlich wieder halbwegs gut gelaufen, auch wenn ich nach den harten Stunden doch schon recht angeschlagen war. Aus meiner Erfahrung, insbesondere auch von den Läufen in Taiwan, weiß ich, dass mir nasses Wetter eigentlich überhaupt gar nicht liegt, aber jetzt galt es, das Beste daraus zu machen. Ab Nestani bei 172 km habe ich dann aber zunehmend abgebaut und so habe ich mich am nächsten großen Checkpoint nach 186 km auch tatsächlich das erste Mal hingesetzt. Durch die Nässe habe ich mich mittlerweile auch total wund gelaufen und wir beschlossen, beim nächsten großen Checkpoint bei Kilometer 195 mal eine Umzieh- und Massagepause einzulegen. Nach dieser Pause ging es mir aber erstmal richtig beschissen und der Versuch wieder anzulaufen, war mit mehrmaligem Würgreiz verbunden. Spätestens jetzt war mir klar, hier geht’s jetzt nur noch ums Ankommen. An diesem Ankommen hatte ich aber trotz allem zu keinen Zeitpunkt des Rennens gezweifelt und ich habe mich ganz gut damit arrangieren können, dass jetzt nochmal ganz eklige 50 km kommen werden. So nach und nach kamen dann auch immer wieder Läufer von hinten und eigentlich war ich auch ganz froh, immer wieder mal ein bekanntes Gesicht zu sehen, denn auf der Bundesstraße nach Sparta ist es weit nach Mitternacht schon ziemlich einsam. Das änderte aber auch nichts, dass ich unfassbar angeschlagen und kaputt war. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, geistig nicht mehr so ganz auf dem Damm zu sein, denn ich hatte mehrfach Situationen, in denen ich mir total sicher war, mich verlaufen zu haben – obwohl das auf der Straße nach Sparta eigentlich nicht möglich ist. Panik machte sich in mir breit. Das, was mich vorwärts trieb war in dieser Phase nichts mehr anderes als Wille, Wille, Wille. Irgendwann erreichte ich endlich den Checkpoint „Monument“ bei Kilometer 223, mittlerweile war es auch schon wieder hell geworden. In manch anderen Jahren habe ich den Einbruch des Tageslichtes erst im Ziel erlebt – egal – letzter großer Auftritt – Hauptsache ankommen. Wieder hat der Regen begonnen sich zu verstärken, was dem Loskommen am Checkpoint auch nicht gerade zuträglich war. Jetzt noch ein letztes Mal die Pobacken zusammenkneifen und dann hat die Quälerei – nicht nur für den heutigen Tag – ein Ende. Und damit ich es mir mit meinen Entscheidungen ja nicht nochmal anders überlegte, schlug Petrus nochmal richtig mit dem Hammer auf uns Läufer ein. Die Sturmböen oben auf der Höhe bevor es runter Richtung Sparta geht waren ziemlich abartig, insbesondere wenn man schon 230 Kilometer in den Beinen hat und man sowieso nass bis auf die Haut ist. Als würde das noch nicht genügen, entschied sich der Himmel, nochmal alle Schleusen auf dem Weg zu König Leonidas zu öffnen. Mein großes Problem war nun die unendliche Erschöpfung, wodurch ich auch nicht mehr richtig in der Lage war, ernsthaft zu laufen. Gefühlt 200 Mal bin ich angelaufen, was aber eher so eine Art Power-Walking darstellte. Der furchtbare Regen und das nicht näher kommende Ziel lies mich schier wahnsinnig werden. Etwa sieben Kilometer vor dem Ziel überholte mich mein Vorgänger – der 24-h-Weltmeister von 2013 – Jon Olsen (USA). Bei unserem Small-Talk waren wir uns einig, so etwas haben wir noch nicht erlebt!
Nachdem sämtliche Seen, welche sich auf den Straßen um Sparta ausbreiteten, durchlaufen waren, sollte endlich die Zielgerade näher kommen. Erst beim Passieren der Straßen im Stadtgebiet, konnte ich es mir mal kurz vergegenwärtigen – „scheiße, das wird jetzt erst mal der letzte Zieleinlauf in dieser Konstellation!“ Zum richtigen Nachdenken und Revue passieren lassen war ich aber viel zu erschöpft und beim Zieleinlauf war ich einfach nur froh, endlich da zu sein. Am Ende standen Platz 23 in 27:46 Stunden zu Buche. Auf Grund des Wetters war der Zieleinlauf natürlich nicht mit dem besonderen Flair, was man hier normalerweise kennt, zu vergleichen. Genau gesagt war das alles extrem unspektakulär ohne Musik, Durchsagen und nur wenigen Zuschauern. Man kann es niemandem übel nehmen, immerhin wurde die Bevölkerung ja über die Medien zurecht dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben, auf Grund der nicht ungefährlichen Wetterlage.

Fazit: Es war nochmal eine brutal harte Angelegenheit. Mit dem Wissen, was tatsächlich noch auf uns zukommt, wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, die erste Hälfte etwas langsamer anzugehen. Im Nachhinein ist es aber auch egal, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass für mich persönlich bei den Bedingungen, die nicht wirklich mein Ding sind, nochmal eine Platzierung unter den ersten Dreien nicht drin gewesen wäre. Von der Mentalität kann ich mir auch an keiner Stelle des Rennens einen ernsthaften Vorwurf machen. Von daher bin ich zufrieden mit dem Lauf. Und wenn man das Rennen in den Gesamtkontext der letzten zwölf Jahre stellt, dann gibt es sowieso in keiner Weise irgendwas nachzutrauern. Stattdessen freue ich mich nun, einen harten, aber dennoch schönen Abschlusslauf erlebt zu haben.

Mittlerweile sind wir wieder zurück in Deutschland, wird also Zeit, es auch hier zu schreiben. Die Europameisterschaft in Timisoara (hier die Ergebnisliste) wird für mich PLANMÄSSIG der letzte Auftritt im Nationaltrikot gewesen sein. Direkt nach „Abpfiff“ der 24 Stunden habe ich, noch an der Wettkampfstrecke, unseren Teamchefs Nobert und Ralf meinen Rücktritt aus dem Kader bekanntgegeben, obwohl ich ja für die nächste WM in 2019 die Norm schon erfüllt hätte. Für mich selbst habe ich die Entscheidung, mich nach dem Spartathlon vom leistungssportlichen Laufen auf internationalem Niveau zurückzuziehen schon seit meinem Wahnsinnsjahr 2015 im Kopf gehabt und seit vielen Monaten beschlossen. Kurioserweise passt es sogar nahezu perfekt in meinen langfristigen Plan, den ich mir vor ca. acht Jahren geschrieben habe. Damals habe ich den Leistungszenit für 2015/2016 prognostiziert, um dann vielleicht zwei, drei Jahre später ruhiger zu treten.

Mein letzter Lauf im Nationaltrikot

Mein letzter Lauf im Nationaltrikot

Okay, die letzten drei Läufe und insbesondere die EM in Timisoara habe ich mir natürlich ein bissl arg anders vorgestellt, als dies dann letztendlich gelaufen ist. Wichtig ist mir jedoch zu betonen, dass die Entscheidung unabhängig von den Ergebnissen schon im letzten Jahr gefallen ist. Ich muss mir natürlich nichtsdestotrotz schon auch eingestehen, dass sich mittlerweile schon auch so etwas wie eine „mentale Müdigkeit“ von den brutal intensiven letzten Jahren eingeschlichen hat. Jahrelang war es meine große Stärke, dann, wenn es in die entscheidende Phase des Rennens geht, bis zum absoluten Geht-nicht-mehr zu kämpfen. Zwischen 2011 und 2015 war ich aufgrund dieser Mentalität im 24h-Lauf – ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen – sicherlich der konstanteste Ultraläufer in meiner Preisklasse. Wenn man sich die letzten drei Rennen anschaut, dann ist davon natürlich nicht mehr viel übrig geblieben und ich sehe diese „mentale Müdigkeit“ auch als klare Bestätigung, dass nun einfach die Zeit gekommen ist und meine Entscheidung richtig ist… man soll ja immer was Positives finden ;). Auch mein Bedarf an Situationen, in denen das Rennen auf der Kippe steht und der Kampf um Platzierungen Geist und Körper wirklich alles abverlangt, ist einfach auch irgendwann gedeckt. Die Erschöpfung nach den Wettkämpfen, an denen ich je nach Rennsituation gefordert war, an das äußerste Limit gehen zu müssen, war in den letzten Jahren manchmal schon etwas grenzwertig – um es mal vorsichtig auszudrücken. Von daher – „Schluss mit der elendigen Quälerei!“ 😉
Selbstverständlich wird der Ultralauf auch weiterhin ein Teil von meinem Leben bleiben und man wird mich sicherlich auch mal wieder auf einer 24h-DM sehen, allerdings wird die Art und Weise wie ich ihn betreibe, rein gar nichts mehr mit dem der letzten Jahre zu tun haben. Leut‘ ich sag’s Euch… der Zeitpunkt für den Rückzug vom leistungssportlichen Laufen ist genau der richtige! Für mich war all die Jahre klar, dass dieses „perfektionistische Laufen“ nur einen begrenzten Zeitraum gehen soll, in dem ich alles in die Waagschale werfe, was irgendwie geht. Seit 2006 bin ich auf der Leistungsschiene unterwegs, so richtig ab ging es dann ca. fünf Jahre später. Ich habe in der Zeit alles erlebt – Höhen und Tiefen, unvergessliche Momente, wunderbare Begegnungen, unfassbare Emotionen, wie man sie in dieser Art wohl nur im Feld des Sports erleben kann. Es war eine große Faszination, mit Hingabe und Leidenschaft für Ziele und Träume zu kämpfen. Aber hey – ganz ehrlich… Weltmeister, drei Mal Europameister, den Spartathlonsieg… gekrönt mit ein paar ganz netten Auszeichnungen wie „IAU-Athlete of the Year“ etc. – bei allem Ehrgeiz, irgendwann langt es einfach. Im Nachhinein könnte man natürlich sagen, Ende 2015 wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen. Auf der anderen Seite war ich damals aus verschiedenen Gründen der Meinung, dass meine 24h-Bestleistung noch nicht dem Leistungspotential entspricht. An das Niveau bin ich zwar dann nicht mehr rangekommen, aber so weiß ich wenigstens, dass es halt dann in Sachen persönlicher Bestleistung nicht mehr weiter ging – was ja auch absolut okay ist. Schön und mir wichtig war die Tatsache, dass ich dann nach meiner Verletzungspause in 2016 letztes Jahr noch ein schönes und gelungenes Comeback in Belfast bekommen habe. Von daher … alles gut… und es gibt keinen Grund irgendetwas nachzutrauern.
Nach dem Spartathlon wird bei uns eine Hochzeit anstehen (jaja, ich weiß… nach 11 Jahren wird es ja auch mal Zeit 😉 ), was ja auch nicht der allerschlechteste Zeitpunkt ist, die wirklich wichtigen Dinge im Leben in den Vordergrund zu stellen. Nicole, die mich wirklich bei allen wichtigen Wettkämpfen nicht nur begleitet, sondern 24 Stunden lang betreut hat, habe ich da natürlich sowieso so viel zu verdanken, wie es kein Homepagetext der Welt zum Ausdruck bringen könnte.
Bis zum besagten Spartathlon werde ich mich allerdings noch mal voll ins Training reinhauen, um dort einen würdigen Abschluss eines Lebensabschnitts zu feiern, dessen Erlebnisse ich mein Leben lang tief im Herzen behalten werde. Ich bin jedenfalls unfassbar dankbar für all die tollen Erfahrungen, welche ich in den letzten 12 Jahren machen durfte!!!

Mittlerweile ist es ja fast schon eine Tradition, dass ich zum Jahresabschluss nach Taipeh reise, um am 24h-Lauf der

Nächtliche Verpflegung

Nächtliche Verpflegung

Soochow University teilzunehmen. Die Veranstaltung ist mir mittlerweile wirklich ans Herz gewachsen und umso mehr freut es mich, dass ich auch in diesem Jahr wieder eine Einladung erhalten habe. Im Gegensatz zu den Jahren davor, habe ich als die Einladung im August kam, erstmal noch um ein paar Wochen Bedenkzeit gebeten, bis ich dann tatsächlich zugesagt habe. Das Zögern hatte zwei Gründe. Zum einen weiß ich, dass mir die Bedingungen in Taiwan nicht so ganz einfach fallen und bislang war ich dort immer recht deutlich von meinen besten Ergebnissen entfernt. Zum anderen war ich, gerade mit etwas Abstand, mit dem Ergebnis bei der WM in Belfast absolut zufrieden. Dementsprechend war ich mir nicht ganz sicher, ob ich mir wirklich noch einen nach besten Wissen und Gewissen vorbereiteten 24h-Lauf in diesem Jahr antun sollte. Letztendlich war die Entscheidung zu starten doch so etwas wie eine Herzensangelegenheit.
Für den Entschluss hat sicherlich auch eine Rolle gespielt, dass sich nicht nur ich, sondern auch meine bessere Hälfte Nicole, durch die Reisen in das Land Taiwan verliebt hat. In Nicoles Fall hat das sogar soweit geführt, dass sie seit 1,5 Jahren chinesisch lernt – soweit ging die Liebe bei mir dann doch noch nicht, was mangels Talent wahrscheinlich auch besser so ist ;). Liebe zum Land und der Veranstaltung hin oder her, klar war natürlich auch, dass ich nicht nur zum lockeren Jogging nach Taiwan fliegen werde. Die Vorbereitung lief auch wirklich sehr vielversprechend, dennoch hatte ich aufgrund der Erfahrungen von den vergangenen Auflagen eine gehörige Portion Respekt. Respekt hatte ich vor allem aber auch vor dem Hinflug. 2016 war wirklich ein ganz unglückliches Jahr. Zuerst hat es mich verletzungstechnisch ordentlich erwischt und als ich dann gerade rechtzeitig mit einer abgespeckten Vorbereitung wieder einsatzbereit für einen 24er war, habe ich mir damals auf dem Hinflug nach Taiwan eine Erkältung eingefangen. Dementsprechend war ich diesmal wirklich mega, mega, mega vorsichtig und habe im Flieger und beim Umsteigen in Shanghai immer Schal, Mütze und sogar Winterjacke griffbereit gehabt. In diesem Jahr ging diesbezüglich auch alles gut, sowie das abgesehen von 2016 ja in den Jahren davor auch bei allen wichtigen Rennen der Fall war. Wie immer war vor Ort alles perfekt organisiert und ich hatte die Tage vor dem Lauf nochmal ganz gut Kräfte sammeln können. Lediglich der Freitag war ein wenig anstrengend, da die Tagesordnung mit Interviews, Pressekonferenz, Eröffnungsfeier und technical meeting volles Programm vorsah.
Nichtsdestotrotz habe ich dann aber in der Nacht vor dem Rennen wirklich vorzüglich geschlaffen und hatte mich vor dem Start richtig frisch gefühlt.
Für das Rennen war diesmal ein deutlich vorsichtigerer Beginn vorgesehen, wie das bei den letzten internationalen Auftritten der Fall war. Durch die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren, hatte ich vor allem hinsichtlich der klimatischen Bedingungen echt Respekt. Die Marschroute sah dementsprechend vor mit einer Pace von 5:08 min/km die erste Hälfte des Rennens zu bestreiten. Die ersten vier Stunden, bis zum ersten Richtungswechsel empfand ich so doch relativ entspannt. Nach sechs Stunden war ich mit 70 gelaufenen Kilometern immer noch exakt im festgelegten Plan. Ich habe zu dem Zeitpunkt aber schon gemerkt, dass ich das Tempo nicht halten werden können. Bei all meinen bisherigen Teilnahmen hatte ich zu dieser Phase des Rennens eine Schwächeperiode. Wahrscheinlich liegt es auch ein Stück weit am Biorhythmus, da mein Organismus noch nicht vollständig an die taiwanesische Zeit angepasst ist. Ich habe in meiner 24h-Lauf-Vita schon viele heftige Kriesen im Wettkampf erlebt. Aus diesen Erfahrungen weiß ich, dass es in der Regel ungefähr drei Stunden dauert bis man sich wieder erholt. Es ist echt interessant, man kann sich von einer Schwächeperiode im 24h-Lauf tatsächlich erholen und das mit den drei Stunden hat sich oft bewahrheitet. Wichtig ist in solch einer Phase halt, dass man nicht zu viel Zeit verliert und konstant im Laufen bleibt. Vor dem Wettkampf habe ich mir vorgenommen, das Rennen mal wieder mit mehr stoischer Ruhe durchzuziehen, denn genau das war eigentlich immer meine große Stärke gewesen. Bei der WM in Belfast ist mir das jedoch in diesem Jahr nicht soooo gut gelungen, auch wenn das Endergebniss ja echt in Ordnung war. Hier in Taipeh hat dies aber wieder deutlich besser geklappt und ich hab versucht mich irgendwie ohne großes Hadern die folgenden Stunden durchzuhangeln. Nichtmal mein Betreuerteam hat lange Zeit gemerkt, dass es mir eigentlich gerade nicht so furchtbar gut geht. Spätestens als die große Stoppuhr auf der Zielgerade zehn Stunden angezeigt hatte, wusste ich dass dies nicht einfach nur eine vorübergehende Kriese ist, denn die Power kam nicht so wirklich zurück. Gewusst habe ich spätestens jetzt auch, dass das hier und heute noch ein ganz hartes Stück arbeit werden wird. Egal – wir nehmen es heute so wie es kommt. Also das Ziel schon mal im Kopf runterkorrigiert, Hauptsache dranbleiben. So langsam habe ich die 12-Stundenmarke aber wirklich herbeigesehnt, denn bei der Hälfte des Rennens sollte man schon wenigstens einigermaßen Kilometer auf der Habenseite aufweisen können, sonst wird es wirklich ganz schwer für ein gutes Ergebnis. Nachdem ich in der Zeit zwischen sechs und zehn Stunden den Zeitverlust ganz gut in Grenzen halten konnte, musste ich jetzt doch deutlich rausnehmen. Es wurde jetzt schon echt richtig zäh. Normalerweise bin ich ja immer total auf den Wettkampf konzentriert, aber irgendwie hatte ich jetzt das Bedürfnis, mal was anderes zu hören und mich ein wenig abzulenken. Als in Taipeh 11 Stunden des Rennens vorbei waren, schlug die Uhr in Deutschland durch die Zeitverschiebung genau 13:00 Uhr. Das hieß auch, dass nun etwa 10000 Kilometer weiter westlich Anstoß zum zweitliga Duell FC Nürnberg gegen Sandhausen war. Als Betreuerin von einem 24h-Läufer hat man’s echt nicht einfach. Da steht man einen ganzen Tag an der Strecke und reicht das Fläschchen, um es eine Runde später wieder in Empfang zu nehmen. Man muss darauf achten, dass bei den wesentlichen Komponenten kein Defizit eintritt und notfalls auch mal zu vermehrten Salz- oder Vitargokonsum antreiben. Und jetzt… jetzt will er auch noch die Zwischenstände vom Glubb wissen…! Lange Rede, kurzer Sinn – ich habe auch meine gewünschten Live Zwischenstände bekommen. Dankeschön!
So langsam steuerten wir hier in Taipeh auch mit großen Schritten auf die Halbzeit zu. Diese gab es für uns zwar

Die neue Streckenrekordhalterin Courtney Dauwalter (USA) im Schlepptau

Die neue Streckenrekordhalterin Courtney Dauwalter (USA) im Schlepptau

nicht nach 45, sondern erst nach 720 Minuten, und verbunden mit einer Pause ist das Ganze leider auch nicht. Ja Pause… eine Pause wäre jetzt echt gut, aber irgendwie muss es ja immer weitergehen.
Ein Grund zur Freude ist das aber trotzdem immer. Ich hatte nun fast 340 Runden auf der 400m-Leichtathletikbahn absolviert, was etwa 134 Kilometern entspricht. Dementsprechend war ich nun schon satte sechs Kilometer hinter meinem Plan. Wenn man bedenkt, dass ich in sechs der zwölf Stunden ziemlich kraftlos gewesen bin, war das Zwischenergebnis ganz okay. Auch in Nürnberg war nun Halbzeit – noch 0:0.
Innerlich habe ich mich nun schon mal auf noch ganz harte 12 Stunden eingestellt. Dass hier was ganz großes nicht mehr drin ist, das wusste ich längstens – aber das musste es ja auch von vornherein nicht werden. Ein konstantes Ergebnis wollte ich aber weiterhin unbedingt erreichen, was auch immer „konstantes Ergebnis“ heißen mag. Im Kopf gingen mir nun verschiedene Ziele durch den Kopf: wenigstens 250 Kilometer. Vielleicht 252 Kilometer, wäre ja immer noch ein super Ergebnis, immerhin hat das in den letzen 15 Jahren kein anderer Deutscher außer ich selbst erreicht. Auf der anderen Seite auch Zweifel, ob ich überhaupt durchlaufen kann… komm‘ 240 ist doch wirklich das Mindeste, was drin sein muss. Auch wenn ich mental heute ganz gut drauf war, so ein kleiner positiver Impuls wäre jetzt schon auch mal ganz nett. Und plötzlich war er da – „1:0 Leibold – 69. Minute!“. Jawohl geht doch! Leichter wird’s hier deshalb zwar auch nicht, aber man kann sich ja trotzdem mal freuen. Vor allem war das jetzt wirklich mal eine ganz nette Ablenkung, da es nach fast 13 Stunden auf dieser gottverdammten 400m-Runde nur noch wenige neue visuelle Reize gab. Da ändert auch der Richtungswechsel, der alle vier Stunden – inklusive Wiegen beim Rennarzt im Schnelldurchlauf – durchgeführt wird nur wenig. So habe ich mir selbst ein bisschen Abwechslung reingebracht, in dem ich die Minuten runtergezählt habe, bis der Abpfiff in Nürnberg ertönen muss. Irgendwann war’s soweit und am Ergebnis hatte sich nix mehr geändert. Schon interessant, dass meine Rundenzeiten auf einmal, zumindest kurzfristig wieder flotter wurden.  Ein kleines bisschen Morgenluft habe ich selbst auch wieder gewittert und irgendwie war ich doch ein bisschen froh, dass ich trotz der Kraftlosigkeit über solche eine lange Zeit immernoch ohne größere Unterbrechungen im Laufen drin war. Mensch – vielleicht geht hier doch noch was ordentliches, vielleicht doch nochmal in Richtung 260 km. Vielleicht gibt es ja in Nürnberg im Sommer nach vierjähriger erstliga Abstinenz ein Comeback. Genauso wie bei mir in diesem Jahr, denn 2017 steht für mich, nach einem von Verletzungen dominierten Jahr 2016, als mein Comeback – und zwar ganz egal wie das hier und heute ausgeht. Der Gedanke gefiel mir irgendwie gerade richtig gut und in meinem Kopf hatten sich so ein paar Ohrwürmer eingenistet… ♫♫♫ Der Florian Reus ist wieder da……Ooohhh der FCN steigt wieder auf… (und die Fürther steigen ab 😉 )…♫♫♫. Okay… dann ist’s aber auch langsam wieder gut, zuviel Euphorie ist in einem 24h-Lauf auch nicht gut erfahrungsgemäß. Irgendwie hat sich das aber auch schnell wieder von selbst erledigt, auch wenn die Rundenzeiten mal für einige Minuten wieder schneller waren, so richtig viel gaben die Beine heute einfach nicht her. Das Tempo wurde jetzt auch wirklich kontinuierlich langsamer und man braucht sich nichts mehr vormachen – es geht heute wirklich ausschließlich ums Finishen. Das Finishen wollte ich aber wirklich unbedingt, das war tatsächlich alternativlos. Es ist mein Comebackjahr und da möchte ich auf gar keinen Fall mit einem negativen Gefühl in die Winterpause gehen. Und dann gibt es hier in Taipeh natürlich noch einen ganz anderen Grund… es ist wirklich wahnsinn welches Engagement hier von den vielen Volunteers herrscht. Ich finde das wirklich klasse wie sich diese jungen Menschen hier für das Rennen einsetzen und mit großer Begeisterung mit Anpacken. Ihnen ist es egal, ob Du 280, 260 oder halt nur 200 Kilometer läufst… das entscheidende ist, dass Du das Ding durchziehst, egal was kommt. Überall ist es zu lesen, das Motto der Veranstaltung „I complete – Never give up!“.- auf Fahnen, auf Plakaten, auf den T-Shirts der unzähligen Helfer sowieso. Das ist auch der Spirit, den ich im Ultramarathon lebe. Durchziehen, egal was kommt. In den letzten sieben Jahren ist mir das ein einziges mal nicht gelungen, sonst immer. Hier in Taipeh habe ich regelmäßig dermaßen auf die Fresse bekommen, man muss es wirklich so drastisch sagen ausdrücken muss. Und trotzdem stand und steht es niemals zur Debatte vorzeitig abzubrechen – das ist man den Leuten hier einfach schuldig!
Und genau so war es auch heute. So richtig zurück in das Rennen habe ich einfach nicht mehr gefunden und eigentlich war es in der allermeistern Zeit einfach nur so ein durchhangeln von Stunde zu Stunde. Im letzten Viertel der Gesamtzeit waren dann schon auch echt längere Abschnitte dabei, in denen ich sogar gehen musste. Irgendwie hatte ich aber trotzdem das Gefühl noch das Beste aus der Situation zu machen. In der letzten Stunden habe ich mich dann sogar noch mal richtig reingekniet und um jeden Kilometer gekämpft. Ich wusste, dass ich irgendwo zwischen 220 und 230 Km rauskommen werde, mir war aber dann jeder einzelne Kilometer wichtig, damit ich das Ergebnis auch rein objektiv als Finish verbuchen kann. So kam am Schluss ein Ergebnis von 228 Kilometer raus, was den achten Rang in der Ergebnisliste bedeutete.
Bitte nicht falsch verstehen… nur Finishen darf im Leben nicht mein Anspruch sein. Ich war mit dem Resultat fast 36 Kilometer weit von meiner persönlichen Bestleistung entfernt. In diesem Leistungsbereich entspricht diese Entfernung wirklich Lichtjahre. Oberhalb von 250 Kilometern wird die Luft unheimlich dünn, da du dir da kaum Schwächen erlauben kannst. Dementsprechend ist es auch echt schwer immer in diese Bereich vorzustoßen. Und dann hast du natürlich Läufe, die liegen dir mehr und dafür gibt es andere bei denen funktioniert es halt weniger gut. Bei den Weltmeisterschaften habe ich eigentlich immer liefern können in den letzten Jahren. In Taipeh scheinen mir die Bedingungen nicht so wirklich zu liegen, das muss ich mir eingestehen. An meine Begeisterung für diese Veranstaltung ändert sich dadurch jedoch nichts. Es war trotz allem wieder toll hier dabei sein zu dürfen, in einem erstklassig besetzten Feld. Hierfür bin ich dankbar! Genauso bin ich auch dankbar, dass 2017 im Großen und Ganzen eine erfolgreiche Saison gewesen war. In diesem Sinne… Comeback2017!

Mein nunmehr fünfter Start im Nationaltrikot bei einer 24h-Weltmeisterschaft. Diese WM war jedoch etwas „anders“, denn solch ein Chaos hinsichtlich der elektronischen Rundenerfassung habe ich bislang noch bei keinem anderen Lauf erlebt. Anders waren auch ganz sicher die Vorzeichen für meinen Einsatz in Belfast gesetzt. Zum einen war es eine neue Situation, als Titelverteidiger mit den entsprechenden Erwartungen ins Rennen zu gehen und zum anderen, da diese WM für mich schon so etwas wie ein geplantes Comeback darstellen sollte. Das Jahr 2016 ist aus gesundheitlicher Sicht nicht gut für mich verlaufen. Nach vielen verletzungsfreien Jahren hat es mich doch auch mal erwischt und so musste ich große Teile der Saison abhaken. Als ich gerade wieder auf dem aufsteigenden Ast war und Ende des Jahres noch eine Last-Minute-Leistung abliefern wollte, um mit einem nicht ganz einfachen Jahr Frieden zu schließen, hat mich dann eine Erkältung beim 24h-Lauf in Taipeh ausgebremst. Diese Erfahrungen haben etwas verändert mit mir: Während ich mich jahrelang mit einer extrem breiten Brust an die Startlinie gestellt habe, nach dem Motto „scheißegal was passiert, ich und mein Körper werden es schon irgendwie meistern“, war dieses Vertrauen in die eigene Unverwundbarkeit vor dem Start in Nordirland in dieser Form nicht mehr da. Stattdessen war schon der ein oder andere Zweifel präsent. Dummerweise habe ich mich die Tage vor dem großen Rennen auch irgendwie gar nicht wohl gefühlt und Bauch- und Rückenbeschwerden haben die Zweifel auch nicht gerade weniger werden lassen.

Dementsprechend war ich heilfroh, als es endlich losging! Die Bedingungen waren nahezu optimal, brettebener 2-Kilometer-Kurs durch den Victoriapark, bei kühlen Temperaturen. Mir persönlich war das Wetter schon fast einen Ticken zu kühl, da das Ganze in Kombination mit der hohen Luftfeuchtigkeit muskulär oftmals nicht ganz so angenehm ist. Mein Plan war es wieder, die ersten 50 Kilometer in 4:48 min/km anzulaufen, was eine Durchgangszeit von vier Stunden bedeutet. Zu meiner Überraschung wurde es zu Beginn nicht das erwartet schnelle Rennen und insbesondere die Topfavoriten haben sich doch noch sehr zurückgehalten. Na gut, sollte mich nicht weiter tangieren, ich hatte einen Plan und den galt es weiter abzuarbeiten. Bis zum Ende des ersten Viertels blieb ich das weiterhin, um dann ein wenig von meinen Notizen auf dem Spickzettel abzuweichen. Dies hatte zwei Gründe, zum einen fühlte es sich heute irgendwie nicht so wirklich locker an und die Beine waren doch schon schwerer, als ich mir dies für diese Phase des Rennens gewünscht hatte. Zum anderen bekam ich doch mehr und mehr Probleme im Bereich des linken Hüftbeugers, bzw. der Aduktoren. In den ersten Stunden des Wettkampfs bin ich meist eisern Ideallinie gelaufen. Da die Innenbahn der Laufstrecke, welche wir gegen den Uhrzeigersinn laufen mussten, zum Teil ganz leicht abschüssig war, könnte ich mir vorstellen, dass dieses Problem aus dieser Tatsache resultierte. Um die Probleme nicht zu verschlimmern, lies ich mich im Schnelldurchlauf bei unserer Physiotherapeutin Annett behandeln. Zum Glück sollte das Problem im weiteren Rennverlauf keine leistungslimitierenden Auswirkungen haben.

Als es langsam in die Nacht ging, lief ich ganz oft mit meinen Nationalmannschaftskameraden Stu Thoms zusammen. In den ersten Stunden hatte ich Stu immer wieder mal überrundet. Nun war ich mit fortgeschrittener Dauer langsamer, Stu jedoch immer noch recht gleichmäßig unterwegs, so dass die Pace doch recht ähnlich war. So haben wir uns gegenseitig unterstützen können, und nachdem wir schon beim Vorbereitungstrainingslager in Wuppertal zusammen eine lange Einheit bestritten haben, war das motivierend.

Ein wichtiges Etappenziel im 24h-Lauf ist immer die Halbzeitmarke nach zwölf Stunden. Durch den bis dato nicht ganz planmäßigen Rennverlauf hatte ich ein klein wenig den Überblick verloren und war doch sehr auf die Zwischenergebnisse gespannt. Von nun an nahm das Chaos seinen Lauf! Zuerst war ich doch schon sehr verwundert und angefressen, warum unser Betreuerteam einfach nicht die 12h-Ergebnisse mitteilte. Die Antwort für diesen Umstand ist relativ leicht zu beantworten – es gab keine Zwischenergebnisse. Das war ärgerlich, da die Kilometerleistung nach 12 Stunden immer eine wichtige Orientierung für mich ist. Ich hatte auch schon seit einer ganzen Weile aufgehört, meine Rundenzeiten zu stoppen und meine Uhr abgelegt. Das mache ich häufig, wenn sich eine Krise anbahnt, aus psychologisch-strategischen Gründen. Vom Gefühl her konnte ich auch nicht sagen, ob ich schon irgendwas um die 142,143 Kilometer  oder nur 137 Kilometer auf dem Tacho hatte. In jedem anderen Rennen wäre mir diese Einschätzung wohl besser gelungen, aber heute war ich einfach zu ungleichmäßig unterwegs. Im 24h-Lauf ist es enorm wichtig, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, also habe ich mich nach ein wenig Fluchen mit der Situation arrangiert und bin davon ausgegangen, dass die technischen Probleme des Veranstalters sicher bald gelöst sein werden.

Einen richtigen Rythmus habe ich auch weiterhin nicht in meine Lauferei reinbekommen. Auch mental war das bislang nicht das, was ich eigentlich von mir gewohnt bin. Dieses stoische Durchziehen hat sich irgendwie einfach nicht einstellen wollen. Stattdessen war ich viel zu viel mit Nachdenken beschäftigt. Das muss wieder besser werden! 😉 Die Zeit ging naturgemäß dennoch irgendwie rum und so steuerte das Rennen so langsam aber sicher auf das letzte Viertel und ich auf eine heftige Krise zu. Geist und Körper waren nun doch sehr angeknockt. Noch dazu gingen mir die fehlenden Informationen so langsam aber sicher richtig auf den Zeiger, wo es doch jetzt ans Eingemachte geht, was die Platzierungen betrifft. Egal ob bei den WMs in Katowice, Steenbergen und Turin oder auch bei meinen Spartathlons, jedes Mal waren die Informationen über die Abstände immens wichtig. Diese Informationen sind für mich immer so etwas wie der Strohhalm an den ich mich klammere und wenn ich dann noch den Hauch einer Chance sehe, kann ich nochmal brutal reinhauen. So war es zumindest oftmals bei den aufgezählten Rennen, heute musste es so gelingen und immerhin, es waren ja gleiche Bedingungen für alle. Wirklich gut gelungen ist es mir in dieser Phase des Rennens jedoch nicht. Einige Wochen nach der WM habe ich von unserem Teamchef Norbert Madry erfahren, dass von den Läufern, welche nach 18 Stunden vor mir lagen, lediglich der Pole Sebastian Białobrzeski auch in der Endabrechnung vor mir gelandet ist. Die anderen drei bis fünf Läufer sind stattdessen ärgerlich. Man, man, man… da wäre schon auch noch mehr drin gewesen, rückblickend betrachtet. Nach der kurzen, aber heftigen Krise bin ich fünf Stunden vor Schluss dafür nochmal richtig aufgewacht. Vage Informationen unserer Betreuer machten mir Hoffnung, doch noch eine Medaille mit nach Hause zu nehmen und den Infos nach wäre auch die erfolgreiche Titelverteidigung noch möglich gewesen. Wie aus dem nichts war ich plötzlich wieder richtig präsent, die Gedanken klar und die Emotionen auf Angriff justiert! Jetzt war es wieder da, dieses WM-Feeling, wenn es richtig ans Eingemachte geht. Da die offiziellen Informationen weiterhin sehr spärlich waren, hat unser Betreuerteam von den Läufern, welche augenscheinlich noch um die Medaillen kämpfen, die jeweiligen Rundenzeiten gestoppt und mir diese mit Hilfe von Notizzetteln mitgeteilt. Das hat mir nun schon sehr geholfen. Irgendwann sind dann der spätere Sieger Yoshihiko Ishikawa (Japan) und auch Johan Steene (Schweden) ziemlich zügig an mir vorbeigelaufen, um mich ein weiteres Mal zu überrunden. In dem Moment war mir klar, dass es mit dem Titel dieses Jahr definitiv nix mehr wird. Aus dem Konzept hat mich dies jedoch nicht gebracht, da dies auch nicht mein erklärtes Ziel war, stattdessen wollte ich jetzt zumindest noch für eine Einzelmedaille kämpfen. Meinen Informationen nach müsste ich dazu jetzt „nur“ noch den Ungarn Tamas Rudolf abfangen, welcher wenige Kilometer vor mir lag. Noch gut vier Stunden Zeit, das muss doch zu schaffen sein! Und tatsächlich ziemlich genau drei Stunden vor dem Ende konnte ich ihn überholen. Auf Grund des Informationsdefizits war ich mir lediglich unsicher, ob ich jetzt schon vor ihm bin oder eben nur in der selben Runde. Die Überlegungen haben sich aber ganz schnell erledigt, denn beim Durchlaufen der Boxengasse wurde mir mitgeteilt, dass doch noch ein stark laufender Pole, nämlich der vorhin schonmal erwähnte Sebastian, vor mir liegt. In dem Moment habe ich für mich die Gewissheit gehabt, dass die Messe in Sachen Medaillenvergabe für mich gelesen ist. Es war jetzt wie wenn jemand mal einfach so den Motivationsstecker zieht und den imaginären Adrenalinhahn gleich mit zu dreht. Es war so ein hartes Rennen, jetzt noch mal mit aller Konsequenz um Rang vier, fünf oder sechs kämpfen, dafür fehlte mir nun wirklich die Energie. Dementsprechend lief ich das Rennen in den letzten 1,5 Stunden noch ordentlich zu Ende – mehr aber auch nicht. Letztendlich finde ich meinen Namen mit knapp 259 gelaufenen Kilometern und Platz 6 in der Ergebnisliste wieder.

Ich bin zufrieden. Nein – ich bin sogar sehr zufrieden, auch mit etwas Abstand zum Rennen. Ich muss zufrieden sein. Klar, die Erwartungshaltung „von außen“ war schon hoch, doch ich weiß selbst, dass es im 24h-Lauf keinen Bonus gibt – egal, was man auch immer für „Heldentaten“ schon in der eigenen Vita stehen hat. Mit Platz 6 habe ich mein Ziel, eine solide Leistung abzuliefern auf jeden Fall erreicht und mich nebenbei auch nach einem Jahr Abstinzenz wieder auf die Führungsposition der Deutschen Jahresbestenliste zurückgeschoben. DANKE an alle die dabei waren und auch an diejenigen, die von zu Hause aus mitgefiebert haben!

Knapp vier Wochen ist die WM in Belfast, mit all dem Chaos rund um die Rundenerfassung nun her… gestern wurde nun die Liste mit den Final Results auf der IAU-Seite veröffentlicht. Wie erwartet hat bei mir tatsächlich eine Runde in der ursprünglichen Liste gefehlt, welche mir jetzt gut geschrieben wurde. Damit lautet mein Endergebnis jetzt 258,662 Kilometer. An der Platzierung ändert es nix, da auch beim Fünften eine Runde gefehlt hat. Hier die finale Ergebnisliste

 

Mein Bericht zur Weltmeisterschaft in Belfast lässt noch etwas auf sich warten. Hier jedoch schon mal eine Nachbetrachtung in Interviewform bei TV Touring in meiner Heimatstadt Würzburg:

 

http://www.tvtouring.de/mediathek/video/interview-florian-reus-aus-wuerzburg-wird-sechster-bei-der-24h-wm/

Am Wochenende ist es soweit! Weltmeisterschaft im 24h-Lauf! Ich bin wirklich sehr gespannt was passieren wird und wer weiß… vielleicht klappt es ja sogar mit einer erfolgreichen Titelverteidigung. Dass dies mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen wird, verrät schon der Blick auf die Startliste, denn dort tauchen nahezu alle Namen auf, welche auch in den Weltjahresbestenlisten der vergangenen Jahre ganz vorne zu finden waren.

Mein oberstes Ziel ist es, auch bei dieser WM wieder eine grundsolide Leistung abzuliefern. Wenn sich im Rennverlauf die Chance auftut, den Wahnsinn von Turin noch einmal zu wiederholen, werde ich logischerweise dennoch alles daran setzen das zu schaffen. Die Strecke habe ich gestern Abend schon einmal besichtigen können. Sie ist wirklich nahezu optimal zu laufen, lediglich der doch recht ordentliche Wind und die kühlen Temperaturen könnten eventuell hinsichtlich möglichst guter Kilometerleistungen hinderlich sein.

Bislang habe ich noch keine Information, wo im Netz der Liveticker zum Mitfiebern angeboten wird. Zum Daumendrücken vielleicht einfach mal auf http://www.belfast24.com oder www.iau-ultramarathon.org schauen. Samstag um 12:00 Uhr (13:00 Uhr deutscher Zeit) ist Start.

Viele Grüße aus Belfast

Flo

 

Wieder startet ein neues Jahr und wieder gilt es sich Gedanken über Saisonplanung und Ziele zu machen – wobei

Mit dem "Traum von Turin" im Rücken, lässt es sich diesmal ohne Druck angehen!

Mit dem „Traum von Turin“ im Rücken, lässt es sich diesmal ohne Druck angehen!

dieser Prozess sicher nicht erst mit Eintritt des Neujahrstags beginnt. Wie in all den Jahren werde ich mich auch 2017auf einzelne, wenige ausgewählte Highlights konzentrieren. Bei Wettkämpfen jenseits der 200 Kilometer-Marke würde es auch sicherlich nicht anders funktionieren, zumindest nicht dann, wenn man bei den jeweiligen Rennen eine möglichst optimale Leistung abliefern will. Da die Weltmeisterschaften über 100 km und 24 h im jährlichen Wechsel ausgetragen werden, ist es 2017 also wieder soweit – Weltmeisterschaft! Mensch, welch magische Faszination hat allein das Wort „Weltmeisterschaft“ über viele Jahre auf mich ausgeübt. Für mich gibt es im Leistungssport nichts größeres, als EIN Wettkampf, zu dem die besten Athleten der jeweiligen Sportart/ -disziplin aus der gesamten Welt zusammenkommen. Ein jeder bereitet sich nach bestem Wissen und Gewissen vor, um dann am „Tag X“ alles in die Waagschale zu werfen. Faszinierend ist das Wort „Weltmeisterschaft“ auch allein schon deshalb für mich, weil der Traum, einmal eben diese zu gewinnen, über fast ein Jahrzehnt mein alltäglicher Begleiter war – als Motivation im Training sowieso, aber auch in meinem restlichen Leben; ja, es hat sogar meine außerläuferische Lebensgestaltung prägend mitgestaltet. Jahrelang hab ich mir dann bei den Weltmeisterschaften, die ja nicht gerade jeden zweiten Tag stattfinden, die Zähne ausgebissen, war zwei Mal ganz nah dran, in dem ich einmal Zweiter und einmal Dritter wurde. 2015 dann mein Jahr, mein Traum wurde wahr – aber die Story ist ja bekannt.

Die Zeit verfliegt und nun steht im Juli die erste Weltmeisterschaft seit Turin ’15, diesmal im nordirischen Belfast an. Es wäre meine erste Weltmeisterschaft als Titelverteidiger – für mich ist es Ehrensache, dann auch anzutreten. Selbstverständlich werde ich versuchen, den Titel erfolgreich zu verteidigen, aber es hat, glaube ich, wenig mit Tiefstapeln zu tun, wenn man hier von einem ziemlich schwierigen Unterfangen spricht. Eine erfolgreiche Titelverteidigung ist bislang lediglich der japanischen Legende Ryoichi Sekiya gelungen. In den letzten Jahren waren die Titelverteidiger sogar oftmals verletzungsbedingt erst gar nicht am Start. Meine 263,9 km aus Turin sind zwar bis zum heutigen Tage, obwohl das keine leichte Strecke war, noch nicht übertroffen worden, aber ich denke die letzten beiden Sätze sagen eigentlich schon alles…

Da dieser Artikel ja um die Ziele für 2017 geht, sollte ich nun auch endlich mal was zu meinem konkreten Ziel in Belfast schreiben.

Also hier mein Ziel: Langfristig und zielorientiert auf Belfast vorbereiten – gesund und fit an der Startlinie stehen… und dann vertraue ich einfach mal darauf, dass ich, wie bei allen Meisterschaftsläufen in den letzten Jahren, es auch bei dieser WM wieder hinbekomme, ans absolute Limit zu gehen. Und wenn dann auch noch ein bisschen Glück mit dazu kommt, ja dann kann es sogar tatsächlich was werden mit einer erfolgreichen Titelverteidigung.

Mein zweiter Zielwettkampf in diesem Jahr ist ebenfalls eine Meisterschaft – allerdings ist diese mindestens zwei Schuhgrößen kleiner. Nachdem ich mich in den letzten Jahren total auf die internationalen Wettkämpfe konzentriert habe, bin ich schon seit Juni 2012 keinen „richtigen“ Wettkampf mehr auf nationalem Boden gelaufen. Das wird sich in diesem Jahr ändern, denn ich möchte mal wieder bei der 24 h Deutschen Meisterschaft antreten. Diese findet in diesem Jahr im Frühherbst im thüringischen Gotha statt, mehr oder weniger im Stadtzentrum in einem schönen Ambiente rund ums dortige Schloss. Ich find’s klasse, denn genau dort, d. h. zentral bzw. an einer coolen Location sollte die Zukunft des 24 h-Laufs liegen, wenn man aus dem Nischendasein rauskommen will! Von daher habe ich Lust, wieder mal bei einer DM zu laufen, auch wenn da die Konkurrenzsituation logischerweise nicht ganz so reizvoll ist wie bei großen internationalen Wettkämpfen.

Ein Wunsch wäre es, bei einem der beiden 24er die persönliche Bestleistung tatsächlich noch etwas nach oben zu schrauben. Meine 263,9 km sind ja eigentlich nicht so wirklich repräsentativ, da das in Turin etwas suboptimal war, was die Streckenführung angeht. Von daher müsste da, meiner Meinung nach, auf einer flachen Strecke und an einem guten Tag schon deutlich mehr drin sein. Aber klar, … in der Theorie lässt sich das alles immer so einfach sagen …

Eventuell werde ich im Übrigen als „Aufbauwettkampf“ auch mal einen 100er laufen. Die 100 km sind mir zwar eigentlich entschieden zu kurz, aber wenigstens eine repräsentative und einigermaßen brauchbare 100-km-Zeit möchte ich dann schon auch noch klarmachen.

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