24h-Lauf in Taipeh 2017

Mittlerweile ist es ja fast schon eine Tradition, dass ich zum Jahresabschluss nach Taipeh reise, um am 24h-Lauf der

Nächtliche Verpflegung

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Soochow University teilzunehmen. Die Veranstaltung ist mir mittlerweile wirklich ans Herz gewachsen und umso mehr freut es mich, dass ich auch in diesem Jahr wieder eine Einladung erhalten habe. Im Gegensatz zu den Jahren davor, habe ich als die Einladung im August kam, erstmal noch um ein paar Wochen Bedenkzeit gebeten, bis ich dann tatsächlich zugesagt habe. Das Zögern hatte zwei Gründe. Zum einen weiß ich, dass mir die Bedingungen in Taiwan nicht so ganz einfach fallen und bislang war ich dort immer recht deutlich von meinen besten Ergebnissen entfernt. Zum anderen war ich, gerade mit etwas Abstand, mit dem Ergebnis bei der WM in Belfast absolut zufrieden. Dementsprechend war ich mir nicht ganz sicher, ob ich mir wirklich noch einen nach besten Wissen und Gewissen vorbereiteten 24h-Lauf in diesem Jahr antun sollte. Letztendlich war die Entscheidung zu starten doch so etwas wie eine Herzensangelegenheit.
Für den Entschluss hat sicherlich auch eine Rolle gespielt, dass sich nicht nur ich, sondern auch meine bessere Hälfte Nicole, durch die Reisen in das Land Taiwan verliebt hat. In Nicoles Fall hat das sogar soweit geführt, dass sie seit 1,5 Jahren chinesisch lernt – soweit ging die Liebe bei mir dann doch noch nicht, was mangels Talent wahrscheinlich auch besser so ist ;). Liebe zum Land und der Veranstaltung hin oder her, klar war natürlich auch, dass ich nicht nur zum lockeren Jogging nach Taiwan fliegen werde. Die Vorbereitung lief auch wirklich sehr vielversprechend, dennoch hatte ich aufgrund der Erfahrungen von den vergangenen Auflagen eine gehörige Portion Respekt. Respekt hatte ich vor allem aber auch vor dem Hinflug. 2016 war wirklich ein ganz unglückliches Jahr. Zuerst hat es mich verletzungstechnisch ordentlich erwischt und als ich dann gerade rechtzeitig mit einer abgespeckten Vorbereitung wieder einsatzbereit für einen 24er war, habe ich mir damals auf dem Hinflug nach Taiwan eine Erkältung eingefangen. Dementsprechend war ich diesmal wirklich mega, mega, mega vorsichtig und habe im Flieger und beim Umsteigen in Shanghai immer Schal, Mütze und sogar Winterjacke griffbereit gehabt. In diesem Jahr ging diesbezüglich auch alles gut, sowie das abgesehen von 2016 ja in den Jahren davor auch bei allen wichtigen Rennen der Fall war. Wie immer war vor Ort alles perfekt organisiert und ich hatte die Tage vor dem Lauf nochmal ganz gut Kräfte sammeln können. Lediglich der Freitag war ein wenig anstrengend, da die Tagesordnung mit Interviews, Pressekonferenz, Eröffnungsfeier und technical meeting volles Programm vorsah.
Nichtsdestotrotz habe ich dann aber in der Nacht vor dem Rennen wirklich vorzüglich geschlaffen und hatte mich vor dem Start richtig frisch gefühlt.
Für das Rennen war diesmal ein deutlich vorsichtigerer Beginn vorgesehen, wie das bei den letzten internationalen Auftritten der Fall war. Durch die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren, hatte ich vor allem hinsichtlich der klimatischen Bedingungen echt Respekt. Die Marschroute sah dementsprechend vor mit einer Pace von 5:08 min/km die erste Hälfte des Rennens zu bestreiten. Die ersten vier Stunden, bis zum ersten Richtungswechsel empfand ich so doch relativ entspannt. Nach sechs Stunden war ich mit 70 gelaufenen Kilometern immer noch exakt im festgelegten Plan. Ich habe zu dem Zeitpunkt aber schon gemerkt, dass ich das Tempo nicht halten werden können. Bei all meinen bisherigen Teilnahmen hatte ich zu dieser Phase des Rennens eine Schwächeperiode. Wahrscheinlich liegt es auch ein Stück weit am Biorhythmus, da mein Organismus noch nicht vollständig an die taiwanesische Zeit angepasst ist. Ich habe in meiner 24h-Lauf-Vita schon viele heftige Kriesen im Wettkampf erlebt. Aus diesen Erfahrungen weiß ich, dass es in der Regel ungefähr drei Stunden dauert bis man sich wieder erholt. Es ist echt interessant, man kann sich von einer Schwächeperiode im 24h-Lauf tatsächlich erholen und das mit den drei Stunden hat sich oft bewahrheitet. Wichtig ist in solch einer Phase halt, dass man nicht zu viel Zeit verliert und konstant im Laufen bleibt. Vor dem Wettkampf habe ich mir vorgenommen, das Rennen mal wieder mit mehr stoischer Ruhe durchzuziehen, denn genau das war eigentlich immer meine große Stärke gewesen. Bei der WM in Belfast ist mir das jedoch in diesem Jahr nicht soooo gut gelungen, auch wenn das Endergebniss ja echt in Ordnung war. Hier in Taipeh hat dies aber wieder deutlich besser geklappt und ich hab versucht mich irgendwie ohne großes Hadern die folgenden Stunden durchzuhangeln. Nichtmal mein Betreuerteam hat lange Zeit gemerkt, dass es mir eigentlich gerade nicht so furchtbar gut geht. Spätestens als die große Stoppuhr auf der Zielgerade zehn Stunden angezeigt hatte, wusste ich dass dies nicht einfach nur eine vorübergehende Kriese ist, denn die Power kam nicht so wirklich zurück. Gewusst habe ich spätestens jetzt auch, dass das hier und heute noch ein ganz hartes Stück arbeit werden wird. Egal – wir nehmen es heute so wie es kommt. Also das Ziel schon mal im Kopf runterkorrigiert, Hauptsache dranbleiben. So langsam habe ich die 12-Stundenmarke aber wirklich herbeigesehnt, denn bei der Hälfte des Rennens sollte man schon wenigstens einigermaßen Kilometer auf der Habenseite aufweisen können, sonst wird es wirklich ganz schwer für ein gutes Ergebnis. Nachdem ich in der Zeit zwischen sechs und zehn Stunden den Zeitverlust ganz gut in Grenzen halten konnte, musste ich jetzt doch deutlich rausnehmen. Es wurde jetzt schon echt richtig zäh. Normalerweise bin ich ja immer total auf den Wettkampf konzentriert, aber irgendwie hatte ich jetzt das Bedürfnis, mal was anderes zu hören und mich ein wenig abzulenken. Als in Taipeh 11 Stunden des Rennens vorbei waren, schlug die Uhr in Deutschland durch die Zeitverschiebung genau 13:00 Uhr. Das hieß auch, dass nun etwa 10000 Kilometer weiter westlich Anstoß zum zweitliga Duell FC Nürnberg gegen Sandhausen war. Als Betreuerin von einem 24h-Läufer hat man’s echt nicht einfach. Da steht man einen ganzen Tag an der Strecke und reicht das Fläschchen, um es eine Runde später wieder in Empfang zu nehmen. Man muss darauf achten, dass bei den wesentlichen Komponenten kein Defizit eintritt und notfalls auch mal zu vermehrten Salz- oder Vitargokonsum antreiben. Und jetzt… jetzt will er auch noch die Zwischenstände vom Glubb wissen…! Lange Rede, kurzer Sinn – ich habe auch meine gewünschten Live Zwischenstände bekommen. Dankeschön!
So langsam steuerten wir hier in Taipeh auch mit großen Schritten auf die Halbzeit zu. Diese gab es für uns zwar

Die neue Streckenrekordhalterin Courtney Dauwalter (USA) im Schlepptau

Die neue Streckenrekordhalterin Courtney Dauwalter (USA) im Schlepptau

nicht nach 45, sondern erst nach 720 Minuten, und verbunden mit einer Pause ist das Ganze leider auch nicht. Ja Pause… eine Pause wäre jetzt echt gut, aber irgendwie muss es ja immer weitergehen.
Ein Grund zur Freude ist das aber trotzdem immer. Ich hatte nun fast 340 Runden auf der 400m-Leichtathletikbahn absolviert, was etwa 134 Kilometern entspricht. Dementsprechend war ich nun schon satte sechs Kilometer hinter meinem Plan. Wenn man bedenkt, dass ich in sechs der zwölf Stunden ziemlich kraftlos gewesen bin, war das Zwischenergebnis ganz okay. Auch in Nürnberg war nun Halbzeit – noch 0:0.
Innerlich habe ich mich nun schon mal auf noch ganz harte 12 Stunden eingestellt. Dass hier was ganz großes nicht mehr drin ist, das wusste ich längstens – aber das musste es ja auch von vornherein nicht werden. Ein konstantes Ergebnis wollte ich aber weiterhin unbedingt erreichen, was auch immer „konstantes Ergebnis“ heißen mag. Im Kopf gingen mir nun verschiedene Ziele durch den Kopf: wenigstens 250 Kilometer. Vielleicht 252 Kilometer, wäre ja immer noch ein super Ergebnis, immerhin hat das in den letzen 15 Jahren kein anderer Deutscher außer ich selbst erreicht. Auf der anderen Seite auch Zweifel, ob ich überhaupt durchlaufen kann… komm‘ 240 ist doch wirklich das Mindeste, was drin sein muss. Auch wenn ich mental heute ganz gut drauf war, so ein kleiner positiver Impuls wäre jetzt schon auch mal ganz nett. Und plötzlich war er da – „1:0 Leibold – 69. Minute!“. Jawohl geht doch! Leichter wird’s hier deshalb zwar auch nicht, aber man kann sich ja trotzdem mal freuen. Vor allem war das jetzt wirklich mal eine ganz nette Ablenkung, da es nach fast 13 Stunden auf dieser gottverdammten 400m-Runde nur noch wenige neue visuelle Reize gab. Da ändert auch der Richtungswechsel, der alle vier Stunden – inklusive Wiegen beim Rennarzt im Schnelldurchlauf – durchgeführt wird nur wenig. So habe ich mir selbst ein bisschen Abwechslung reingebracht, in dem ich die Minuten runtergezählt habe, bis der Abpfiff in Nürnberg ertönen muss. Irgendwann war’s soweit und am Ergebnis hatte sich nix mehr geändert. Schon interessant, dass meine Rundenzeiten auf einmal, zumindest kurzfristig wieder flotter wurden.  Ein kleines bisschen Morgenluft habe ich selbst auch wieder gewittert und irgendwie war ich doch ein bisschen froh, dass ich trotz der Kraftlosigkeit über solche eine lange Zeit immernoch ohne größere Unterbrechungen im Laufen drin war. Mensch – vielleicht geht hier doch noch was ordentliches, vielleicht doch nochmal in Richtung 260 km. Vielleicht gibt es ja in Nürnberg im Sommer nach vierjähriger erstliga Abstinenz ein Comeback. Genauso wie bei mir in diesem Jahr, denn 2017 steht für mich, nach einem von Verletzungen dominierten Jahr 2016, als mein Comeback – und zwar ganz egal wie das hier und heute ausgeht. Der Gedanke gefiel mir irgendwie gerade richtig gut und in meinem Kopf hatten sich so ein paar Ohrwürmer eingenistet… ♫♫♫ Der Florian Reus ist wieder da……Ooohhh der FCN steigt wieder auf… (und die Fürther steigen ab 😉 )…♫♫♫. Okay… dann ist’s aber auch langsam wieder gut, zuviel Euphorie ist in einem 24h-Lauf auch nicht gut erfahrungsgemäß. Irgendwie hat sich das aber auch schnell wieder von selbst erledigt, auch wenn die Rundenzeiten mal für einige Minuten wieder schneller waren, so richtig viel gaben die Beine heute einfach nicht her. Das Tempo wurde jetzt auch wirklich kontinuierlich langsamer und man braucht sich nichts mehr vormachen – es geht heute wirklich ausschließlich ums Finishen. Das Finishen wollte ich aber wirklich unbedingt, das war tatsächlich alternativlos. Es ist mein Comebackjahr und da möchte ich auf gar keinen Fall mit einem negativen Gefühl in die Winterpause gehen. Und dann gibt es hier in Taipeh natürlich noch einen ganz anderen Grund… es ist wirklich wahnsinn welches Engagement hier von den vielen Volunteers herrscht. Ich finde das wirklich klasse wie sich diese jungen Menschen hier für das Rennen einsetzen und mit großer Begeisterung mit Anpacken. Ihnen ist es egal, ob Du 280, 260 oder halt nur 200 Kilometer läufst… das entscheidende ist, dass Du das Ding durchziehst, egal was kommt. Überall ist es zu lesen, das Motto der Veranstaltung „I complete – Never give up!“.- auf Fahnen, auf Plakaten, auf den T-Shirts der unzähligen Helfer sowieso. Das ist auch der Spirit, den ich im Ultramarathon lebe. Durchziehen, egal was kommt. In den letzten sieben Jahren ist mir das ein einziges mal nicht gelungen, sonst immer. Hier in Taipeh habe ich regelmäßig dermaßen auf die Fresse bekommen, man muss es wirklich so drastisch sagen ausdrücken muss. Und trotzdem stand und steht es niemals zur Debatte vorzeitig abzubrechen – das ist man den Leuten hier einfach schuldig!
Und genau so war es auch heute. So richtig zurück in das Rennen habe ich einfach nicht mehr gefunden und eigentlich war es in der allermeistern Zeit einfach nur so ein durchhangeln von Stunde zu Stunde. Im letzten Viertel der Gesamtzeit waren dann schon auch echt längere Abschnitte dabei, in denen ich sogar gehen musste. Irgendwie hatte ich aber trotzdem das Gefühl noch das Beste aus der Situation zu machen. In der letzten Stunden habe ich mich dann sogar noch mal richtig reingekniet und um jeden Kilometer gekämpft. Ich wusste, dass ich irgendwo zwischen 220 und 230 Km rauskommen werde, mir war aber dann jeder einzelne Kilometer wichtig, damit ich das Ergebnis auch rein objektiv als Finish verbuchen kann. So kam am Schluss ein Ergebnis von 228 Kilometer raus, was den achten Rang in der Ergebnisliste bedeutete.
Bitte nicht falsch verstehen… nur Finishen darf im Leben nicht mein Anspruch sein. Ich war mit dem Resultat fast 36 Kilometer weit von meiner persönlichen Bestleistung entfernt. In diesem Leistungsbereich entspricht diese Entfernung wirklich Lichtjahre. Oberhalb von 250 Kilometern wird die Luft unheimlich dünn, da du dir da kaum Schwächen erlauben kannst. Dementsprechend ist es auch echt schwer immer in diese Bereich vorzustoßen. Und dann hast du natürlich Läufe, die liegen dir mehr und dafür gibt es andere bei denen funktioniert es halt weniger gut. Bei den Weltmeisterschaften habe ich eigentlich immer liefern können in den letzten Jahren. In Taipeh scheinen mir die Bedingungen nicht so wirklich zu liegen, das muss ich mir eingestehen. An meine Begeisterung für diese Veranstaltung ändert sich dadurch jedoch nichts. Es war trotz allem wieder toll hier dabei sein zu dürfen, in einem erstklassig besetzten Feld. Hierfür bin ich dankbar! Genauso bin ich auch dankbar, dass 2017 im Großen und Ganzen eine erfolgreiche Saison gewesen war. In diesem Sinne… Comeback2017!