Schon kurz nach der Weltmeisterschaft im April habe ich eine Einladung für den 24-Stunden-Lauf der Soochow University in Taipeh erhalten. Da ich die Veranstaltung schon vom letzten Jahr kannte und mir das Event wirklich sehr gut gefällt, habe ich, wohl auch beeinflusst durch die Euphorie nach dem Gewinn der WM, keine Sekunde mit der Zusage gezögert. Allerdings gibt es

Gemeinsam mit meinem Team
Gemeinsam mit meinem Team

für die Teilnahme in Taipeh einen großen Haken, nämlich in der Form, dass der Lauf bereits acht Wochen nach dem Spartathlon stattfindet. So habe ich meine Zusage wenige Tage nach dem Spartathlon schon ein klein wenig bereut, da ich jetzt nach dem sensationellen Jahr 2015 am liebsten die Saison abgeschlossen hätte, denn zu toppen waren die bisherigen Ergebnisse für mich in diesem Jahr kaum noch. Aber – Zusage ist Zusage und ganz davon abgesehen, habe ich mich ja auch schon eine ganze Weile auf Taiwan und seine Menschen gefreut. So ganz neu war die Konstellation für mich ja auch nicht, denn auch in 2014 lagen nur wenige Wochen Abstand zwischen dem Spartathlon und dem 24-h-Lauf in Taipeh. Allerdings musste ich in diesem Jahr feststellen, dass die Regeneration nach dem Spartathlon deutlich schlechter verlief als im letzten Jahr. Insbesondere die Muskulatur im rückwärtigen Oberschenkelbereich fühlte sich auch nach einigen Wochen mit verminderten Trainingsumfängen nicht so locker an, wie ich mir das gewünscht hätte und auch der absolute Erfolgs-Biss war jetzt am Ende eines solch tollen Jahres nicht mehr zu 100 % da. Auf der anderen Seite wusste ich, dass ich in Taipeh eigentlich gar nichts zu verlieren hatte und ich dort völlig ohne Druck laufen kann. Mut machte mir auch der Rennverlauf vom vergangenen Jahr. Damals bin ich völlig ohne Erwartungen ins Rennen gegangen, war aber dann wider Erwarten lange Zeit auf Kurs „Deutscher Rekord“ gelegen. Bei dem damaligen Rennen hätte ich in den letzten drei Stunden nur noch lediglich 32 Kilometer laufen müssen, um den Rekord zu brechen, was mir aber leider nicht mehr gelingen sollte (siehe auch Bericht von 2014). Auf Grund dieser Erfahrungswerte war es mein Plan, trotz der schlechten Vorzeichen meine Renntaktik in Richtung des Deutschen Rekordes auszulegen.

Meinen Flug habe ich so gewählt, dass ich erst am Donnerstag in den Mittagsstunden in Taipeh ankomme. Das hatte zwar zu bedeuten, dass ich am Samstag mit einem Jetlag an der Startlinie stehen sollte, aber genau das habe ich gerne in Kauf genommen, da ich ebenfalls aus 2014 gelernt hatte, dass dies in einem 24-h-Lauf unter Umständen sogar ein Vorteil sein kann. Der Vorwettkampftag bestand dann hauptsächlich aus Carboloading, Pressekonferenz und der Eröffnungszeremonie. Ich glaube, es gibt weltweit keinen anderen 24-h-Lauf, der so perfekt organisiert ist, wie der an der Soochow University. Man braucht sich hier wirklich so gut wie um nichts zu kümmern, da jeder der eingeladenen Läufer zwei Volunteers zur Seite gestellt bekommt.

Japanischer Schlachtenbummler
Japanischer Schlachtenbummler

Der Startschuss sollte am Samstag bereits um 9:00 Uhr morgens erfolgen und schon nach wenigen Runden auf der 400-m-Leichtathletikbahn übernahm ich gemeinsam mit dem Japaner Yoshikazu Hara, die Führung des Rennens. Wir liefen in dieser Phase des Rennens meist eine Geschwindigkeit von etwa 4:50 Minuten/Kilometer. Da ich aber bei dem Rennen wirklich gar nichts zu verlieren hatte und dementsprechend auch mehr Risiko als gewöhnlich eingehen wollte, wurde mir die Pace schon nach einer halben Stunde zu langsam, so dass ich beschloss erstmal mein eigenes Ding durchzuziehen und die Spitze alleine zu übernehmen. Phasenweise zeigte meine Garmin-Uhr jetzt eine Pace von 4:30 min/km an, was doch einige Zweifel in meinem Kopf hervorrief, aber auf der anderen Seite habe ich mir im Vorfeld des Wettkampfs vorgenommen, es heute in der Anfangsphase mal richtig laufen zu lassen. Obwohl die Bedingungen auf Grund des diesjährigen El-Niño-Phänomens recht schweißtreibend waren, absolvierte ich die ersten 50 Kilometer in einer Zeit von etwa 3:55 Stunden. Auch wenn ich das Tempo zwar ohne Probleme halten konnte, fühlte sich die Muskulatur aber bereits in dieser frühen Phase des Rennens nicht so locker an, wie es eigentlich hätte sein sollen. Etwa zwei Stunden später benötigte ich bereits, beinahe planmäßig, einen ersten Jetlag-bedingten Becher Kaffee. Die 100-km-Marke habe ich nach 8:06 Stunden überquert, bevor langsam aber sicher die Dunkelheit Einzug hielt und das Stadion in grelles Flutlicht gehüllt wurde. Gerade die Abendstunden sind bei diesem Lauf sehr schön, da jetzt einige Bands auf der nahegelegenen Bühne auftreten. Was allerdings nicht so schön gewesen ist, war die Tatsache, dass ich mehr und mehr muskuläre Probleme bekam. Insbesondere die Oberschenkel haben sich, sowohl rückseitig als auch vorderseitig gar nicht gut angefühlt. Irgendwie hat mich das Ganze sehr stark an die WM in Turin erinnert, auch da hatte ich nach einer ähnlichen Renndauer mit muskulären Problemen der allerfeinsten Sorte zu kämpfen. Damals habe ich diese Probleme mit viel Geduld und Leidensfähigkeit wieder rauslaufen können, was ja dann am Schluss mit dem Titel belohnt wurde. Auch am heutigen Tage habe ich verschiedenartigste Maßnahmen versucht, um eine Besserung zu erzielen. Weder eine kurze Behandlung mit Wärmecreme, das Einstreuen von flotteren Abschnitten, noch eine Massagepause haben wirklich geholfen. Dummerweise hat jetzt auch ein Stück weit die Leidenschaft und die Bereitschaft, sich am Ende des Jahres noch einmal richtig zu quälen, etwas zu wünschen übrig gelassen. Durch die Pausen hat dann irgendwann auch der Kreislauf etwas verrückt gespielt und zehn Stunden vor Schluss war klar, dass mit einem Topergebnis für mich bei diesem Rennen nicht mehr zu rechnen ist. Irgendwann bin ich dann auch gar nicht mehr richtig in den Laufrhythmus reingekommen. Dennoch war für mich zu keiner Zeit des Rennens ein vorzeitiger Ausstieg zur Debatte gestanden – alleine schon aus Respekt und Dankbarkeit für die Einladung gegenüber dem Veranstalter. Außerdem habe ich schon seit Mai 2010 keinen Wettkampf mehr vorzeitig beendet und diese Serie wollte ich nicht reißen lassen – man weiß nie für was es gut ist, sich durchzukämpfen und wenn es nur die größere Hemmschwelle bei nachfolgenden Rennen ist, vorzeitig

Wandern statt Laufen, doch Aufgeben war keine Option
Wandern statt Laufen, doch Aufgeben war keine Option. Daneben Sieger Ivan Cudin (Italien)

auszusteigen. Deshalb beschloss ich, in der restlichen Zeit zu Ende zu marschieren. Allerdings sollte es noch ein ziemlich langer Wandertag für mich werden, da noch mehr als acht Stunden zu absolvieren waren. Damit war aber schon klar, dass eine andere Serie reißen wird: Seit meinem Comeback im Jahre 2011 bin ich nämlich nicht nur bei keinem Lauf mehr ausgestiegen, sondern auch bei allen langen Ultraläufen, egal ob national oder international, immer auf dem Siegertreppchen gelandet und in dieser Zeit bin ich immerhin neun solcher Ultraläufe gelaufen. Die folgenden Stunden verliefen dann relativ unspektakulär, das Rennen war ja sowieso schon längst für mich gelaufen. Am Schluss standen lediglich 201 Kilometer für mich zu Buche. Das ist natürlich ein Ergebnis mit dem ich nicht so wirklich viel anfangen kann, aber wirklich enttäuscht bin ich darüber nicht. Letztendlich waren die Voraussetzungen schon im Vorfeld des Rennens alles andere als gut für mich und das Jahr verlief so oder so wie im Traum. Vielleicht ist zu diesem Zeitpunkt so ein kleiner Schuss vor den Bug auch gar nicht mal so schlecht, nicht dass man vergisst, dass immer wieder auf’s Neue harte Arbeit erforderlich ist.

 

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