Mittlerweile befinde ich mich schon in der zwölften Ultramarathon-Saison. In all den Jahren habe ich tausende von Kilometern bei verschiedensten Wettkämpfen und in etlichen Trainingseinheiten abgespult. Doch eines hat es bislang noch nie gegeben – die Teilnahme als Läufer an einem Radrennen.

Irgendwann im Februar bekam ich einen Anruf vom Biketempel in Eschborn, der mich schon seit einiger Zeit bei meinem Sport unterstützt. Stefan machte mir den Vorschlag, beim Radrennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ mitzulaufen. Ich war gleich begeistert, allerdings war das zu dem Zeitpunkt alles noch sehr vage und so plante ich weiterhin für die 100-km-DM am 10.5. in Husum, die als Aufbauwettkampf für meine Jahreshighlights

Streckenbesichtigung
Streckenbesichtigung
dienen sollte. Je näher jedoch der 1. Mai heranrückte, umso konkreter wurde das Unterfangen als „Exot“ bei Radrennfahrern mitzulaufen. Wichtig war es, das Ganze so sicher wie möglich zu gestalten – oder anders ausgedrückt, mein oberstes Gebot war es, niemanden zu gefährden. Dementsprechend war für mich auch klar, das Tempo so zu wählen, dass mich an diesem Tag nichts eilt. Als 24h-Läufer hat sich es da natürlich angeboten, meine Pace von diesen Wettkämpfen auch am 1. Mai zu wählen. Ursprünglich war eigentlich geplant, die gleiche Strecke wie die Jedermann-Radfahrer der Velotour abzulaufen. Allerdings hätte ich so auf die zwei Highlights Mammolshainer Hang und Zieleinlauf in Frankfurt verzichten müssen. So wurde kurzerhand eine individuelle Strecke für mich entworfen, die sogar ein kleines Stück länger als die der Velotour war. Hier findet ihr meinen Streckenplan.

Nach all der Planerei war es also soweit und mein Wecker klingelte schon um 3:50 Uhr. Nach einem ausgiebigen Frühstück, wie vor Wettkämpfen mit Weißbrot und Honig verging die Zeit wie im Fluge, so dass dann doch etwas Hektik aufkam. Immerhin habe ich mich schon um 5:30 Uhr mit einem Reporter des Hessischen Rundfunks am Startgelände verabredet, um noch ein paar Aufnahmen vor dem Start zu machen. Also schnell die knapp vier Kilometer von Sulzbach nach Eschborn rübergefahren und schon konnte das Abenteuer beginnen. Der Startschuss war für 6:15 Uhr angesetzt und sollte vom Cheforganisator Bernd Moos-Achenbach höchstpersönlich abgegeben werden. Da für das Fernsehen aber noch der Startbogen aufgepumpt werden sollte, hat sich das Ganze aber noch um fast 15 Minuten verzögert. Auch wenn dadurch mein Zeitplan erstmal durcheinander war, sollte das am heutigen Tag nicht das Problem darstellen, da ich ja einen ausreichenden Zeitpuffer hatte. Nach dem Start ging es für mich erstmal über Steinbach

Auf den ersten Kilometern
Auf den ersten Kilometern
und Weißkirchen über nicht abgesperrte Straßen rüber nach Frankfurt-Kalbach, um dort wieder auf die offizielle Radstrecke zu stoßen. Zum Glück war um die Uhrzeit bis auf ein paar alkoholisierte Nachtschwärmer nicht fiel los auf den Straßen. So erlaubte ich es mir, die Regeln der Straßenverkehrsordnung zu ignorieren und die roten Ampeln in konstanter Zuverlässigkeit zu übersehen. Nach etwa 19 Kilometer erreichten wir Bad Homburg, wo es durch die schöne Fußgängerzone ging. Wenige Kilometer später erreichten wir Oberursel, wo wir den Kameramann des Hessischen Rundfunks, der im Begleitfahrzeug mitfuhr, am Bahnhof absetzten. Eigentlich war es eine schöne morgendliche Stimmung beim Durchlaufen der Kleinstädte und Ortschaften, wo der Aufbau für das Radrennen in vollem Gange war. Nach und nach kam ich dem höchsten Punkt der Strecke, dem Feldberg, näher, den ich bei Kilometer 41 überqueren sollte. Das Begleitfahrzeug im Rücken zu haben, war auf den teilweise noch nicht abgesperrten Straßen doch ein beruhigendes Gefühl. So langsam kam aber die spannende Phase immer näher. Von den Hochrechnungen wusste ich, dass frühestens ab Niederreifenberg die Radrennfahrer von hinten angerauscht kommen. Auf Grund des verspäteten Starts war ich am Feldberg noch minimal hinter der Marschroute. Um definitiv nicht auf der Abfahrt zum Roten Kreuz auf die Radfahrer zu stoßen, forcierte ich das Tempo kurzzeitig auf etwas über 4 min/km. Ab Niederreifenberg kamen dann tatsächlich schon die ersten Führungsfahrzeuge. Höchste Zeit für unser Begleitfahrzeug, sich vom Acker zu machen. Vorher hatten wir schon alles so vorbereitet, dass ich mit meiner Fahrradbegleitung für die nächsten 15 Kilometer alleine zurechtkommen kann. Das heißt, Moritz hatte seine Trikottasche soweit voll gestopft, dass für das leibliche Wohl bis nach Kelkheim
Auch nach 90km gut gelaunt beim Interview
Auch nach 90km gut gelaunt beim Interview
gesorgt sein sollte. Auf der Abfahrt nach Oberems kam dann tatsächlich die Meute von hinten. Dummerweise hatte es jetzt auch leicht angefangen zu regnen. Für uns galt es jetzt vor jeder Kurve, auf die andere Straßenseite zu wechseln, um niemanden zu behindern. Irgendwann habe ich Moritz voraus in die nächste Ortschaft geschickt und bin selbst nur noch im nassen Gras neben dem Fahrbahnrand gelaufen. Die folgenden Kilometer waren ein ständiges Bergauf und Bergab, wobei mir die Anstiege deutlich lieber waren, da dies weniger Konzentration im Feld der Radfahrer erforderte. Insgesamt waren die Reaktionen der Radfahrer aber sehr freundlich – viele hatten wohl im Vorfeld schon von meinem Läufchen gelesen und sogar ein paar anfeuernde Worte übrig. In Kelkheim angekommen gab es für mich dann einen kleinen ungeplanten Zwischenfall: Wie schon in Oberems begleitete mich eine Reporterin vom Hessischen Rundfunk, um ein kleines Interview während des Laufens zu führen, was ich auch immer als willkommene Abwechslung empfand. Da ich aber genau dort die Strecke der Radfahrer in Richtung Kelkheim/Zentrum verlies hatte ich meinen Begleitradfahrer Moritz verloren. Bis wir das Interview beendeten, war ich schon ein ganzes Stück, so dass sich ein Zurücklaufen auch nicht rentierte. So war ich nun erstmal auf mich alleine gestellt, da das Begleitfahrzeug auch noch auf Grund einer verpassten Abzweigung hinter dem Feld der Radfahrer feststeckte. In den folgenden 20 Minuten malte ich mir sämtliche Schreckensvorstellungen aus – noch 40 Kilometer ohne Verpflegung, Geld und Handy, das wäre einigermaßen problematisch geworden. Glücklicherweise waren wir aber wieder, bevor wir in Kelkheim/Münster erneut auf die Velotour treffen sollten, wieder vereint. Bei Kilometer 74 ging es dann durch Sulzbach, wo ich seit Oktober 2011 wohne, um sich dann so langsam auf das
Prominentes Empfangskomitee im Ziel
Prominentes Empfangskomitee im Ziel
Streckenhighlight – den Mammolshainer Hang – freuen zu können. Da wir jetzt wieder alleine auf der Straße unterwegs waren, empfand ich das Laufen wieder deutlich entspannter. Obwohl ich jetzt schon auch spürte, dass ich fast 80 Kilometer am heutigen Tage in den Beinen hatte. Mittlerweile war ich auch einige Minuten vor meiner Marschroute gelegen, wodurch ich es in Richtung Mammolshain ruhig angehen ließ. Auf dem Weg zum Kreisel Königstein kamen uns scharenweise die Zuschauer entgegen. Viele von ihnen hatten mich aus der Fernsehübertragung erkannt und feuerten mich an. In Kronberg angekommen, galt es dann wieder einmal den Radfahrern Vortritt zu lassen. Hier kam nämlich das Rennen der U23 von hinten angebrettert. Allerdings war das die perfekte „Begegnungsstätte“, da ich in der Zeit, in der das Radrennen mich überholte, komplett Gehwege zu Verfügung hatte. Über die abgesperrte Schnellstraße ging es dann wieder zum Startgelände in Eschborn, welches ich gut 8,5 Stunden nach meinem Start im Morgengrauen erneut passierte. Jetzt galt es nur noch die letzten 14 Kilometer zur Frankfurter Oper in Angriff zu nehmen. Obwohl ich mich ab Königstein alles andere als beeilt hatte, lag ich immer noch vor meiner Marschroute, so dass ich nochmal etwas Tempo rausnahm. Wenn ich sag ich bin um 16:15 im Ziel, dann will ich auch um 16:15 im Ziel sein. Wenn man zu Gast ist – ich war heute als Ultraläufer zu Gast bei Radsportlern – dann sollte man wenigstens pünktlich sein ;). Der Zieleinlauf in Frankfurt war dann auch wirklich phänomenal. Bislang wurde ich noch nie bei einem meiner Läufe von solch einem prominenten Empfangskomitee im Ziel begrüßt. Ministerpräsident Bouffier, Eschborns Oberbürgermeister Matthias Geiger und Frankfurts Sportdezernent Markus Frank, um nur einige zu nennen, gaben sich die Ehre. Ganz besonders habe ich mich über die Einladung von Volker Bouffier in die Staatskanzlei gefreut.

Letztendlich war der Lauf für mich ein wunderbares Erlebnis und ich hoffe, dass ich gleichzeitig auch ein

Kurz nach dem Zieleinlauf
Kurz nach dem Zieleinlauf
wenig „Werbung“ für die Randsportart Ultramarathon machen konnte. Meine größten Erfolge hatte ich teilweise bei sehr isolierten Läufen mit nur sehr wenigen Zuschauern. Ich sehe die Möglichkeit, dass ich bei der Veranstaltung am 1. Mai mitlaufen durfte, als Belohnung für meine Leistungen in den letzten Jahren an.
Mein Dank gilt dem Veranstalter um Herrn Moos-Achenbach und vor allem Stefan vom Biketempel, ohne den mein Lauf wohl kaum zustande gekommen wäre. Außerdem danke ich dem Hessischen Rundfunk für die Aufgeschlossenheit gegenüber meines Laufes inmitten von Radfahrern.
Ganz besonderen Dank gilt meiner Crew Nicole, die wie immer für mein leibliches Wohl zuständig war, Moritz für die Begleitung auf dem Fahrrad und der kurzweiligen Unterhaltungen und Marian vom Biketempel für das stundenlange Schritttempofahren des Begleitbusses.

Hier das Video von der Übertragung des Hessischen Rundfunks, mit allen Ausschnitten, in denen ich zu sehen bin.

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