Samstag, der 2. Juni, etwa 3:00: Ich liege in meinem Schlafsack in der Turnhalle des ehemaligen Kasernengeländes in Stadtoldendorf und starre minutenlang an die im Halbdunkel nur schemenhaft erkennbare Hallendecke. Es ist nicht das Schnarchen von manch anderem Läufer, das mich einfach nicht richtig schlafen lässt, sondern die vielen Gedanken die mir in dieser Nacht vor der Austragung der Deutschen Meisterschaft im 24-Stundenlauf immer und immer wieder durch den Kopf kreisen. Als um 8:00 der Wecker läutet, bin ich förmlich erleichtert, dass die Nacht endlich vorbei ist und ich wenigstens ein paar Stunden schlafen konnte.

Nach einem ausgiebigen Frühstück war es um 12:00 Uhr endlich soweit und wir wurden auf den etwa 1,6 Kilometer langen, nicht ganz einfachen Rundkurs geschickt. Meine Taktik war die bewährte aus dem letzten Jahr in Reichenbach. So setzte ich wieder auf ein vorsichtiges, aber möglichst gleichmäßiges Tempo. Ich peilte Rundenzeiten von 9:05 Minuten (5:42min/km) an, was theoretisch eine Kilometerleistung von 252 Kilometern ergeben würde. Bei diesem Tempo konnte ich relativ sicher sein, dass ich die erste Hälfte des Rennens gut überstehen würde und die „magische“ Kilometerzahl von 250 Kilometern wäre so prinzipiell noch im Bereich des Möglichen. Natürlich kannte ich auch die aktuelle Weltjahresbestleistung, von Geert Stynen (Belgien), der in Steenbergen 252,5 Kilometern lief…
Im Vergleich zu anderen Meisterschaftsjahren gab es diesmal kaum Läufer, die von Beginn an alles auf eine Karte setzten. Lediglich Wolfgang Schwerk versuchte es in der Flucht nach vorne. Um mich herum formierte sich ziemlich schnell eine Gruppe von 6-7 Läufern, darunter auch einige Favoriten wie Michael Hilzinger und Stu Thoms, die später auch mit auf dem Siegertreppchen stehen sollten. Da wir in unserem moderaten Tempo immer wieder mal Zeit für ein Schwätzchen hatten, vergingen die ersten sechs Stunden wie im Fluge. Nach und nach konnte ich mich dann, ohne das Tempo zu erhöhen, etwas absetzen. Die Führung konnte ich nach etwa neun Stunden übernehmen, nachdem Wofgang Schwerk sein Rennen beendete. Bis dahin hatten wir es mit zum Laufen recht angenehmen Temperaturen von etwa 13°C zu tun, allerdings waren die vorhergesagten Tiefsttemperaturen von 4°C in der Nacht doch etwas Respekt einflößend. Nach 12 gelaufenen Stunden hatte ich etwa 126 Kilometer auf dem Zähler stehen. Leider gab es vorübergehend technische Probleme bei der Rundenzählung, so dass man phasenweise nur schwer einen Überblick gewinnen konnte.
Nach Mitternacht gönnte ich mir dann erst mal ein Käffchen – wie alles andere auch natürlich „auf Ex“, da ich ja keine Zeit zu verschenken hatte. In den folgenden Stunden musste ich mich immer wieder selbst einbremsen um nicht zu überpacen, da ich jetzt schon spürte, dass in diesem Lauf für mich einiges möglich war. So passierte es gleich drei Mal, dass ich die Runde unabsichtlich mehr als eine halbe Minute zu schnell zurücklegte. Spätestens zur Zeit des Sonnenaufgangs war ich total davon überzeugt 250 km+X laufen zu können. Allerdings fühlte sich mittlerweile die langgezogene Steigung nach der Verpflegungszone wie ein riesiger Berg an. Nichtsdestotrotz konnte ich jetzt immer noch das gleiche Tempo der ersten Stunde laufen. Zwei Stunden vor Ende des Laufes setzte dann Dauerregen ein, doch das war jetzt egal da die „250-km-Grenze“ zum Greifen nah war und auch die Führung in der Weltjahresbestenliste noch im Bereich des Möglichen lag. Zwanzig Minuten vor der Schlusssirene hatte ich genau 249,4 Kilometer zurückgelegt. Jetzt war es an der Zeit, nochmal alle Kräfte zu mobilisieren und so rannte ich wie ein Gestörter, um jeden Meter kämpfend, bis zur letzten Sekunde durch. Mit Ertönen der Schlusssirene und 253,780 zurückgelegten Kilometern, konnte ich mich mit der Gewissheit, wirklich alles gegeben zu haben, kaum mehr auf den Beinen halten – doch das war in der ganzen Freude dann auch egal.
Letztendlich gilt mein besonderer Dank meiner Freundin Nicole, meiner Mutter, die das erste Mal bei einem Ultramarathon dabei war, und dem Friedrich. Ihr ward ein super Betreuerteam und eine große Hilfe!
Mit dem vierten Gewinn der Deutschen Meisterschaft im 24-Stundenlauf bin ich nun nach der 24. Auflage der Rekordhalter, was diesen Titel betrifft. In der „ewigen Deutschen Bestenliste“ bedeutet die gelaufene Kilometerzahl den 10. Gesamtrang.
Und noch etwas Statistik: Seit 1993 wurde der Titel nie mehr mit so viel erlaufenen Kilometern vergeben. Damals gewann Helmuth Dreyer die DM, die anno dazumal im schweizerischen Basel ausgetragen wurde, mit 259,3 Kilometern.

Nachfolgend noch ein Link zu einem Video : Wie ihr seht war die Strecke nicht gerade ein landschaftlicher Leckerbissen und relativ schwach frequentiert. Ab Minute 9 wird nochmal deutlich, dass ich wirklich alles gegeben habe…

Bilder werden in den nächsten Tagen folgen.