Seit Sommer 2017 habe ich es für mich entschieden, seit Juni 2018 auch „öffentlich“ kommuniziert: Nach der Saison 2018 wird erstmal Schluss sein mit dem leistungsorientierten Ultramarathon. Auch wenn solch eine Entscheidung dann doch schon ein wenig Überwindung kostet, ist sie am Ende des Tages doch die logische Konsequenz und auch der Schritt bei dem ich mir selbst treu bleibe. Genau dieses Wörtchen „Konsequenz“ hat mich in den letzten zwölf Jahren angetrieben und getragen. Ich hatte meine Ziele und vor allem einen langfristigen Plan. Zu diesem Plan gehörte auch, ein paar Jahre lang alles in die Waagschale zu werfen, um dann auch mal wieder andere Facetten des (Ultra)Laufens in den Vordergrund zu stellen und zufrieden und erhobenen Hauptes ruhiger zu treten.

Zum Abschluss noch einmal zu König Leonidas laufen

Zum Abschluss noch einmal zu König Leonidas laufen

So wie ich mir die vergangenen Erfolge immer und immer wieder im Vorfeld durchdacht und „durchträumt“ habe, ist auch die Wahl des Abschlusslaufs kein Zufallsprodukt gewesen. So habe ich es mir gedanklich immer und immer ausgemalt, wie ich auf den letzten Kilometern runter nach Sparta nochmal alles Revue passieren lasse, um mich im Ziel des Spartathlons am Fuße von König Leonidas vom Leistungssport verabschiede. Was ich nicht erwartet habe, ist die Tatsache, dass mich der Lauf wetterbedingt bis zur Zielgerade – unabhängig von Platzierung und Zielzeit – dermaßen fordern wird, wodurch ein Revue passieren lassen und sentimental werden keine Relevanz besitzen wird.

Irgendwie sind die Wochen bis zum Start ziemlich schnell ins Land gezogen. Kurz vor der Abreise habe ich mich dann noch meinem „Wein-Projekt“ in Form der Lese gewidmet, so dass ich gar nicht so furchtbar groß nachdenken konnte. Nichtsdestotrotz stimmte mich der Verlauf des Trainings aber recht zuversichtlich. Insbesondere der 35km-Trainingslauf in 4:10 min/km, zweieinhalb Wochen vor dem Rennen machten Hoffnung.

Genauso schnell wie die Wochen der Vorbereitung ins Land zogen, vergingen auch die Tage und Stunden vor dem Start in Griechenland. Und so standen wir früh um 7:00 Uhr Ortszeit im leichten Regen hinter der Startlinie an der Akropolis. Regen und das Wetter im Allgemeinen waren auch bei uns Läufern DAS beherrschende Thema vor dem Start, denn die Wetterberichte verhießen nichts wirklich gutes. Das galt jedoch nicht für die ersten Stunden des Rennens, denn die Bedingungen waren zu dem Zeitpunkt nahezu optimal. Während einen hier sonst in manchen Jahren die Hitze um den Verstand brachte, war es doch sehr angenehm und der Regen störte zunächst auch nicht wirklich. So entschied ich mich, das Rennen auch couragiert anzugehen. Die ersten 80 Kilometer waren nichtsdestotrotz unspektakulär und teilweise auf Grund des starken Verkehrs auch ziemlich nervig.

So erreichte ich den ersten – für meinen Plan wichtigen – Referenzpunkt Korinth bei Kilometer 80, nach 6:42 Stunden nur wenige Minuten später, als dies bei meinen Sieg im Jahr 2015 der Fall war. Im Übrigen hatte ich mir die Zwischenzeiten von 2015 auf einen Spickzettel geschrieben und zur Orientierung in die Laufhose eingesteckt. Mein Plan war es, die damaligen Zeiten jedoch lediglich zur Orientierung zu nutzen. Normalerweise kommt für mich nach Korinth bis zur Hälfte des Rennens in Nemea immer eine der härtesten Phasen des Rennens, da in diesem Gebiet die Hitze gewöhnlich sehr stehend ist und ich mich eben in der wärmsten Zeit des Tages in diesem Abschnitt befinde. Diesmal habe ich mich am Checkpoint in Korinth noch extrem stark gefühlt, da die Bedingungen eben echt gut waren und ich war mir sicher, diesmal besser bis zum Einbruch der Dunkelheit zu kommen. Es lief nun wirklich wunderbar und ich überholte Läufer um Läufer – manche Schnellstarter kamen mir nun förmlich entgegen. Eigentlich war es nun wieder genau das Rennen, was ich schon so oft gelaufen bin – langsamer als die anderen starten und dann nach und nach einsammeln, um vor der entscheidenden Phase in aussichtsreicher Position zu liegen. So habe ich mich nun auch schon auf den fünften Gesamtrang vorschieben können. Mal abgesehen davon, dass dieses typische Spartathlon-Flair auf Grund des kühlen Wetters nicht aufkommen wollte, war ich doch sehr zufrieden mit dem bisherigen Rennverlauf und sehr optimistisch gestimmt. Bei Halbzeit des Rennens bei Kilometer 123, lag ich sogar etwa 15 Minuten vor meiner Zeit aus 2015. Rein virtuell lag ich also auf „Kurs 23h“, wohl wissend, dass ich aber vor drei Jahren, insbesondere in der zweiten Rennhälfte, sehr stark gelaufen bin und die Zwischenzeit also schon vernünftig eingeordnet werden sollte.
Nun habe ich im bisherigen Bericht das Wetter gelobt und über den meist leichten Regen braucht man sich auch nicht wirklich beschweren. Was nun allerdings folgte ist nur mit den Attributen „Wahnsinn“ und „das hab ich noch nicht erlebt“ zu beschreiben. Etwa bei Kilometer 135 hat es angefangen, dass sich der Regen intensivierte und ganz schnell in sintflutartige Niederschläge verwandelte. Bis kurz vor dem Anstieg zum Sangaspass nach mehr als 150 km goss es nun wirklich aus vollen Kübeln. Insbesondere auf den kurzen knackigen Anstiegen in Lyrkia und Kaparelli floß einem regelrecht ein Bach um / durch die Laufschuhe. In einer der Ortschaften habe ich sogar mal die Bodenmarkierung wegen dem vielen Wasser nicht gesehen, so dass ich eine Abbiegung übersehen habe. Da ich die Strecke aber einigermaßen gut kenne ist mir der Fehler relativ schnell aufgefallen. Ein bisschen was an Zeit, da ich den kurzen aber steilen Anstieg wieder rauf musste, hat es aber dennoch gekostet. Auf der Passstraße in Richtung Checkpoint Mountain Base hat der Regen dann zum Glück vorübergehend etwas nachgelassen. Am Checkpoint war ich dann wieder genau im Plan von 2015 drin, wusste aber zu dem Zeitpunkt schon, dass sich diese Zeit – je nachdem, was der Wettergott noch so alles bereit hält – kaum wiederholen lässt. Der Trail zum höchsten Punkt war dann, insbesondere im oberen Teil und auf der Abstiegsseite eine ziemlich widerliche Angelegenheit. Der Wind pfiff, dichter Nebel ließ das Licht der Stirnlampe brechen und zusätzlich regnete es leicht. Für mich als Brillenträger eine ganz schlechte Kombi, die mich erneut Zeit kostete. Normalerweise komme ich eigentlich immer ganz gut den Sangas runter, diesmal hat es eine gefühlte Ewigkeit gedauert bis ich endlich in dem Örtchen Sagas ankam. 2015 ging hier für mich das Rennen erst richtig los, als ich erfahren habe, dass der Abstand auf die Spitze nur zwölf Minuten betrug. Heute war ich dabei, mein Ziel weiter nach unten zu korrigieren. Egal – letztes großes Ding… da war mein oberstes Ziel sowieso einfach nochmal richtig Mentalität zeigen, so wie ich es in den letzten zwölf Jahren ja ganz oft getan habe. Gefühlt bin ich unten in der Ebene eigentlich wieder halbwegs gut gelaufen, auch wenn ich nach den harten Stunden doch schon recht angeschlagen war. Aus meiner Erfahrung, insbesondere auch von den Läufen in Taiwan, weiß ich, dass mir nasses Wetter eigentlich überhaupt gar nicht liegt, aber jetzt galt es, das Beste daraus zu machen. Ab Nestani bei 172 km habe ich dann aber zunehmend abgebaut und so habe ich mich am nächsten großen Checkpoint nach 186 km auch tatsächlich das erste Mal hingesetzt. Durch die Nässe habe ich mich mittlerweile auch total wund gelaufen und wir beschlossen, beim nächsten großen Checkpoint bei Kilometer 195 mal eine Umzieh- und Massagepause einzulegen. Nach dieser Pause ging es mir aber erstmal richtig beschissen und der Versuch wieder anzulaufen, war mit mehrmaligem Würgreiz verbunden. Spätestens jetzt war mir klar, hier geht’s jetzt nur noch ums Ankommen. An diesem Ankommen hatte ich aber trotz allem zu keinen Zeitpunkt des Rennens gezweifelt und ich habe mich ganz gut damit arrangieren können, dass jetzt nochmal ganz eklige 50 km kommen werden. So nach und nach kamen dann auch immer wieder Läufer von hinten und eigentlich war ich auch ganz froh, immer wieder mal ein bekanntes Gesicht zu sehen, denn auf der Bundesstraße nach Sparta ist es weit nach Mitternacht schon ziemlich einsam. Das änderte aber auch nichts, dass ich unfassbar angeschlagen und kaputt war. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, geistig nicht mehr so ganz auf dem Damm zu sein, denn ich hatte mehrfach Situationen, in denen ich mir total sicher war, mich verlaufen zu haben – obwohl das auf der Straße nach Sparta eigentlich nicht möglich ist. Panik machte sich in mir breit. Das, was mich vorwärts trieb war in dieser Phase nichts mehr anderes als Wille, Wille, Wille. Irgendwann erreichte ich endlich den Checkpoint „Monument“ bei Kilometer 223, mittlerweile war es auch schon wieder hell geworden. In manch anderen Jahren habe ich den Einbruch des Tageslichtes erst im Ziel erlebt – egal – letzter großer Auftritt – Hauptsache ankommen. Wieder hat der Regen begonnen sich zu verstärken, was dem Loskommen am Checkpoint auch nicht gerade zuträglich war. Jetzt noch ein letztes Mal die Pobacken zusammenkneifen und dann hat die Quälerei – nicht nur für den heutigen Tag – ein Ende. Und damit ich es mir mit meinen Entscheidungen ja nicht nochmal anders überlegte, schlug Petrus nochmal richtig mit dem Hammer auf uns Läufer ein. Die Sturmböen oben auf der Höhe bevor es runter Richtung Sparta geht waren ziemlich abartig, insbesondere wenn man schon 230 Kilometer in den Beinen hat und man sowieso nass bis auf die Haut ist. Als würde das noch nicht genügen, entschied sich der Himmel, nochmal alle Schleusen auf dem Weg zu König Leonidas zu öffnen. Mein großes Problem war nun die unendliche Erschöpfung, wodurch ich auch nicht mehr richtig in der Lage war, ernsthaft zu laufen. Gefühlt 200 Mal bin ich angelaufen, was aber eher so eine Art Power-Walking darstellte. Der furchtbare Regen und das nicht näher kommende Ziel lies mich schier wahnsinnig werden. Etwa sieben Kilometer vor dem Ziel überholte mich mein Vorgänger – der 24-h-Weltmeister von 2013 – Jon Olsen (USA). Bei unserem Small-Talk waren wir uns einig, so etwas haben wir noch nicht erlebt!
Nachdem sämtliche Seen, welche sich auf den Straßen um Sparta ausbreiteten, durchlaufen waren, sollte endlich die Zielgerade näher kommen. Erst beim Passieren der Straßen im Stadtgebiet, konnte ich es mir mal kurz vergegenwärtigen – „scheiße, das wird jetzt erst mal der letzte Zieleinlauf in dieser Konstellation!“ Zum richtigen Nachdenken und Revue passieren lassen war ich aber viel zu erschöpft und beim Zieleinlauf war ich einfach nur froh, endlich da zu sein. Am Ende standen Platz 23 in 27:46 Stunden zu Buche. Auf Grund des Wetters war der Zieleinlauf natürlich nicht mit dem besonderen Flair, was man hier normalerweise kennt, zu vergleichen. Genau gesagt war das alles extrem unspektakulär ohne Musik, Durchsagen und nur wenigen Zuschauern. Man kann es niemandem übel nehmen, immerhin wurde die Bevölkerung ja über die Medien zurecht dazu aufgerufen, zu Hause zu bleiben, auf Grund der nicht ungefährlichen Wetterlage.

Fazit: Es war nochmal eine brutal harte Angelegenheit. Mit dem Wissen, was tatsächlich noch auf uns zukommt, wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, die erste Hälfte etwas langsamer anzugehen. Im Nachhinein ist es aber auch egal, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass für mich persönlich bei den Bedingungen, die nicht wirklich mein Ding sind, nochmal eine Platzierung unter den ersten Dreien nicht drin gewesen wäre. Von der Mentalität kann ich mir auch an keiner Stelle des Rennens einen ernsthaften Vorwurf machen. Von daher bin ich zufrieden mit dem Lauf. Und wenn man das Rennen in den Gesamtkontext der letzten zwölf Jahre stellt, dann gibt es sowieso in keiner Weise irgendwas nachzutrauern. Stattdessen freue ich mich nun, einen harten, aber dennoch schönen Abschlusslauf erlebt zu haben.