Eigentlich dachte ich ja immer, dass ich eine gewisse Dosis an (selbstgemachten) Druck vor meinen langen Wettkämpfen, wie den 24-h-Lauf oder Spartathlon benötige, um dann am „Tag X“ an die Leistungsgrenze gehen zu können. Seit dem letzten September-Wochenende weiß ich, es geht auch anders, bzw. vielleicht sogar noch besser! Niemals zuvor war ich in den Tagen vor solch einem Wettkampf so entspannt, wie bei diesem. Das lag schlicht und ergreifend daran, dass ich mit dem langersehnten Gewinn der Weltmeisterschaft im April für dieses Jahr mehr als nur mein Soll erfüllt hatte. Klar habe ich im Vorfeld des Spartathlons auf den obersten Treppchenplatz spekuliert, um das „Double 2015“ komplett zu machen, nichtsdestotrotz war es für mich oberste Priorität, einfach eine konstante Leistung abzurufen, um keinen Schatten auf die großartige Saison werfen zu lassen. Da das Training sehr vielversprechend verlaufen ist, habe ich mir dennoch eine Zeit von 23:30 h zum Ziel gesetzt – in der Hoffnung, dass diese Zeit dann auch zum Sieg langt.
Die anvisierte Zielzeit bedeutete für mich, dass ich bei der diesjährigen Veranstaltung 27 Minuten schneller als im letzten Jahr unterwegs sein muss. Dementsprechend habe ich mir im Vorfeld des Rennens einen Spickzettel geschrieben, auf dem ich die Durchgangszeiten von den großen Checkpoints vom letzten Jahr als Referenzwerte notierte. Einen ganz konkreten Fahrplan hatte ich lediglich für die ersten 80km bis nach Korinth. Hier wollte ich die Marathonmarke nach 3:28h überqueren und Korinth nach 6:45h erreichen, was eine deutlich offensivere Strategie als im vergangenen Jahr bedeutete.

Wie gewohnt fiel der Startschuss um 7:00 Uhr griechischer Ortszeit direkt unterhalb der Akropolis (siehe Video oberhalb). Und wie gewohnt sind die ersten 20 km des Wettkampfs nicht wirklich angenehm zu laufen. Viel Lärm, viel Abgase und auch positive visuelle Reize sind auf den Straßen, bzw. auf der Standspur der Stadtautobahn im Berufsverkehr eher Mangelware. Neu war allerdings die Tatsache, dass ich ausgerechnet auf der starkbefahrenen Strecke in Richtung Elefsina einen vierbeinigen Mitläufer hatte. Ein freilebender Hund meinte nämlich, mich, bzw. die Gruppe in der ich gelaufen bin, über mehr als acht Kilometer begleiten zu müssen. Auch er ist an den Checkpoints nicht ganz leer ausgegangen, da er sich am kühlen Nass der Eimer, in dem die Schwämme gelagert waren, bediente.
Bis auf ein ganz kurzes Verlaufen unserer Gruppe nach etwa 20 km, was aber nur etwa eine halbe Minute kostete, verlief der Wettkampf bis zur Marathonmarke in Megara ansonsten relativ ereignislos. Den Checkpoint erreichte ich fast exakt planmäßig nach 3:27 h. Nur wenige Kilometer später bekam ich dann erstmals den Vorjahressieger Ivan Cudin zu sehen, nachdem ich mich schon sehr gewundert hatte, wo er denn bleibt. Bis zur freudigen Begrüßung hat es aber noch eine ganze Weile gedauert, da es sich im folgenden Abschnitt immer so ergeben hat, dass ich gerade immer dann vom Checkpoint aufgebrochen bin, als die Gruppe um Ivan eintraf. Im Übrigen habe ich mir jetzt in der Mittagssonne deutlich mehr Zeit an den CPs gelassen, als in den vergangenen Jahren, um mich ausgiebig an den Schwammeimern zu kühlen. Auch wenn der Akt vielleicht nur eine halbe Minute dauert, summiert sich die Zeit da zwar ganz schnell, aber rückblickend war das, glaube ich, doch eine ganz gute „Investition“. Irgendwann war es dann auch soweit und der Italia Express um Ivan und Marco holte mich ein und da man sich schnell verquatscht hatte, lief ich einige Kilometer mit. Nur doof, dass beim gemeinsamen Laufen schnell die Konzentration nachlässt, so dass ich erst etwa acht Kilometer später feststellte, dass die Pace eigentlich für meine Rennstrategie deutlich zu hoch ist. Auch der Körper sagte mir gleich „ so nicht, mein Freundchen“, denn nach 65 km fühlte ich mich dann doch schon relativ angeknockt. Dementsprechend hab ich auf den folgenden Kilometern deutlich an Tempo rausgenommen und mir auch an den Checkpoints ganz besonders Zeit zum äußerlichen und innerlichen Kühlen gelassen, denn jetzt empfand ich die Temperaturen schon als relativ warm. Zum Glück hat diese Schwächephase aber nicht allzu lange gedauert, denn schon am Anstieg hinauf in Richtung Kanal von Korinth fühlte ich mich schon gar nicht mal so übel. Hier habe ich mir auch schön Zeit gelassen, da ich ja sowieso vor meiner Marschroute lag. Am Checkpoint in Korinth waren es sogar sechs Minuten, die ich vor meinem Plan lag, was bedeutete, dass ich bereits einen Vorsprung von 23 Minuten gegenüber dem letzten Jahr rausgelaufen bin. Dementsprechend legte ich ein kurzes Mittagspäuschen von etwa 2,5 Minuten ein und freute mich, ein paar Worte mit Willi, einem ausgewanderten Deutschen, der das jährliche Spektakel immer hautnah verfolgt und den ich schon aus den letzten Jahren kannte, wechseln zu können. Ganz interessant ist auch die Tatsache, dass in diesem Jahr insgesamt sieben Läufer Korinth in unter 6:45 h passiert haben, während es 2014 lediglich drei waren, vor allem wenn man bedenkt, dass die Bedingungen im letzten Jahr durch den Regen auf den ersten 80 km etwas besser waren.

Auf Platz fünf liegend verließ ich den Checkpoint, um mich auf in Richtung Antikes Nemea zu machen. Dummerweise bahnte sich doch so ein klein wenig ein Toilettengang an, da mir das aber gerade überhaupt gar nicht in den Kram passte, beschloss ich, das Ganze aber erstmal zu ignorieren, in der Hoffnung, dass das Problem dann doch wieder verschwindet. Nachdem ich die 100-km-Marke nach etwa 8:30h passiert hatte, holte ich dann wenige Kilometer später den Niederländer Jan-Albert Lantink ein, was für mich den vierten Gesamtrang bedeutete. Wie in jedem Jahr musste ich auch in diesem Rennen der Hitze kurz vor Antikes Nemea ein wenig Tribut zollen, so dass ich zwar subjektiv das Gefühl hatte, den Abschnitt ab Korinth schneller als im vergangenen Jahr gelaufen zu sein, es aber letztendlich doch auf eine ähnliche Zeit für diesen Abschnitt hinausgelaufen ist. Dementsprechend führte ich in meinem imaginären Rennen gegen den Florian Reus von 2014 weiterhin mit etwa 20 Minuten, weitere sieben Minuten musste ich also noch irgendwo im restlichen Rennen rauslaufen um auf die 23:30h zu kommen. Ebenfalls vielversprechend war die Tatsache, dass der Abstand zur Spitze 17 Minuten betrug und schon seit vielen Kilometern relativ konstant blieb. Das war für mich ein Abstand, bei dem ich im Gegensatz zum letzten Jahr zumindest noch was aus „eigener Kraft“ bewegen konnte, vor allem wenn man bedenkt, dass nun nochmal 123 km zu laufen waren. Auch wenn ich selbst doch schon ein wenig angeschlagen war, stellte ich mich mental schon mal auf ein ähnliches Geduldspiel wie bei der WM in Turin ein. Auch damals war ich ganz lange Zeit auf Platz vier mit einem sehr konstant bleibenden Abstand gelegen.
Einen meiner Lieblings-Checkpoints, Malandreni bei km 140, erreichte ich noch bei Helligkeit. Zur Feier des Tages gönnte ich mir hier erstmal ein Bierchen aus der Dose – selbstverständlich alkoholfrei. So langsam aber sicher ging es nun mit einsetzender Dunkelheit in Richtung des Scharfrichters namens Sangaspass. Im letzten Örtchen vor dem langen Anstieg, in Kaparelli, erkundigte ich mich nochmals nach den Abständen zur Spitze. Auf Platz drei liegend hatte ich 17 Minuten Abstand auf den Führenden Dan Lawson, sowie 13 Minuten auf Ivan. Das war eine Information, die mir sehr gut schmeckte, da spätestens jetzt klar war, dass ich bei der Musik sein sollte, wenn es in das entscheidende letzte Drittel geht. Dementsprechend entschied ich mich kurzerhand dazu, mich am Sangaspass noch ein wenig mehr zurückzuhalten, als ursprünglich geplant. Während ich die letzten beiden Jahre die Passstraße bis zur Mountain Base komplett gelaufen bin, hab ich mir diesmal an den steilsten Stellen auch die ein oder andere Gehpause gegönnt. Da das Gelände hier relativ gut einsehbar ist, konnte ich auch immer wieder die beiden führenden Stirnlampen erkennen. Ein Blick nach unten verriet aber auch, dass jemand mit einem Affenzahn den Berg hochrennt und ich war schon richtig gespannt, wer mich da gleich überholen wird. Unterhalb der Autobahnunterführung hat sich meine Vermutung bestätigt und der letztjährige Dritte Andrzej Radzikowski schoss förmlich an mir vorbei. An meiner Strategie für das verbleibende Rennen hat sich dadurch aber nichts geändert. Eher im Gegenteil, ich beschloss sogar, den zwei Kilometer langen Trail von der Mountain Base bis zum CP „Mountain Top“ komplett zu gehen – vielleicht konnte ich aber gerade auch einfach nicht schneller. Der Einstieg in den steilen Pfad ist mir relativ schwer gefallen und ich merkte nun meine Beinmuskulatur doch schon relativ heftig. Mit der Zeit hab ich aber einen ganz guten Rhythmus für die Bergsteigerei gefunden. Am höchsten Punkt angekommen, hieß es dann, dass Ivan gerade eben erst aus dem CP rausgelaufen ist und tatsächlich habe ich ihn schon kurze Zeit später auf dem steilen Abstieg eingeholt. Es sah bei ihm, mehr torkelnd als laufend, nicht sonderlich gut aus und er klagte über Schmerzen am Fuß. Der Abstieg ist auf dem gerölligen Untergrund nach über 160 km und noch dazu im Dunkeln jedesmal auf’s Neue sehr unangenehm und dementsprechend bin ich auch sehr vorsichtig runter ins Tal gelaufen. Je näher ich in Richtung Sagas Village, dem ersten Örtchen nach dem Trail, kam, desto mehr stieg bei mir die Spannung, denn nun war ich doch schon sehr auf den Abstand auf den Führenden gespannt. Insgeheim hoffte ich darauf, dass der Abstand auf den Führenden trotz meines sehr kontrollierten Tempos im Bereich des Sangas auf nicht mehr als 20 Minuten angewachsen ist. Unten angekommen, dann die Info – 12 Minuten auf Dan und 7 Minuten auf Andrzej! In dem Moment war für mich klar, dass jetzt das eigentliche Rennen beginnt. Und plötzlich war es da, dieses typische Wettkampffieber, wenn Du merkst, das heute was Großes möglich ist, Du das Gefühl hast, dass das Adrenalin förmlich durch die Adern schießt und du vor lauter Übermotivation am liebsten den ganzen Verpflegungsstand zerlegen würdest ;).

Mein Ziel war es nun, den Abstand möglichst schnell deutlich zu reduzieren, da die folgenden fast 30 Kilometer relativ flach sind und ich von meinen 24-h-Läufen weiß, dass mir solche Rennphasen, wo schon mehr als 15 Stunden absolviert sind, ganz gut liegen. Nichtsdestotrotz blieb es auch weiterhin ein Geduldspiel, denn der Abstand zu Dan wurde nur ganz langsam geringer. Nicht lange gedauert hat es allerdings, mich auf den zweiten Platz zu schieben, denn schon vor Nestani konnte ich Andrzej zurücküberholen. Auf den folgenden relativ gut einsehbaren Kilometern dachte ich immer wieder die Stirnlampe des Führenden vor mir zu sehen – da war aber wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens. Zwischendurch gab es dann auch wie jedes Jahr auf diesem Abschnitt eine Begegnung mit Hunden, die selbst auch nicht den allererfreutesten Eindruck ob meiner Anwesenheit machten. Ich kann ja normalerweise eigentlich echt ganz gut mit Hunden, aber so in absoluter Dunkelheit, fernab von der nächsten Ortschaft, brauche ich diese Treffen mit den freilebenden Vierbeinern nicht so wirklich. Mittlerweile konnte ich es kaum erwarten, die Führung des Rennens zu übernehmen, so dass ich mich an jedem Checkpoint nach dem Abstand erkundigt hab. Nach dem Motto „steter Tropfen höhlt den Stein“ kam ich bis auf etwa sechs Minuten ran. Etwas unlustig wurde es für mich kurz nach Zevgolatio, da ich von jetzt auf gleich eine Toilette bzw. ein Gebüsch benötigte – das kommt davon, wenn man die Dinge nicht gleich erledigt, immerhin hat sich das ja schon kurz nach Korinth angebahnt. Jetzt in meiner Aufholjagd war es natürlich der denkbar ungünstigste Zeitpunkt. Nichtsdestotrotz betrug der Abstand in Alea-Tegea bei Kilometer 195 lediglich vier Minuten. Normalerweise kenne ich diesen Checkpoint eigentlich immer nur ohne viel Publikum, diesmal war aber um kurz nach 1:00 Uhr nachts noch richtig viel los. Kurz nach diesem Checkpoint kommt einer der unbeliebtesten Teilstücke des gesamten Rennens, denn von nun an geht es fast 40 km entlang der Bundesstraße in Richtung Sparta, wovon es auf der ersten Hälfte fast ständig nur bergauf geht. Kaum auf die Bundesstraße gebogen, ist der Moment gekommen, dass ich das erste Mal die Begleitfahrzeuge des Leaders sah. Kurze Zeit später, nach etwa 200 km, dann das Überholmanöver. Im Übrigen auch alles sehr sportlich fair – von mir gab’s ein „great job“ und von Dan ein „see you in Sparti“, und einen Führungswechsel per Handschlag gibt es auch nicht alle Tage ;). Dan ist bis dahin tatsächlich ein phantastisches und vor allem ein sehr mutiges Rennen gelaufen, was allen Respekt verdient! Ich glaube, ihn hat vor dem Rennen keiner so wirklich auf dem Favoritenzettel stehen gehabt, das wird sich bei zukünftigen Rennen ganz sicher ändern.

Hier
der Link zu einem Video, von dem Moment als die Führung wechselte.

Der Streckenabschnitt war eigentlich relativ ungünstig für den Überholvorgang, da es hier kilometerlang relativ steil bergauf geht. Einerseits wollte ich möglichst schnell einen gewissen Abstand herstellen, um einen Puffer für etwaige Schwächephasen zu haben. Auf der anderen Seite war es gerade jetzt, wo alle Trümpfe in meiner Hand lagen, wichtig nicht zu überzocken, denn 45 km können noch verdammt lang werden. Wichtig war es außerdem, zu 100 % konzentriert zu bleiben. In vergangenen Rennen hab ich es nämlich schon erlebt, dass ich mir nach übernommener Führung der Sache schon sehr sicher war, was vielleicht auch auf Grund eines komfortablen Vorsprungs nicht einmal unbegründet war. Allerdings sollte man in so einer Situation als Läufer niemals so denken, da es dann oftmals anfängt, sich wie Kaugummi zu ziehen und man ungeduldig wird, weil man endlich den Sieg in trockenen Tüchern sehen will.
Es hat nicht lange gedauert und ich hatte einen Vorsprung von zehn Minuten, so dass ich mich am Checkpoint 33 Kilometer von dem Ziel doch zu einer kleinen Sitzpause hinreißen lies. Dies stellte zwar die erste und auch gleichzeitig die letzte Sitzpause dar, war aber trotzdem eher unnötig, da so der Vorsprung ganz schnell wieder dahinschmelzen kann. Komischerweise hab ich jetzt auch einen richtigen Heißhunger auf die Chips und Kekse am Verpflegungstisch bekommen, was in der Rennphase für mich äußerst ungewöhnlich ist. Zu meiner eigenen Verwunderung hab ich die Sachen auch noch richtig gut runterbekommen, das hab ich nach über 200 km auch noch nie erlebt. Nach etwa drei Minuten Sitzen wurde ich doch etwas nervös und hatte Sorge, dass ich hier grad das Rennen auf’s Spiel setze. Also bat ich meine Freundin, dass sie noch kurz am CP warten soll, um den Abstand zu messen. Gerade noch so in Hörweite rief sie mir nach meinem Loslaufen noch nach, dass der Zweite wieder dicht dran ist – von wem auch immer die Infos stammten. Über meine Sitzpause ärgernd, beschloss ich die folgenden Kilometer deutlich zügiger zu laufen und auch nicht mehr an jedem Checkpoint anzuhalten. Mein Zwischenziel war es, bis zum nächsten Haupt-Checkpoint bei km 223, welcher auch der nächste sein sollte, bei dem persönliche Betreuung erlaubt war, mindestens einen Vorsprung von 10 Minuten rauszulaufen. Nachdem wir die ganze Nacht über das Wetterleuchten in der Ferne bewundern konnten, fing es nun an zu regnen. Anfangs zwar nur ganz leicht, aber mit der Zeit wurde der Regen immer stärker und es hat nicht lange gedauert, da war ich, immer noch nur mit kurzen Sachen bekleidet, nass bis auf die Unterhose. Auf der anderen Seite war ich jetzt wieder so im Wettkampffieber, dass ich hier und heute definitiv nix mehr anbrennen lassen wollte, dass mich der Regen gar nicht so richtig störte. Zum Glück war es auch mehr oder weniger windstill. Das flottere Tempo hat sich in Anbetracht der vielen Kilometer in den Beinen richtig gut angefühlt und selbst die Anstiege gingen noch verhältnismäßig gut. Nichtsdestotrotz musste ich mich im Checkpoint am Monument bei km 223 erstmal, zumindest obenrum, umziehen und vor allem eine Regenjacke anziehen. Aktuelle Informationen über den Vorsprung konnte ich hier allerdings nicht auftreiben. Als Führender ist das mit den Infos über Abstände echt deutlich schwieriger. Ich fühlte mich eigentlich immer noch ganz gut und so konnte ich auch auf dem folgendem Abschnitt weiterhin ein ganz gutes Tempo laufen. Ich wollte jetzt, so nah am Sieg, definitiv kein Risiko mehr eingehen und für möglichst klare Verhältnisse sorgen. Nach ein paar Kilometern erhielt ich dann die Info, dass der Vorsprung bei km 223 etwa 14 Minuten betrug. Das war dann schon einigermaßen beruhigend, auch wenn ich dem Braten immer noch nicht ganz traute und ständig mit Kopfrechnen beschäftigt war. Der letzte Checkpoint, bei dem Privatbetreuung erlaubt ist, befindet sich in Voutianoi, von wo aus es nur noch etwa 10 Kilometer bis zum Ziel sind. Da der Liveticker wohl überlastet war, konnte meine Freundin über ihr Smartphone lediglich den Abstand von CP 69, welcher sich etwa 19 km vor dem Ziel befindet, rausbekommen – hier betrug der Abstand etwa 15 Minuten. Da ich auch die letzten Kilometer bis hierher nach Voutianoi ganz gut gelaufen bin, konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass der Abstand unter die für mich „kritische“ 10-Minuten-Marke gefallen sein konnte. Dementsprechend war es jetzt mein Plan, einfach nur stetig im Laufen drin zu bleiben, dann konnte nämlich mit ganz großer Wahrscheinlichkeit nichts mehr schiefgehen.
Stundenlang bin ich nur mit dem Platzierungsziel gelaufen und hab mir eigentlich gar keine Gedanken mehr über meine persönliche Zielzeit gemacht. Erst jetzt fiel mir auf, dass das eine richtig geile Zeit wird und ich auch deutlich unter meinem Ziel von 23:30 h bleiben werde! Bei meinen bisherigen Teilnahmen war es immer so, dass sich die letzten Kilometer durch Sparta unglaublich gezogen haben und die Zielgerade einfach nicht näher kommen wollte. Dementsprechend hab ich mich auf dem Weg in Richtung Sparta darauf schon mal seelisch vorbereitet. Bislang wusste ich auch nicht, wie lange das Stück vom letzten CP bis ins Ziel ist, so dass ich diesmal einen Blick auf die Tafel warf, welche eine Distanz von 2,4 Kilometern verriet. Meine Uhr zeigte, dass nun etwas mehr als 23:04 Stunden seit dem Start verstrichen sind. Dementsprechend dachte ich mir, dass doch eine Zielzeit unter 23:20 h ganz nett wäre. Irgendwie war ich diesmal auf den letzten Kilometern deutlich geduldiger als in den letzten Jahren, allerdings kam auch die ganz große Euphorie noch nicht so wirklich auf, sondern ich hab einfach nur das gemacht, was ich zu machen hatte – nämlich laufen. Komischerweise kamen selbst dann beim Zieleinlauf keine großen Emotionen auf, stattdessen konnte ich es gar nicht richtig fassen, dass ich jetzt nach dem großen Triumph bei der WM auch noch den Spartathlon gewonnen hatte und somit das erträumte Double perfekt war.

Ganz besonders in Erinnerung bleibt mir der Moment, als ich meine Freundin im Ziel in die Arme schließen konnte (siehe Video oberhalb). Nicole hat mich zwar über all die Jahre bei allen wichtigen Wettkämpfen betreut, aber diesmal war es mehr denn je UNSER gemeinsames Projekt, denn für sie war es das erste Mal, dass sie beim Spartathlon ganz allein ohne einen zweiten Supporter betreut hat. Da das Betreuen beim Spartathlon – vor allem wenn man, wie in ihrem Falle – nicht die riesige Auslandsfahrpraxis hat, eine ganz spezielle Herausforderung ist, war das auch für sie eine krasse Challenge!

Eine zusätzliche Herausforderung sollte es für uns auch noch geben, da die deutschen Teilnehmer in diesem Jahr ausgerechnet 48 km außerhalb von Sparta untergebracht sein sollten. Die Fahrt war unter der totalen Erschöpfung nach den 246 gelaufenen bzw. betreuten Kilometern die absolute Hölle. Noch dazu gab es auf der Fahrt ein schweres Gewitter, was auch dazu führte, dass wir in unserem Hotel eine überflutete Lobby vorfanden. Ich bin mir sicher, dass man zumindest für die Erstplatzierten auch eine andere Lösung hätte finden können, als die Unterkunft in so großer Entfernung. Immerhin galt es, den Weg ja abends nochmals zurückzulegen, um bei der Siegerehrung vor Ort zu sein. Ein kleiner fader Beigeschmack, mehr aber auch nicht, denn vor allem die vielen Volunteers an den Checkpoints haben alle Läufer auf sehr herzliche Art und Weise unterstützt.
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