Die Vorgeschichte:
Die Vorgeschichte zu meinem Lauf geht, wenn man den Bogen möglichst weit spannen will, bis auf das Ende der Saison 2013 zurück. Nachdem ich sowohl beim Spartathlon, als auch bei der 24-h-Lauf WM auf dem Treppchen gelandet bin, war für mich klar, dass auch im Jahr 2014 wieder diese beiden Events meine beiden Jahreshöhepunkte darstellen sollen. Leider hatte die IAU aber sehr große Probleme, einen Ausrichter für die WM zu finden (das Problem sollte hinreichend bekannt sein), so dass es sehr lange gedauert hatte, bis uns ein Termin im Juni in tschechischen Pilzen präsentiert wurde. Es hat aber nur wenige Wochen gedauert, bis die Meldung durchsickerte, dass auch die Tschechen die finanziellen Anforderungen nicht stemmen können. Danach war dann kurzfristig der Lauf von Taipeh als Ausrichter der WM genannt worden, doch auch daraus wurde nichts, denn im Juli war klar, dass es im Jahr 2014 keine WM geben wird. Für mich war es natürlich zu diesem Zeitpunkt zu spät, noch einen 24-h-Lauf vor dem Spartathlon zu laufen, geschweige denn ordentlich vorzubereiten. Auf der anderen Seite wollte ich aber auf jeden Fall noch im Jahr 2014 einen 24er laufen, alleine schon deshalb, da ich seit 2011 in jedem Jahr die Deutsche Jahresbestenliste angeführt habe und diese Serie nicht wegen solch einer doofen Konstellation reißen lassen wollte. So gab es für mich nur die Alternative, erst nach dem Spartathlon noch einen 24er zu laufen, so dass meine Wahl auf den Lauf in Barcelona kurz vor Weihnachten gefallen ist. Kurz nach dem Spartathlon habe ich dann aber eine Einladung aus Taipeh zum 24-h-Lauf der Soochow University erhalten, da ich eine Bestleistung von mehr als 260 Kilometer aufweisen kann. Für mich stellte die Einladung eine große Ehre dar, weil dieser Lauf traditionsgemäß sehr stark besetzt ist.
Allerdings war klar, dass diesmal eine optimale Vorbereitung nicht zu realisieren ist. Zum einen erklärt sich das aus dem mit nur zehn Wochen viel zu knappem Abstand zum Spartathlon, nach welchem ich einige Wochen mit nur rein regenerativem Training absolviert habe. Zum anderen wusste ich schon seit längerer Zeit, dass ich am 3. Dezember in meiner Heimatstadt Würzburg zum Sportler des Jahres ausgezeichnet werde. Da es alles andere als selbstverständlich ist und ich auch sehr dankbar darüber bin, als jemand, der in einer Randsportart unterwegs ist, solch eine tolle Auszeichnung zu bekommen, war es für mich eine Ehrensache, bei der Veranstaltung im Würzburger Rathaus auch persönlich vor Ort zu sein. Allerdings bedeutete dies für mich, am Mittwoch Abend möglichst schnell mit dem Auto wieder zurück nach Frankfurt fahren, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf abzubekommen, bevor schon um 3:00 Uhr der Wecker wieder klingelt, um mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren. Von einer professionellen Vorbereitung war ich also diesmal himmelweit entfernt.
Das Rennen:
Nach dem ich Freitag früh nach 17 Stunden Reisezeit zusammen mit meiner Partnerin Nicole in Taipeh angekommen bin und auch die Pressekonferenz sowie das Briefing hinter mich gebracht habe, sollte es am Samstag schon um 9:00 Uhr losgehen. Bei allen meinen 24-h-Läufen war ich bislang immer für ein sehr vorsichtiges Anfangstempo bekannt, was jedoch oftmals auch eine gute Geschwindigkeit in der zweiten Rennhälfte zuließ. Nichtsdestotrotz reizte es mich schon lange, eine risikoreichere Strategie auszuprobieren, da es mein Traum ist, irgendwann mal den Deutschen Rekord (276 km) zu brechen, was sich jedoch nur mit einer gewissen Portion Risikobereitschaft realisieren lässt. So sah mein Plan folgendermaßen aus: 50 km in 4 Stunden, 100 km in 8:10 Stunden, 144 km in 12 Stunden, um danach dann möglichst lange eine Pace von 5:26 min/km zu halten. Würde ich das für die zweite Hälfte gewählte Tempo bis zum Schluss durchhalten, wäre das theoretisch der Deutsche Rekord, was aber vor dem Rennen als unrealistisch für mich galt.
Bevor ich zur Beschreibung des Rennverlaufs komme, sollte ich an dieser Stelle noch ein paar Worte zu der Organisation der Veranstaltung verlieren, da gute Rahmenbedingungen überhaupt erst einmal die Grundvoraussetzung für absolute Topleistungen sind. Angefangen vom Abholservice, der Infrastruktur an der Strecke bis hin zur Rundenzählung ist der Lauf wirklich höchst professionell organisiert und kann nicht umsonst das Golden Label der IAU vorweisen. Unzählige Volunteers sind in die Veranstaltung mit eingebunden, so dass es wirklich an nichts fehlt. Die eingeladenen internationalen Läufer bekommen noch dazu zwei Volunteers zur Seite gestellt, die sich schon im Vorfeld um viele organisatorische Dinge kümmern und auch während des Rennens als Betreuer fungieren. Noch dazu wird es durch ein attraktives Rahmenprogramm in Form von Bühnenauftritten und verschiedenen kürzeren Läufen nie langweilig an der Strecke.
Etwas verspätet, um kurz nach 9:00 Uhr fiel der Startschuss zur 15. Auflage des 24-h-Laufs der Soochow University. Da der Lauf ja auf einer 400-m-Bahn ausgetragen wird, konnte ich sehr schnell einen gleichmäßigen Rhythmus finden und regelmäßig Rundenzeiten von 1:55 Minuten laufen. Es kamen zwar, wie erwartet, ziemlich schnell ein paar Zweifel in mir auf, ob das verhältnismäßig flotte Tempo gutgehen kann, doch ich habe das ja vor dem Lauf lang genug durchdacht. So waren die ersten vier Stunden relativ unspektakulär und ich habe die anvisierte Zwischenzeit für die ersten 50 km fast exakt getroffen. Jetzt, nach vier Stunden, gab es auch den ersten Richtungswechsel, was die Sache nicht einfacher machte. Während wir beim Laufen gegen den Uhrzeigersinn durch ein Gebäude ganz gut vom Gegenwind geschützt waren, den Rückenwind aber nutzen konnten, war nun das Gegenteil der Fall. Obwohl ich jetzt laut meinem Plan das Tempo etwas drosseln durfte, lief ich jetzt geradewegs in mein erstes Tief hinein – viel, viel zu früh und vor allem so früh noch nie zuvor. So konnte ich schon nach etwa fünf Stunden nicht mehr mein geplantes Tempo erfüllen. Wahrscheinlich ist dieser erste Durchhänger dem Jetlag geschuldet, denn mein Biorhythmus war wohl der Meinung, dass wir noch in Deutschland sind und da war es jetzt 7:00 Uhr am Morgen. Dementsprechend musste ich nun schon mein Tempo drosseln, wodurch mich natürlich viele Zweifel in Anbetracht der noch langen Zeitspanne überkamen. Trotzdem ist es mir aber gelungen, Ruhe zu bewahren und weiterhin mein Ding durchzuziehen, so gut es eben ging. Bei Kilometer 100 hatte ich bereits zehn Minuten Rückstand auf meinen Zeitplan, allerdings erlaubte mir dieser, von nun an bis zur Halbzeit des Rennens ein Tempo von 5:13 min/km zu laufen. Dementsprechend bin ich nun mein vor der 100-km-Marke zu langsames Tempo einfach weitergelaufen. Mittlerweile fühlte ich mich nach einem ersten Kaffee auch wieder deutlich besser auf der Höhe, so dass ich die Pace nun relativ konstant halten konnte. Zur Halbzeit nach 12 Stunden betrug der Rückstand auf meinen Plan weiterhin 10 Minuten. Zu dem Zeitpunkt lag ich hinter Hara Yoshikazu und Ivan Cudin auf dem dritten Gesamtplatz. Jetzt ging es langsam in die entscheidende Phase, denn gerade die Stunden 12 bis 15 sind meistens richtungsweisend. Für mich brach nun auch eine Zeit an, in der ich mich wirklich bärenstark fühlte. Vielleicht ist das der Vorteil eines noch nicht an die Ortszeit angepassten Biorhythmus, denn in Deutschland war es nun Nachmittag, während wir hier in die Nachstunden hineinliefen.

Rennverlauf

Rennverlauf (anklicken zum Vergrößern)

Da ich mich in dem Tempo von etwa 5:10 min/km sehr wohl fühlte, beschloss ich dieses Tempo weiterzulaufen, auch wenn ich laut meines Zeitplanes nun deutlich langsamer hätte laufen dürfen. Auch wenn es fünf Stunden vorher noch völlig undenkbar gewesen wäre, spukte jetzt schon wieder das Wort „Deutscher Rekord“ durch meinen Kopf, auch wenn dieser immer noch sehr unrealistisch war. Eigentlich habe ich ständig damit gerechnet, dass der Einbruch kommt, doch es lief jetzt wirklich sensationell gut und ich lief jetzt oftmals die gleichen Runden wie der Führende. Mehrmals hängte er sich sogar für ein paar Runden an meine Fersen, was noch zusätzlich ein Gefühl der Stärke gab, was ja gerade in den Nachtstunden nicht unwichtig ist. Immer mit Anbruch einer neuen Stunde habe ich mir zum Ziel gesetzt, das Tempo noch diese eine letzte Stunde durchzuhalten und mich so von Stunde zu Stunde gehangelt. Spätestens als ich nach etwas mehr als 14 Stunden auch wieder im Zeitplan für das Wunder „Deutscher Rekord“ war, bin ich wie im Rausch gelaufen, bis es für mich irgendwann auch definitiv kein B- oder C-Ziel gab, sondern ich nur noch nach dem „alles oder nix“ gestrebt habe. Der Rausch ging sogar soweit, dass ich sogar während der kurzen Pinkelpausen im Dixi-Klo Selbstgespräche mit mir führte, um mich noch mehr nach vorne zu peitschen in Richtung 276,2 km – hoffentlich hat mich niemand dabei gehört ;). Apropos Dixi-Klo: Nachdem ich sensationeller Weise das Tempo von 5:10 min/km halten konnte, war nun zum wirklich denkbar ungünstigsten Zeitpunkt ein größerer Boxenstopp auf dem Dixi angesagt. Wirklich sehr ärgerlich, da so gleich mal fünf Minuten ungenutzt von der Uhr verstreichen. Das Problem mit den lästigen Boxenstopps hatte ich über etliche Jahre nie, beim Spartathlon hat es mich aber auch schon ein paar Minuten gekostet. Auch wenn ich gewusst habe, dass es eigentlich nicht richtig ist, bin ich nach der Zwangspause erstmal fünf Runden in unter 2:00 Minuten gerannt, um wenigstens einen Teil der verlorenen Zeit wieder reinzuholen. Sechs Stunden vor Schluss war es dann langsam vorbei mit der Party und es begann so langsam richtig hart zu werden. Die Pace wurde zwar etwas langsamer, war aber für die Realisierung meines Traums immer noch mehr als in Ordnung. Die folgenden Stunden wurden tatsächlich knüppelhart, insbesondere die muskulären Schmerzen in den Oberschenkeln und den Waden waren echt übel. Auch wenn das Tempo weiterhin ok war, machte sich so etwas wie Panik in mir breit. Zum einen war das eine Panik davor, den Rekord nach großem Kampf nur knapp zu verpassen und zum anderen auch eine Angst vor einem nötigen Endspurt in der letzten Stunde – dem fühlte ich mich in meinem Zustand auch mental einfach nicht mehr gewachsen. Auch wenn ich mir bei diesem Lauf wirklich nicht viel vorzuwerfen habe, ist das eine Sache bei der ich noch an meiner Mentalität arbeiten muss, denn solche Gedanken dürfen eigentlich keine behindernde Rolle spielen. Rein objektiv betrachtet, sah es fünf Stunden vor Schluss einfach nur sensationell gut aus, denn ich hatte nun sage und schreibe zehn Minuten Vorsprung auf meinen Rekordplan! Allerdings war die Erschöpfung jetzt wirklich unendlich und jede Runde wurde zur Qual. Noch dazu wurde mir jetzt alles zu viel: jegliche Kommunikation mit der Crew, jedes Trinken meiner Getränke, jedes Bedanken für die Anfeuerungen der Zähler, die zusätzlich neben dem Chipsystem eingesetzt waren, ist mir jetzt lästig gewesen. Stattdessen zog ich schweigsam meine Runden mit dem Wunsch, dass das alles einfach bald zu Ende ist. Vier Stunden vor Schluss musste ich dann das erste Mal anhalten, um wenigstens für zwei Minuten meine Beine hochzulegen. Wie gerne wäre ich jetzt einfach liegen geblieben, aber es half ja nix, denn bei jeder Pause tickt die Uhr erbarmungslos weiter. Mein Job war es weiter, um den Rekord zu kämpfen, doch fast vier Stunden war noch eine halbe Ewigkeit. Als nur noch knapp drei Stunden zu absolvieren waren, ist es dann doch passiert: Ich hatte es einfach vor muskulärer Schmerzen und Erschöpfung nicht mehr ausgehalten und musste erneut anhalten. Jetzt machte sich wirklich Panik breit, da ich wusste, dass ich nun immer langsamer werde und keinen Puffer mehr für Pausen habe. Für einen kurzen Moment habe ich mich sogar mitten auf die Laufstrecke gelegt, um dann wieder über eine Strecke von 20 Metern anzulaufen. Jetzt sah ich definitiv kein Land mehr und auch die 276,2 waren in meinen Augen nicht mehr realistisch. So entschied ich eine längere Pause einzulegen, nachdem ich nun 245,6 km in den Beinen hatte. Im Nachhinein habe ich ausgerechnet, dass ich in den letzten drei Stunden einen Schnitt von 5:40 min/km hätte laufen müssen, um den Rekord zu knacken. Wahrscheinlich hätte ich das in meinem Zustand wirklich nicht mehr gepackt. Ein bisschen schade ist jedoch, dass ich eine Leistung von über 270 Kilometern, was ja immer noch ein Topergebnis gewesen wäre, durch meine Pause gleich mit weggeschmissen habe. Ich war jedoch über Stunden so sehr auf die 276,2 km konzentriert, dass alle anderen Ergebnisse für mich in diesem Moment als völlig wertlos erschienen. Im Nachhinein ärgert mich das schon ein wenig, denn die 270 Kilometer hätte ich mit großer Wahrscheinlichkeit schon noch gepackt. Nach einer Pause von 1,5 Stunden beschloss ich dann aber wieder auf die Strecke zurückzukehren, um wenigstens noch den Deutschen Bahnrekord, der bei 250,5 Kilometern lag, einzufahren. Genau in dem Moment, in dem ich wieder die Strecke betrat, holte mich Ivan Cudin, der zwischenzeitlich auch große Probleme hatte, ein, und wir lagen somit gemeinsam auf dem zweiten Gesamtrang. Er versuchte mich noch zu motivieren, in dem er mir anbot, dass wir doch einfach zusammen weiterlaufen. Zu richtigem Laufen konnte ich mich jetzt aber wirklich nicht mehr motivieren, da die Luft jetzt einfach raus wahr und ich nur noch die paar Kilometer für den Bahnrekord klarmachen wollte, so dass ich jetzt nur noch als Wanderer unterwegs sein wollte. Ivan drehte noch drei weitere Runden, bevor er sich dann auch meiner Wanderung anschloss, da auch für ihn die Messe gelesen war. Kurze Zeit später schloss sich dann auch noch der Rekordweltmeister Ryoichi Sekiya unserer Wandergruppe an – welch eine Ehre mit zwei der absoluten Champions zu wandern. Die folgenden 45 Minuten waren wirklich total schön, denn die Stimmung an der Strecke war jetzt wirklich großartig, so dass man die letzten Minuten nochmal richtig genießen konnte. Nachdem wir unsere Restmetermarkierung, nach Ertönen des Schlusssignals abgelegt haben, hatte ich insgesamt 253,899 Kilometer absolviert. Die Begeisterung nach dem Lauf war wirklich riesengroß, so haben wir erstmal ungefähr eine halbe Stunde lang T-Shirts, Zettel oder auch Handyhüllen unterschrieben und uns mit etlichen Personen gemeinsam fotografieren lassen. Irgendwann spielte natürlich dann auch mein Kreislauf ein wenig verrückt, so dass ich mich auf den Boden legen musste. Der Fotosession gab dies aber keinen Abbruch, denn die Jungs und Mädels haben sich für ein gemeinsames Bild einfach neben mich gelegt. Wirklich unglaublich, was hier los war! Ich weiß gar nicht, wie oft ich an diesem Tag meinen Namen geschrieben habe, denn vor und nach der Siegerehrung war ich auch nochmal eine ganze Weile mit Autogrammen und Fotos beschäftigt.
Die Nachbetrachtung:
Der 24-h-Lauf in Taipeh war wirklich ein großes Erlebnis für mich. Wenn mir im Vorfeld jemand gesagt hätte, dass ich einen neuen Deutschen Bahnrekord knacke, hätte ich das sofort unterschrieben, denn die Vorbereitung war insbesondere durch die knappe Anreise durch die Ehrung zum Sportler des Jahres in Würzburg, sowie durch den geringen Abstand zum Spartathlon alles andere als professionell. Letztendlich kann man sagen, dass der eigentliche Gewinn aber diesmal nicht das Ergebnis war, sondern die Erkenntnis, dass ich schon jetzt in der Lage bin, meinen sportlichen Lebenstraum – die Verbesserung des Deutschen Rekords, zu realisieren. Vielleicht ist die WM in Turin im April 2015 noch zu früh, doch die Chance wird sich hoffentlich noch einmal auftun.
Zuguterletzt möchte ich mich bei allen bedanken, die mich während des Laufs so toll unterstützt haben. Zuallererst ist da natürlich meine Freundin Nicole zu nennen, die bei jedem meiner wichtigsten Wettkämpfe vor Ort ist. Außerdem gilt mein Dank insbesondere den beiden taiwanesischen Mädels Julie und Irene. Sie waren zwei der unzähligen Volunteers und haben mich sowohl bei der Organisation im Vorfeld des Events, als auch hinsichtlich der Betreuung während des Rennens in hervorragender Weise unterstützt!Team