340,4 km beim 48h-Lauf

Die Vorgeschichte:

Nach einem Jahr mit planmäßig sehr reduzierten Kilometerumfängen ab Oktober 2018 war es mein Ziel, für das Jahr 2020 einen guten Einstieg in den Mehrtageslauf zu realisieren. Als Zielwettkampf hatte ich mir mit dem 6-Tage-Lauf, welcher Anfang Mai 2020 in Ungarn ausgetragen werden sollte, gleich auch eine richtig große Herausforderung gestellt. Ab Oktober 2019 lief dementsprechend das langfristige Training an. Dann kam bekanntermaßen Corona und so musste der Lauf von Anfang Mai auf Ende September verschoben werden. Ende August kam dann die Hiobsbotschaft, dass Ungarn die Grenzen schließen muss und so blieb dem Veranstalter nichts anderes übrig, als den Wettkampf endgültig zu canceln. Meine Vorbereitung war weitestgehend absolviert und die Motivation groß. Da Ultra für mich auch immer heißt, aus jeder gegebenen Situation das Beste zu machen, war Kopf in den Sand stecken keine Alternative und so musste ein Plan B her. Ja, und so bin ich eben bei den 48h in Brugg/Schweiz gelandet…

 

Die Zielsetzung:

Im Vorfeld haben mich sehr viele Leute nach meinem Kilometerziel gefragt. Natürlich hatte ich Zahlen im Kopf, aber ich habe mich nicht aus der Reserve locken lassen und das alles mal schön für mich selbst behalten. Über allen Kilometerzielen stand sowieso die Langfristigkeit. Ich wollte für mich selbst einfach sehen, dass die Richtung passt und Entwicklungspotenzial für Distanzen jenseits der 24h vorhanden zu sein scheint.

 

Das erste Viertel:

Auch wenn der Respekt vor der anstehenden Aufgabe nicht gerade klein  war, habe ich es genossen, einfach mal wieder ernsthafte Wettkampfluft zu schnuppern. Das „Schnuppern“ war zwar zunächst etwas eingeschränkt, denn im Sinne des Hygienekonzepts galt es sich mit Maske in die Startaufstellung einzureihen. Eine halbe Runde musste man dann auch mit Mundschutz laufen, was natürlich schon gelangt hat, dass meine Brille komplett beschlägt. Es gibt Schlimmeres und in der aktuellen Zeit muss man einfach nur froh sein, wenn überhaupt Rennen ausgetragen werden können. Die Einschränkungen hielten sich ja auch wirklich im Rahmen und

Anfangsphase
Anfangsphase

waren aus sportlicher Sicht vor allem auch nicht ergebnisrelevant. Mein Plan war es, das Rennen mit einem lockeren Tempo von 6:00 Min/km anzugehen und insbesondere auf eine gute Verpflegung zu achten. Die ersten Stunden waren komplett unspektakulär. Wichtig war es nur im Hier und Jetzt zu leben, denn ich glaube über die noch verbleibende Zeit nachzudenken, würde einen bei so einer langen Zeitdauer wohl in den Wahnsinn treiben. Ein bisschen „Wahnsinn“ ist bei dem Vorhaben, 48 Stunden lang einen knapp einen Kilometer langen Rundkurs absolvieren zu wollen, ja so oder so dabei. Meine Runden habe ich sehr konstant abgespult und so wurden die ersten 100 km nach etwas weniger als zehn Stunden erreicht. Eine schöne Abwechslung in der Monotonie waren die Überraschungsbesuche an der Strecke. So habe ich mich sehr über den Besuch von Kai, mit dem ich zu früheren Zeiten einige Schlachten in der 24h-Nationalmannschaft geschlagen habe und Markus, einem Athleten aus meinem Laufcoaching, gefreut. Beide wohnen unweit der Wettkampfstrecke und haben es sich nicht nehmen lassen, nach Feierabend am Freitag noch einen Abstecher zur Strecke zu unternehmen. Nach Eintreten der Dunkelheit verschwand ich zum ersten Mal in unser Pavillon, um mir trockene Klamotten anzuziehen. Die Umziehsession wollte ich unbedingt noch erledigen, solange meine Frau an der Strecke war. Nicole und unsere kleine Tochter haben mich nämlich nach Brugg begleitet und nachts ging es für Frau und Kind dann in unsere angemietete Ferienwohnung. Eine Eins-zu-Eins Betreuung ist bei 48h im Gegensatz zu den 24h sicher nicht ganz so wichtig, da man ja viel mehr Zeit hat. Nichtsdestotrotz war ich echt froh, meine Familie dabei zu haben. Dass für sie klar war mitkommen zu wollen weiß ich sehr zu schätzen, insbesondere weil das mit kleinem Kind nun ja auch alles deutlich aufwändiger ist. Die Tatsache, dass wir am Samstag während des Laufs auch noch unseren Hochzeitstag hatten, macht das ganze Unterfangen auch noch zusätzlich speziell.

 

Das zweite Viertel:

In meiner mentalen Vorbereitung auf den Wettkampf hatte ich für mich immer vor allem die zweite Nacht als wesentlichen Schlüsselpunkt auf dem Radar. Da ich ja schon viele Nächte bei Wettkämpfen durchgelaufen bin und das zum Teil mit deutlich höherer Geschwindigkeit, war ich mir sicher, dass mich die erste Nacht vor keinen großen Herausforderungen stellen wird. In Sachen Müdigkeit war das auch gar kein Problem, allerdings machte mir das nasskalte Wetter doch schon sehr zu schaffen. Temperaturen von teilweise unter 5°C und die Nässe, die nach zwei Dauerregentagen förmlich greifbar war, machte mir doch schon sehr zu schaffen. Das war schon echt ziemlich widerlich und ist gefühlt in sämtliche Muskeln und Knochen reingekrochen. Irgendwann gegen Ende der Nacht entschied ich mich – entgegen meiner ursprünglichen Planungen- mir doch schon jetzt einen kurzen Powernap von zehn Minuten zu gönnen. Wirklich notwendig war das sicherlich nicht, aber irgendwie hatte ich das Bedürfnis, mich für dieses unangenehme Wetter zu belohnen, bzw. zu entschädigen. Wirklich schlafen konnte ich natürlich nicht und so habe ich mich auch schon kurz vor Ablauf der Zeit wieder aus meinem Schlafsack geschält. Leider hatte ich dann auch erst mal einen ganz ekligen Schüttelfrost, der mich am ganzen Körper zittern ließ. Es galt nun möglichst schnell wieder ins Laufen reinzufinden, um nicht weiter auszukühlen. Das hat zum Glück auch gut geklappt und nach einer knappen Runde hat das auch wieder ganz gut gepasst. Ursprünglich hatte ich den Plan, in den ersten 24h etwas mehr als 230 Kilometer zu absolvieren. Davon hatte ich mich aber in der Nacht verabschiedet, da die Kälte doch ziemlich ausgezehrt hatte und letztendlich galt es ja auch weiterhin Kräfte zu sparen, denn die 24h sollten ja erst die Halbzeit darstellen. In den Morgenstunden, als es endlich hell wurde, konnte ich es auch gar nicht mehr erwarten, dass es endlich 12:00 Uhr wird. Zum einen, weil dann zumindest schon mal die Halbzeit erreicht ist und zum anderen, weil dann auch das 24h-Rennen gestartet wird und ich beim Sichten der Startliste vor dem Rennen schon viele bekannte Namen entdeckt hatte. Nun habe ich auch wieder deutlich besser meinen Rhythmus gefunden und konnte auch teilweise wieder ähnliche Rundenzeiten wie zu Beginn des Rennens laufen. Nach Ablauf der ersten 24 Stunden hatte ich dann etwa 221 Kilometer auf der Habenseite zu verbuchen. In der Gesamtwertung hatte ich da auch schon einen komfortablen Vorsprung von mehr als 20 km, was mich aber nur peripher interessiert hat, da für mich ganz klar das Kilometerergebnis im Fokus stand. Im Übrigen wäre ich mit den 221 Kilometern in der Männerwertung des 24h-Rennens auch nur zwei Kilometer hinter dem Sieger gelandet.

 

Drittes Viertel:

Nun auch das Teilnehmerfeld der 24h-Läufer auf der Strecke zu haben war echt eine große Wohltat, denn nun war deutlich mehr Leben auf der Runde. In den Nachtstunden war das schon recht einsam, da sich viele Teilnehmer auch für ein paar Stunden hingelegt haben. Auch wenn ich mit meiner „Vorbelastung“ nicht mehr so geschmeidig unterwegs war, ergab es sich doch immer wieder mal einige Meter gemeinsam zu laufen und ein paar Worte zu wechseln. Vor allem war ich da auch nicht ganz unparteiisch, da hier auch Teilnehmer meines Laufcoachings am Start waren, so dass ich mich da dann auch mit Mitfiebern ablenken konnte. Das tat wirklich richtig gut jetzt! Nach knapp 25 Stunden war es Zeit für meine zweite kurze Schlafpause – und die war nun auch planmäßig. Für gut zehn Minuten verkroch ich mich also wieder in den Schlafsack. Zum Glück war das Wetter

Sitzpause mit Taktikbesprechung
Sitzpause mit Taktikbesprechung

jetzt doch trockener als dies noch am ersten Tag der Fall war. Das war auch in der Wettervorhersage so prognostiziert. Respekt hatte ich jedoch vor den noch kälteren Temperaturen die mit aufklarendem Himmel für die zweite Nacht vorhergesagt waren. Was mir aber noch mehr Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass nun einige Stellen zunehmend Probleme bereiteten. Interessanterweise alles linksseitig. Damit war ich allerdings nicht der einzige, wie mir der Austausch mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bestätigte. Wir waren uns auch einig, dass die Innenneigung der Strecke verantwortlich ist für das Auftreten der ganzen orthopädischen Probleme. Bei einem 24h-Lauf fällt das wohl noch nicht so ins Gewicht, da dort ja so oder so „Augen zu und durch“ angesagt ist, bei der doppelten Zeitspanne subsummieren sich solche Disbalancen deutlich mehr. Ein Richtungswechsel alle paar Stunden wäre für die Orthopädie sicher sinnvoll gewesen. Die nasskalten Temperaturen haben das Ganze natürlich auch nicht gerade besser gemacht. Jammern macht es nicht besser, also mussten Lösungen her. Ein einfacher Lösungsversuch war es, möglichst in der Mitte der Strecke zu laufen, da der Weg nicht abschüssig war. Man kann sich das so ein bisschen vorstellen wie auf einem Feldweg, wo die Wegmitte etwas erhöht ist. In der Hoffnung, dass sich meine linke Wade etwas beruhigt, habe ich es mit Kompressionsstrümpfen versucht. Das hat sich aber überhaupt nicht gut angefühlt, so dass der linke Part schnell wieder ausgezogen werden musste.

Etwas skurril wurde es, als schweizerische Soldaten der naheliegenden Kaserne die Zugänge zu der Wettkampfstrecke sicherten – und zwar schwerbewaffnet. In meinem kaputten Kopf machte sich die Fantasie breit, dass nun jede Runde der langsamste Läufer aus dem Rennen geschossen wird. Sozusagen Backyard-Ultra der etwas anderen Art. Welchen Auftrag die Jungs hatten würde mich aber tatsächlich interessieren.

Frühzeitig wurde es dunkel und mir war klar, dass das spätestens ab jetzt ein sehr zähes Unterfangen wird. Nach 36 Stunden hatte ich etwa 290 Kilometer auf der Habenseite stehen. Das war schon deutlich weniger als ursprünglich geplant, aber wirklich einfach war es auch nicht, also galt es, das Beste daraus zu machen. Der Vorsprung auf Platz 2 war weiterhin komfortabel. Meine Frau teilte mir mit, dass wohl in den sozialen Medien darauf verwiesen wurde, dass der deutsche Altersklassenrekord bei 309 Kilometer liege. Gut, dass sollte sicher sein, aber deswegen war ich ja nicht hier.

 

Das letzte Viertel:

Zu Mitternacht kam wieder frischer Wind auf die Strecke, denn nun wurde auch das Feld des 12h-Laufs auf die Strecke geschickt. Laut des Rundenprotokolls muss ich kurz nach Mitternacht meine langsamste Runde des Rennens mit 45:21 Minuten absolviert haben. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, da jegliches Zeitgefühl verschwimmt. Ich gehe aber davon aus, dass da mein planmäßig längster Powernap von 20 Minuten integriert war – und genau das war ein Fehler. Die 20 Minuten sind mir überhaupt gar nicht bekommen, denn neben den schon üblichen Schüttelfrösten kamen von jetzt auf gleich kurzzeitig massive Kreislaufprobleme hinzu. Die Versuche, dennoch anzulaufen, sind schnell gescheitert und so musste ich mich dringend wieder hinsetzen. Wichtig war es, schnell wieder ins Laufen hineinzufinden. Wobei die Art der Fortbewegung nun nicht mehr so ganz als Laufen bezeichnet werden konnte, es war eher so ein Zwischending aus Laufen und schnellem Marschieren. Mental war ich aber wie das ganze Rennen über gut drauf und so hatte ich auch keine Zweifel daran, in den letzten Stunden möglichst viel Zeit auf der Strecke verbringen zu können. Was für mich eine neue Erfahrung darstellte, war diese ganz fiese Müdigkeit, welche sich nun in der zweiten Hälfte der Nacht breit machte. Bei den 24h stellt die Müdigkeit keinen limitierenden Faktor dar, bei zwei Nächten ist das aber schon eine ganz andere Sache. Die Strategie war weiterhin darauf ausgerichtet, Schlaf ausschließlich mittels Powernaps zuzulassen. Ich wusste aber, dass ich mich nicht mehr in den Schlafsack legen kann, da man nach dem Aufstehen nicht so schnell vom Fleck kommt, ohne dass Schüttelfröste die Folge sein werden. Für meine Powernaps habe ich also unbedingt einen warmen Ort benötigt. Für einen Moment habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, mich in das Toilettenhaus zu legen, denn das war wunderbar warm beheizt. Stattdessen entschied ich mich, ins Auto zu legen, den Motor laufen zu lassen und die Heizung voll aufzudrehen, in der Hoffnung, dass es wenigstens halbwegs schnell warm werden würde. Allerdings gab es auch diesmal wieder ordentlich Schüttelfröste beim Loslaufen. Die Müdigkeit war schon teilweise echt fies. Mehrfach sind mir während des Marschierens die Augen zugefallen. Mit Laufen als Fortbewegungsart wurde es immer schwieriger. Mein linkes Knie bereitete mir immer mehr Probleme. Wichtig war es aber, so viel Zeit wie möglich auf der Strecke zu verbringen, um dennoch vorwärts zu kommen. Aus diesem Grund und auch um den Kreislauf nicht zu gefährden, beschloss ich von nun an nur noch fünf Minuten lange Powernaps zu absolvieren. Ganz ohne kam ich nicht mehr aus. Eine ganz, ganz große Hilfe war mir nun Volker Greis, der eigentlich einen anderen Läufer betreute, aber eben auch mich zusammen mit meiner Frau unterstützte. Er hat es auch organisiert, dass ich meine Powernaps von nun an in einem beheizten Wohnwagen eines anderen Betreuerteams verrichten konnte. Das war wirklich fantastisch! Fantastisch war auch die Tatsache, dass das mit den nun verkürzten Powernaps von nur noch 5:00 Minuten auch klasse funktioniert hat. Obwohl ich in der kurzen Zeitspanne nur sehr kurz weggenickt sein muss, hat sich das angefühlt wie 20 Minuten. Dass es auch mit sehr kurzen Powernaps funktioniert, ist definitiv eines der Learnings, die ich für das nächste Mal mitnehme. Ewig hält der Effekt natürlich nicht an, aber nach so einer kurzen Pause fühlt man sich zumindest temporär doch deutlich wacher. Als das Tageslicht zurückkam, wurde es mit der Müdigkeit auch deutlich besser. Eine gute Ablenkung war es nun auch, das 6 Stunden-Rennen zu beobachten, bei dem mein Kumpel Frank Wiegand am Start war und den Lauf auch gewann. Da von uns 48ern kaum mehr jemand anständig laufen konnte und auch die meisten 24er ihre Probleme hatten nach der langen Nacht, kam mir das Tempo der noch frischen 6-Stunden-Läufer unfassbar schnell vor. Für mich galt es nur noch das Ding einigermaßen nach Hause zu bringen. Der Vorsprung auf den Zweitplatzierten war sehr komfortabel, dahingehend war also die Messe gelesen. Richtiges Laufen war für mich leider nicht mehr möglich, da die Knieschmerzen einfach zu groß waren. Nach dem Rennen, in Ruhe, sollten sich die Schmerzen noch mehr verstärken und es war mir kaum mehr möglich, selbständig zu gehen. Das Problem hatte ich vor elf Jahren bei einem 24h-Bahnlauf in Palermo schon einmal. Zum Glück haben sich damals und auch diesmal die Schmerzen innerhalb weniger Tage nach dem Rennen wieder verflüchtigt.

Die letzten Minuten konnten wir alle den Abpfiff des Rennens kaum erwarten. Schön war es, die letzten Minuten gemeinsam mit Alexandra, einer Athletin aus meinem Laufcoaching zu absolvieren, die den 12h-Lauf siegreich beenden konnte und sich darüber sehr gefreut hat. Ich selbst war nach all den Strapazen viel zu erschöpft, um echte Freude aufkommen zu lassen, das kam dann erst einige Stunden später so richtig.

Da mich Altersklassenrekorde nicht sonderlich interessieren, habe ich auch erst im Nachgang des Rennens erfahren, dass meine 340,4 km nicht nur eine Verbesserung des deutschen, sondern auch des weltweiten Altersklassenrekords der M35 darstellt.

 

Fazit:

Nach der mehr oder weniger schöpferischen Pause in 2019 bin ich mit dem Lauf in Brugg wieder zurück im Ultramarathon-Business, was die ganz, ganz langen Kanten betrifft. Ursprünglich hatte ich mir zwar etwas mehr als die 340 Kilometer erhofft, aber es wäre überheblich, nicht mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Gerade auch in Anbetracht der erzielten Rekorde, auch wenn ich diese nicht überbewerten möchte. Die 48h muss ich definitiv aber nochmal zu einer wärmeren Jahreszeit angehen. Nach vielen Jahren mit Fokus auf die 24h, habe ich für das Thema Multi-Day-Running richtig Blut geleckt und werde mich in diesem Spektrum die nächsten Jahre austoben!

Siegerehrung
Siegerehrung

Projekt 6-Tage-Lauf #3: Terminverschiebung des Wettkampfs

Wie zu erwarten kann der 6-Tage-Lauf nicht am 7.5.20 starten. Zum Glück wurde die Veranstaltung aber noch nicht abgesagt, sondern in den Herbst verlegt. Man kann nur hoffen, dass sich die Lage in Sachen Corona entspannt, so dass der 6-Tage-Lauf dann Ende September auch tatsächlich stattfinden kann. Natürlich ist die Terminverschiebung ärgerlich, da sich ja sicherlich alle Teilnehmer schon intensiv in der Vorbereitung befunden haben. Auf der anderen Seite ist die Entscheidung natürlich zu 100% nachvollziehbar, bzw. sie war ja eigentlich auch völlig alternativlos gewesen. Ich werde versuchen das beste aus der Situation zu machen und die Zeit möglichst sinnvoll nutzen.

Was die Verlegung insbesondere auch für meine Vorbereitung zu bedeuten hat, erfahrt Ihr im nachfolgenden Video:

Mit der NIEMALS-AUFGEBEN-MENTALITÄT durch die Corona-Krise!

Wir leben aktuell in nicht ganz einfachen Zeiten. Mit meinem Videobeitrag aus der Reihe „Ultramarathonexperte“ möchte ich anderen Menschen Mut machen, um die aktuelle Situation auch ein klein wenig als Chance zu wahrzunehmen – sowohl für das Laufen, als auch außerhalb dessen!

Projekt 6-Tage-Lauf #2: Trainingskonzept

Ein nicht ganz unwesentlicher Teil der Vorbereitung ist natürlich das läuferische Training an sich. Eigentlich ist dieser Part aber für mich selbst fast der unspektakulärste. Im Großen und Ganzen werde ich mich bei meiner Vorbereitung an einem klassischen 24-h-Lauf-Training orientieren und das kenne ich ja ganz gut. In Sachen Training möchte ich es ehrlich gesagt nicht ganz so verbissen angehen (wie das vielleicht manchmal früher der Fall war), denn ich möchte das Ganze ja in erster Linie als Ultramarathon-Abenteuer mit Lerneffekt zu verstehen wissen. Ein gewisses Konzept ist natürlich trotzdem von Nöten.
So ganz isoliert darf man solch eine Vorbereitung natürlich nicht sehen, stattdessen geht es um den Gesamtkontext in dem das Training stattfindet. Das heißt, der Zeithorizont der Vorbereitung geht weiter als über die letzten drei Monate vor dem Highlight in Ungarn hinaus. Die Idee, in 2020 den 6-Tage-Lauf in Angriff zu nehmen, trage ich ja schon länger mit mir herum. Dementsprechend habe ich das auch schon im letzten Viertel des Jahres 2019 berücksichtigt.
Soll heißen, im Sinne von „vom Unspezifischen zum Spezifischen“ ging es noch nicht so wirklich darum, Kilometer ohne Ende abzureißen. Zugegebenermaßen hätte ich da auch nicht die Zeit dazu gehabt. Stattdessen habe ich tendenziell eher unspezifisch trainiert. Mein Plan war es, ein wenig an den kurzen Strecken zu arbeiten. So ganz umsetzen konnte ich das nicht, da ich recht eingespannt war. Was jedoch gut funktioniert hat, war es, wie geplant auch mehr an der Kraftausdauerkomponente, mittels Einbau von Höhenmetern zu feilen.
Oft wird in der Vorbereitung auf solch einen Mehrtagelauf auch schon ein langer Ultramarathon-Wettkampf in die letzten Monate der Vorbereitung eingebaut. Ich habe mich jedoch ganz bewusst dagegen entschieden, da ich mir die mentale Frische für das Projekt 6-Tage-Lauf aufrecht erhalten möchte. Aus meiner Erfahrung weiß ich, wie ermattend diese ganz langen Läufe über mehr als 200 km sein können. Dementsprechend habe ich für mich entschieden, dass ich solch einen Lauf nicht einbaue, auch wenn ich es rein physiologisch bei angepasstem Renntempo sicherlich auch rechtzeitig regeneriert bekommen hätte. Stattdessen werde ich bei der Deutschen Meisterschaft im 100km-Lauf am Start sein.
Dementsprechend wird der längste Lauf der Vorbereitung auch nicht länger als eben diese 100km sein. Im Vergleich zu dem was dann im Zielwettkampf gelaufen werden soll, ist das mehr oder weniger nur eine „Kurzstrecke“. Meiner Meinung nach macht es aber wenig Sinn, das Training in einen Bereich zu bringen, in dem es vom Körper nicht entsprechend gewinnbringend „verarbeitet“ werden kann. Es ist zwar verlockend im Hinblick auf die im Wettkampf zu laufende Distanz auch im Training schon etliche Läufe im dreistelligen Kilometerbereich zu absolvieren. Da stellt sich dann aber schon die Frage inwiefern Trainingsnutzen und benötigte Regenerationszeit in angemessenen Verhältnis stehen.
Was ich jedoch zusätzlich zum normalen Lang-Ultramarathon-Training dann in den letzten acht Wochen der Vorbereitung einschieben werde, sind konsequente „low-pulse-Einheiten“. Was es damit auf sich hat und genauere Hintergründe zum 6-Tage-Lauf-Training, gibt es im nachfolgenden Video zu bewundern:

Projekt 6-Tage-Lauf – #1: Vorstellung des Projekts, Intention und Motivation

Manche Dinge muss man einfach irgendwann mal machen! Vor allem, wenn man eine Idee schon fast 14 Jahre lang mit sich rumträgt. Im Mai werde ich in Ungarn beim 6-Tage-Lauf teilnehmen.
Angefangen mit Ultramarathon habe ich 2003 ganz klassisch mit dem 100-km-Lauf in Biel, so richtig los ging das Ganze dann erst ab 2006. Zu der damaligen Zeit hatte ich nach den ersten 24-h-Läufen die Intention, relativ zeitnah auch mal an einem 6-Tage-Lauf teilzunehmen. Mit zunehmendem Leistungsfortschritt bin ich aber dann erstmal an den 24 h hängen geblieben, um dann ja auch eine internationale Karriere zu starten (die Spartathlons zähle ich aufgrund des teilnehmenden Klientels auch in diese Kategorie mit hinein). Da das ja nun nicht mehr ganz oben auf der Agenda steht, ist das nun ein nahezu perfekter Zeitpunkt, um den Plan, einen 6-Tage-Lauf unter die Füße zu nehmen, wahr werden zu lassen.
Ganz so leicht ist mir die Entscheidung jedoch nicht gefallen. Über Wochen hinweg habe ich hin und her überlegt. Teilweise bin ich auch nachts zu den unmöglichsten Zeiten gelaufen – nicht nur, aber auch, um auszutesten, wie gut das Laufen auch zu für den Biorhythmus ungewohnten Zeiten funktioniert. Gut, prinzipiell kenne ich das ja schon von vielen anderen Ultraläufen, aber im Wettkampf, bei 24 h, wo man dann auch voller Adrenalin ist, fällt es natürlich auch deutlich leichter.
Ich sehe das „Projekt 6-Tage-Lauf“ insbesondere als ein großes mentales Abenteuer an. Ich möchte in erster Linie herausfinden, was passiert, wenn man solch einen langen Ultralauf absolviert. Welche Herausforderungen werden auftreten? wie kann ich das Projekt möglichst gut absolvieren? Was wird es mit mir selbst machen – gerade auch im Nachhinein?
Ich bin mir sicher, dass ich mit dieser für mich komplett neuen Erfahrung vieles neues Lernen werde. Vielleicht werde ich so etwas danach nie wieder machen, doch ich glaube, es lohnt sich, diesen Weg zu gehen.
Mit vielen Aspekten setze ich mich im Vorfeld des Laufs noch intensiv auseinander. Meine Erfahrung aus nun schon fast 17 Jahren Ultramarathon wird mir sicherlich zu Gute kommen, doch vieles werde ich für dieses Projekt selbst erst noch lernen müssen. Rennstrategie, Schlafstrategie, Ernährungsstrategie – all das sind Aspekte, die natürlich bei solch einem Mehrtageslauf eine ganz eigene Dimension haben. Wer Lust hat, darf mich auf dieser spannenden Reise gerne begleiten, denn meine Gedanken und Erfahrungen rund um das Projekt werde ich hier in unregelmäßigen Abständen dokumentieren.

Ausführlicher gehe ich auf meine Teilnahme beim 6-Tage-Lauf und die damit verbundene Intention und Motivation im ersten Video ein:

Mozart100 Ultratrail (112km)

Einfach mal was anderes ausprobieren und ganz neue Erlebnisse und Erfahrungen im breiten Feld des Ultramarathons machen – das war meine Intention für die Planung des Laufjahres 2019. So habe ich schon in der ruhigen Zeit zwischen den Jahren den Ultralaufkalender gescannt, mit dem Ziel einen Ultratrail mit einer Distanz von mindestens 100 km für mich zu entdecken. Na gut, so ganz neu ist das jetzt auch wieder nicht, den Chiemgau 100er bin ich zum Beispiel schon im Jahre 2007, also vor zwölf Jahren, mitgelaufen. Lange habe ich hin und her überlegt, auf welche Veranstaltung meine Wahl fällt, um dann für den Mozart100 das Anmeldeformular auszufüllen. Dazu motiviert hat mich auch ein Athlet aus meinen Laufcoachings (Danke Christian, Du hast mir das also eingebrockt), der nur Gutes über den Mozart100 zu berichten wusste.
Nur Gutes habe auch ich von dem Lauf zu berichten! Ich habe aber auch zu berichten, dass es verdammt anstrengend war.

So ein richtig strukturiertes Training war das im Vorfeld sicher nicht, musste es aber auch nicht sein. Ich bin in erster Linie angereist, um etwas zu erleben. Zu erleben gab es am Anreisetag vor allem eine Affenhitze, sodass beim Warten auf das Briefing im Salzburger Zentrum Schattenplätze äußerst beliebt waren. Die zu erwartenden Temperaturen und das Streckenprofil ließen jedoch einen anstrengenden Tag erwarten, der insbesondere schon sehr früh starten sollte.
Da der Startschuss schon um 5:00 Uhr erfolgen sollte und ich meine Unterkunft ein ganzes Stück außerhalb von Salzburg hatte, klingelte schon um 2:30 Uhr mein Wecker. Zum Glück habe ich ihn nicht überhört, was im Vorfeld ein wenig meine Sorge war.

Es war schon ein tolles Flair, als aus sämtlichen Seitengassen Menschen in Trail-Ausrüstung zum Kapitelplatz zusammenströmten, wo Start und Ziel des Laufs positioniert waren. Nach dem Startschuss lies ich es auch erstmal relativ gemächlich angehen. Es war irgendwie selbst um diese Uhrzeit sehr schwül. Überrascht war ich über die internationale Zusammensetzung des Teilnehmerfeldes, was sicherlich mit der Tatsache zusammenhängt, dass der Lauf mittlerweile Teil der Ultratrail-Worldtour ist. Nach gut einer Stunde wurde der erste Verpflegungspunkt erreicht, ich musste hier unbedingt meine Vorräte auffüllen, da ich recht „leer“ losgelaufen bin. Das hat sich nur als etwas schwierig gestaltet, da an dem langsam laufenden Trinkwasser-Brunnen der Andrang im noch dichten Teilnehmerfeld doch recht groß war. Halb so wild – auf eine halbe Minute rauf oder runter wird es heute nicht ankommen. Weiter ging es in Richtung Fuschl am See, über hügeliges Gelände, was allerdings nur ein sehr humaner Vorgeschmack auf das, was noch auf uns zukommen sollte, darstellte. So richtig wohl habe ich mich dennoch noch nicht gefühlt. Es lief irgendwie noch nicht so richtig rund und wirklich wach war ich auch noch nicht. Das änderte sich erst, nachdem wir den großen Checkpoint in Fuschl am See erreichten. Fuschl ist so etwas wie ein Etappenziel, welches den Lauf in drei Abschnitte teilt, denn hier kommt man zwei Mal vorbei – nämlich nach 31 und nach 80 Kilometern. Deshalb hat es sich auch wunderbar angeboten, die Stöcke, welche zur Unterstützung im profilierten Gelände dienen sollten, hier zu deponieren. Für den relativ einfachen Hin- und Rückweg von, bzw. nach Salzburg, wären sie nur unnötiger Ballast gewesen. Eigentlich geht der Lauf auch erst nach Fuschl so richtig los. So langsam aber sicher wurde ich auch wacher. Gleichzeitig wurde es aber auch immer wärmer. Da es nach Fuschl mehr als 14 km dauern sollte, bis der Checkpoint kommt, füllte ich mir beide 0,5-Liter-Flaschen komplett mit Wasser voll. Eigentlich sollte ein Liter für diese Distanz problemlos reichen. Mit zunehmender Hitze überkam mich jedoch solch ein Durst, dass ich schon frühzeitig mit einem sehr sparsamen Verbrauch begann. Ich kenne dieses Phänomen aus vielen Trainingsläufen – wenn man sich erst einmal in einem dehydrierten Zustand befindet, kommt man da auch trotz ständigem Nachfüllen so schnell nicht wieder raus. Also habe ich mich irgendwie zur nächsten Labestation in Winkl durchgeschleppt. Ein Genuss war das Laufen nun nicht mehr. Unten im Tal angekommen, habe ich mir sehr viel Zeit für Verpflegung und Abkühlen mittels Wasserschlauch genommen, denn es galt die Kräfte für den Anstieg zur Schafbergalm wieder zu sammeln. Erfreulicherweise hat das einigermaßen gut funktioniert und so hat es auch wieder deutlich mehr Spaß gemacht und die Strecke bis Kilometer 61 in St. Gilgen konnte ich wieder richtig genießen. Auch hier habe ich mir wieder richtig viel Zeit gelassen und auch das ein oder andere Schwätzchen am Verpflegungsstand gehalten. Viel härter als den ersten großen Anstieg hinauf zur Schafbergalm, empfand ich nun den Anstieg zum Zwölferhorn, was mit 1520 Metern auch die höchste Erhebung des Laufs darstellt. Glücklicherweise war ich im Anstieg nicht alleine, stattdessen schleppte ich mich gemeinsam mit einem Läufer vom Bodensee in Richtung Gipfel. Zwischendurch dachten wir, der höchste Punkt sei schon erreicht, um dann eines Besseren belehrt zu werden. Das was wir zu dem Zeitpunkt hinter uns gebracht hatten, war bestenfalls vielleicht die Hälfte des Anstiegs! Wie immer bei diesem Lauf hatte ich den Aufenthalt am Checkpoint in aller Ruhe genossen. Mein Mitläufer lief schon mal los, doch auf dem steilen Bergab-Passagen habe ich ihn zeitnah wieder ein- und überholt. Bis nach Fuschl ging es jetzt mehr oder weniger nur noch bergab, so dass man sich bis Kilometer 77 wieder ganz gut erholen konnte. Ich war froh, endlich die Stöcke deponieren zu können, am liebsten hätte ich auch den Rucksack abgelegt. Das Mitschleppen der Ausrüstung ist echt der große Nachteil am Trailrunning. Es ging deutlich unspektakulärer und vergleichsweise eben dahin. Dafür ist man nun auch schneller dem Ziel näher gekommen. Spektakulärer wurde stattdessen das Wetter, den es zog sich mehr und mehr zu und das Donnergrollen kam merklich näher. Irgendwann war es dann soweit und wir wurden heftig geduscht. Eigentlich ganz angenehm, aber der Wald ist vielleicht nicht unbedingt der Aufenthaltsort während eines Gewitters. Auch das ging vorüber uns so waren die letzten Kilometer hinein nach Salzburg auch nur noch Formsache. Das Ziel bei Kilometer 112 erreichte ich nach etwa 15 Stunden als 39. Mann. So ging ein schöner, aber anstrengender Tag zu ende.
Für mich war es eine (schöne) neue Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich werde sicherlich auch weiterhin auch immer mal wieder einen Ausflug auf die Trails wagen, wobei mich der Ultramarathon auf der Straße schon irgendwie mehr fasziniert, da man eine höhere Vergleichbarkeit hat und man durchgehend im Laufschritt bleibt, was bei langen Ultratrails kaum möglich ist.

Hier auch noch ein paar Impressionen vom Lauf:

75km Ultratrail in Fethiye/Türkei

Zu Beginn des Jahres 2019 habe ich es mir fest auf die Fahne geschrieben, einfach mal ein paar andere Facetten des Ultramarathons zu erleben. Das schöne an diesem Sport ist ja, dass er so vielfältig ist und es auch abseits der klassischen Wettkampfdistanzen noch viel zu entdecken gibt.

So hat es sich auch sehr gut angeboten, die Einladung zum Ultratrail in Fethiye in der Türkei anzunehmen. 2018 „musste“ ich noch dankend ablehnen, da das damals etwas mit der 24h-Europameisterschaft in Rumänien, bzw. mit der Vorbereitung dafür kollidiert hat.

Dieses Jahr sollte dem kleinen Abenteuer jedoch nichts im Wege stehen und so ging es gemeinsam mit meiner Frau

Vorprogramm am Freitag
Vorprogramm am Freitag

Nicole zu dem Trip in die Türkei. Die Anreise lief dann gleich etwas anders ab als angedacht, da unser Flieger mit deutlicher Verspätung in Frankfurt abhob, so dass wir unseren Anschlussflug in Istanbul verpassten. Der neue Flughafen war erst seit wenigen Tagen geöffnet, so dass wir mehr oder weniger eine der ersten Passagiere waren. Im Übrigen sind das dort solch lange Wege, dass ich mir schon überlegt habe, unseren Marsch zum Service-Desk ins Trainingstagebuch einzutragen. Da es am selben Tag keinen Anschlussflug mehr gab, mussten wir also über Nacht bleiben. Hört sich auf den ersten Blick schlimmer an als das es war, denn gutes Hotel, inkl. Shuttleservice und ein anständiges Abendessen auf Kosten der Airline sind schon auch einigermaßen erträglich. Einziger Nachteil: Es ging schon mitten in der Nach wieder raus zum Flughafen. Vor einem 24h-Lauf wäre so eine zerrissene Nacht ärgerlich gewesen, so sah ich es recht entspannt und Donnerstag Vormittag kamen wir dann auch in Fethiye an. Dank des Shuttleservices von Orgachef der Veranstaltung, Rudolf, diesmal ziemlich unkompliziert und entspannt. Rudolf klingt jetzt nicht gerade nach einem türkischen Namen und so ist es auch, denn der Lauf wurde von einem ausgewanderten Deutschen ins Leben gerufen, was die Sache vor Ort auch recht unkompliziert gemacht hat. Ähnlich wie beim Spartathlon gibt es hier als Teilnehmer die Möglichkeit ein Paket zu buchen, in dem Hotel und Wettkampf integriert sind. Mit Blick auf Strand und Meer ließ es sich hier ziemlich gut aushalten.

Für Freitag standen nach einem kurzen Akklimatisationslauf schon etwas mehr Programmpunkte auf der Agenda. Das Briefing sollte im Zentrum von Fethiye stattfinden und ich wurde kurzfristig gebeten, im Rahmen dessen einen kleinen Vortrag mit anschließender Fragerunde zu halten. Folien oder dergleichen hatte ich natürlich keine dabei, aber kein Problem, es gibt ja genug zu erzählen. Das Ganze hat entsprechend auf Englisch stattgefunden und wurde direkt von einer Dolmetscherin ins Türkische übersetzt, so dass auch jeder die Möglichkeit hatte, Fragen zu stellen. Hat Spaß gemacht, sowohl mir als auch scheinbar den anderen Läufern. Da ich selbst natürlich nicht der türkischen Sprache mächtig bin und es auf der längsten Distanz über 75 km auch nicht viele Teilnehmer gab, hatte ich doch etwas Respekt davor, mich irgendwo in den Bergen zu verlaufen. Da das hier noch eine recht familiäre Veranstaltung ist, gab es auch keinen Track, dementsprechend hab ich bei Briefing aufgepasst wie ein Luchs.

Samstag früh sollte es also losgehen, gemeinsam mit den Startern über die 50-km-Distanz. Um nicht gleich schon falsch aus der Stadt rauszulaufen, hielt ich mich erstmal an eine Gruppe einheimischer Läufer. Erst nachdem wir an unserem Hotel bei Kilometer 5 vorbeiliefen und ich die folgenden Kilometer etwas kannte, habe ich ein klein wenig beschleunigt. Ein türkischer Läufer folgte mir, und so liefen wir uns langsam warm. Gut, warmlaufen war heute nicht wirklich erforderlich, denn in der Sonne war es doch schon nicht mehr wirklich frisch. So langsam hat es sich eingerollt und eigentlich fühlte ich mich recht wohl, bevor der Lauf vom entspannten Dahinrollen schnell zu einem kleinen Abenteuer wurde. Noch am Vortag des Laufes bin ich einen Teil der schon markierten Strecke abgelaufen. Leider genau 100 Meter vor einer Abzweigung auf eine Anhöhe bin ich wieder umgekehrt, da meine geplanten Trainingskilometer erreicht waren. Wäre ich noch die wenigen Meter weiter gelaufen, wäre mir möglicherweise die Abzweigung aufgefallen und am Wettkampftag hätte ich so schon Bescheid gewusst. So lief ich gemeinsam mit meinem türkischen Mitläufer und wunderte mich schon ein wenig, warum an einer kleinen Kreuzung keine Markierung zu sehen war. Ich schaute meinen Mitläufer an und er deutete geradeaus. Okay, im Zweifel geradeaus ist meist nicht so verkehrt, dachte ich mir noch. Leider deutete aber auch im weiteren Verlauf nichts auf eine Wettkampfmarkierung hin und spätestens als wir an eine viel befahrene Straße kamen war klar, dass wir auf dem falschen Weg waren. Das geht ja gut los, nach noch nicht einmal zehn gelaufenen Kilometern. Ich war froh, nicht alleine zu sein, auch wenn sich die Lagebesprechung aufgrund der Sprachbarriere schwierig gestaltete. Mein Kollege führte ein kurzes Telefonat und das ergab wohl, dass wir umkehren und in Richtung Strand laufen müssen. Der Umweg kostete uns etwa vier Extrakilometer. Insgeheim habe ich schon begonnen, die Gesamtdistanz hochzurechnen, wenn es so weitergeht mit dem Ergebnis, dass das hier noch ein recht langer Tag werden könnte. Egal, irgendwie werden wir schon ankommen. Später erfuhr ich, dass wir auf diesem Streckenabschnitt nicht die einzigen mit Schwierigkeiten waren, sondern sich auf unterschiedliche Art und Weise verlaufen wurde. Nach solch einem Verlaufer ist man ja geneigt, die Zeit wieder mit zügigerem Tempo reinzuholen. Dieses Unterfangen hat sich jedoch ganz schnell erledigt, denn nun folgten etwa vier Kilometer entlang des Strands. Gefühlt ging es hier nur im Schneckentempo weiter und ich machte mir zunehmend auch Sorgen um den Flüssigkeitshaushalt, denn meine Vorräte waren doch schon recht bald aufgebraucht. Nach der schier endlosen Strandpassage wurde der Checkpoint erreicht und ich beschloss, in Anbetracht des noch langen Tages, mir Zeit zu lassen und lieber anständige Verpflegung zu betreiben. Die folgenden Kilometer wurden immerhin deutlich einfacher. Es ging zwar immer leicht bergauf dem tiefen Taleinschnitt folgend, aber so langsam aber sicher habe ich meinen Rhythmus gefunden. Viele der Starter über die 50-Kilometer-Distanz sammelte ich nun wieder ein. Irgendwann stieg die Forststraße knackig an, bevor es oben angekommen sehr einsam wurde, da nun nur noch die wenigen Läufer über die 75-km-Distanz auf der Strecken waren. Wirklich flache Streckenabschnitte fand man nun selten. Ab und an ging es mal bergab, die allermeiste Zeit galt es jedoch Höhenmeter zu sammeln.

An einem Checkpoint in den Bergen wurde ich vom Betreuer des selbigen gewarnt, dass es gleich etwas nass werden könnte. Erst dachte ich mir nichts groß dabei, doch kaum um die Kurve gebogen, wusste ich was Sache ist. Vor mir erstreckte sich nämlich ein breiter Bach. Überspringen völlig utopisch, dafür müsste man schon mindestens die Quali zur nächsten Weitsprung-Weltmeisterschaft in der Tasche haben. Also ging es stockvoll durch glasklares eiskaltes Bergwasser – herrlich!

Der Abenteuerlauf ging weiter und zwar nach oben, meistens gut laufbar, aber in der aller Regel ansteigend weiter ins Tal-Ende. Durch einen unglücklichen Zufall – und eigene Unachtsamkeit – habe ich mich dann noch ein zweites Mal verlaufen. In einer Senke angekommen wurde ich von einem jungen Landwirt angesprochen und in einen kurzen Small-Talk verwickelt. Er empfahl mir das Quellwasser nur wenige Meter hinter der Kurve, wo ich meine Vorräte auffüllte. Unglücklicherweise zweigte genau an der Stelle des Gesprächs die Wettkampf-Route ab. Durch die Ablenkung habe ich das leider übersehen und bin etwas mehr als einen Kilometer in die falsche Richtung gelaufen, bis ich dann sicherheitshalber doch wieder an die besagte Stelle zurücklief. Nach einem letzten Anstieg kam ich an

Endlich geschafft!
Endlich geschafft!

eine wenig befahrene Straße, wo die Markierung bergab zeigte. So wie ich das Streckenprofil in Erinnerung hatte, musste nun auch der höchste Punkt der Kurses erreicht sein. Zum Glück war ich mit der Vermutung nicht falsch gelegen, denn von nun an ging es kilometerweit nur bergab. Immer der asphaltierten Straße folgend, wo man es richtig gut laufen lassen konnte. Andere Läufer habe ich schon lange nicht mehr gesehen, aber immerhin ich war auf dem richtigen Weg, denn nun habe ich bei jeder möglichen Abbiegung wirklich aufgepasst wie ein Luchs. Nach etwa 55 Kilometern erreichte ich wieder einen Checkpoint. Ich ließ mir Zeit, dafür war das Obst einfach zu lecker, und so langsam war es doch ganz schön warm geworden. Es ging weiter bergab und bei der Überquerung der großen Bundesstraße galt es nochmal konzentriert zu bleiben, um den richtigen Abzweig zu erwischen. Durch meine beiden Zusatzschleifen konnte ich kaum einschätzen, wie weit es jetzt tatsächlich noch bis zum Ziel ist. Das hat sich jedoch schlagartig geändert, als ich die Strecken vom Hinweg wieder erkannte. Nun war ich wieder auf dem Pendelstück, welches den Rückweg nach Fethiye darstellt. Perfekt, nur noch runter an den Strand und dann sind es lediglich 14 km, die bewältigt werden müssen. Gut, auf den Strandlauf durch Kies und Sand war ich nun mit zunehmender Müdigkeit nicht mehr so wirklich scharf. Ich habe das Problem aber in soweit umgehen können, in dem ich ganz nah am Wasser lief, wo der feuchte Sand nicht so tief war. Dies bedeutete als Kehrseite jedoch, dass meine Schuhe nicht trocken bleiben sollten, da ich nicht allen Wellen ausweichen konnte. Nicht so schlimm, der Weg ist ja nicht mehr weit und wirklich trocken waren die Schuhe nach der Bachüberquerung in den Bergen ja so oder so nicht mehr geworden.

Die letzten Kilometer waren dann keine große Hürde mehr und ich konnte nochmal deutlich beschleunigen. So

Ein Souvenir für Zuhause gab es auch
Ein Souvenir für Zuhause gab es auch

erreichte ich in der Nachmittagssonne, als erster der wenigen Läufer über die 75-km-Distanz, das Ziel auf dem Marktplatz.

Fazit: Es hat ungemein Spaß gemacht, die Landschaft rund um Fethyie kennenzulernen! Langweilig wurde es eigentlich nie, denn die Umgebung änderte sich immer wieder komplett. Einerseits die Stadt, die Strandpromenade mit ihren Touristen, und dann auf der anderen Seite diese Abgeschiedenheit in den Bergen, wo ich über Stunden kaum einem Menschen begegnet bin. Der Lauf war ein Abenteuer der etwas anderen Art!

Nach dem Lauf blieben zum Glück noch ein paar Tage, um die Sonne zu genießen. Gemeinsam mit einigen anderen Teilnehmern haben wir die Zeit genossen und einige Ausflüge unternommen.