75km Ultratrail in Fethiye/Türkei

Zu Beginn des Jahres 2019 habe ich es mir fest auf die Fahne geschrieben, einfach mal ein paar andere Facetten des Ultramarathons zu erleben. Das schöne an diesem Sport ist ja, dass er so vielfältig ist und es auch abseits der klassischen Wettkampfdistanzen noch viel zu entdecken gibt.

So hat es sich auch sehr gut angeboten, die Einladung zum Ultratrail in Fethiye in der Türkei anzunehmen. 2018 „musste“ ich noch dankend ablehnen, da das damals etwas mit der 24h-Europameisterschaft in Rumänien, bzw. mit der Vorbereitung dafür kollidiert hat.

Dieses Jahr sollte dem kleinen Abenteuer jedoch nichts im Wege stehen und so ging es gemeinsam mit meiner Frau

Vorprogramm am Freitag
Vorprogramm am Freitag

Nicole zu dem Trip in die Türkei. Die Anreise lief dann gleich etwas anders ab als angedacht, da unser Flieger mit deutlicher Verspätung in Frankfurt abhob, so dass wir unseren Anschlussflug in Istanbul verpassten. Der neue Flughafen war erst seit wenigen Tagen geöffnet, so dass wir mehr oder weniger eine der ersten Passagiere waren. Im Übrigen sind das dort solch lange Wege, dass ich mir schon überlegt habe, unseren Marsch zum Service-Desk ins Trainingstagebuch einzutragen. Da es am selben Tag keinen Anschlussflug mehr gab, mussten wir also über Nacht bleiben. Hört sich auf den ersten Blick schlimmer an als das es war, denn gutes Hotel, inkl. Shuttleservice und ein anständiges Abendessen auf Kosten der Airline sind schon auch einigermaßen erträglich. Einziger Nachteil: Es ging schon mitten in der Nach wieder raus zum Flughafen. Vor einem 24h-Lauf wäre so eine zerrissene Nacht ärgerlich gewesen, so sah ich es recht entspannt und Donnerstag Vormittag kamen wir dann auch in Fethiye an. Dank des Shuttleservices von Orgachef der Veranstaltung, Rudolf, diesmal ziemlich unkompliziert und entspannt. Rudolf klingt jetzt nicht gerade nach einem türkischen Namen und so ist es auch, denn der Lauf wurde von einem ausgewanderten Deutschen ins Leben gerufen, was die Sache vor Ort auch recht unkompliziert gemacht hat. Ähnlich wie beim Spartathlon gibt es hier als Teilnehmer die Möglichkeit ein Paket zu buchen, in dem Hotel und Wettkampf integriert sind. Mit Blick auf Strand und Meer ließ es sich hier ziemlich gut aushalten.

Für Freitag standen nach einem kurzen Akklimatisationslauf schon etwas mehr Programmpunkte auf der Agenda. Das Briefing sollte im Zentrum von Fethiye stattfinden und ich wurde kurzfristig gebeten, im Rahmen dessen einen kleinen Vortrag mit anschließender Fragerunde zu halten. Folien oder dergleichen hatte ich natürlich keine dabei, aber kein Problem, es gibt ja genug zu erzählen. Das Ganze hat entsprechend auf Englisch stattgefunden und wurde direkt von einer Dolmetscherin ins Türkische übersetzt, so dass auch jeder die Möglichkeit hatte, Fragen zu stellen. Hat Spaß gemacht, sowohl mir als auch scheinbar den anderen Läufern. Da ich selbst natürlich nicht der türkischen Sprache mächtig bin und es auf der längsten Distanz über 75 km auch nicht viele Teilnehmer gab, hatte ich doch etwas Respekt davor, mich irgendwo in den Bergen zu verlaufen. Da das hier noch eine recht familiäre Veranstaltung ist, gab es auch keinen Track, dementsprechend hab ich bei Briefing aufgepasst wie ein Luchs.

Samstag früh sollte es also losgehen, gemeinsam mit den Startern über die 50-km-Distanz. Um nicht gleich schon falsch aus der Stadt rauszulaufen, hielt ich mich erstmal an eine Gruppe einheimischer Läufer. Erst nachdem wir an unserem Hotel bei Kilometer 5 vorbeiliefen und ich die folgenden Kilometer etwas kannte, habe ich ein klein wenig beschleunigt. Ein türkischer Läufer folgte mir, und so liefen wir uns langsam warm. Gut, warmlaufen war heute nicht wirklich erforderlich, denn in der Sonne war es doch schon nicht mehr wirklich frisch. So langsam hat es sich eingerollt und eigentlich fühlte ich mich recht wohl, bevor der Lauf vom entspannten Dahinrollen schnell zu einem kleinen Abenteuer wurde. Noch am Vortag des Laufes bin ich einen Teil der schon markierten Strecke abgelaufen. Leider genau 100 Meter vor einer Abzweigung auf eine Anhöhe bin ich wieder umgekehrt, da meine geplanten Trainingskilometer erreicht waren. Wäre ich noch die wenigen Meter weiter gelaufen, wäre mir möglicherweise die Abzweigung aufgefallen und am Wettkampftag hätte ich so schon Bescheid gewusst. So lief ich gemeinsam mit meinem türkischen Mitläufer und wunderte mich schon ein wenig, warum an einer kleinen Kreuzung keine Markierung zu sehen war. Ich schaute meinen Mitläufer an und er deutete geradeaus. Okay, im Zweifel geradeaus ist meist nicht so verkehrt, dachte ich mir noch. Leider deutete aber auch im weiteren Verlauf nichts auf eine Wettkampfmarkierung hin und spätestens als wir an eine viel befahrene Straße kamen war klar, dass wir auf dem falschen Weg waren. Das geht ja gut los, nach noch nicht einmal zehn gelaufenen Kilometern. Ich war froh, nicht alleine zu sein, auch wenn sich die Lagebesprechung aufgrund der Sprachbarriere schwierig gestaltete. Mein Kollege führte ein kurzes Telefonat und das ergab wohl, dass wir umkehren und in Richtung Strand laufen müssen. Der Umweg kostete uns etwa vier Extrakilometer. Insgeheim habe ich schon begonnen, die Gesamtdistanz hochzurechnen, wenn es so weitergeht mit dem Ergebnis, dass das hier noch ein recht langer Tag werden könnte. Egal, irgendwie werden wir schon ankommen. Später erfuhr ich, dass wir auf diesem Streckenabschnitt nicht die einzigen mit Schwierigkeiten waren, sondern sich auf unterschiedliche Art und Weise verlaufen wurde. Nach solch einem Verlaufer ist man ja geneigt, die Zeit wieder mit zügigerem Tempo reinzuholen. Dieses Unterfangen hat sich jedoch ganz schnell erledigt, denn nun folgten etwa vier Kilometer entlang des Strands. Gefühlt ging es hier nur im Schneckentempo weiter und ich machte mir zunehmend auch Sorgen um den Flüssigkeitshaushalt, denn meine Vorräte waren doch schon recht bald aufgebraucht. Nach der schier endlosen Strandpassage wurde der Checkpoint erreicht und ich beschloss, in Anbetracht des noch langen Tages, mir Zeit zu lassen und lieber anständige Verpflegung zu betreiben. Die folgenden Kilometer wurden immerhin deutlich einfacher. Es ging zwar immer leicht bergauf dem tiefen Taleinschnitt folgend, aber so langsam aber sicher habe ich meinen Rhythmus gefunden. Viele der Starter über die 50-Kilometer-Distanz sammelte ich nun wieder ein. Irgendwann stieg die Forststraße knackig an, bevor es oben angekommen sehr einsam wurde, da nun nur noch die wenigen Läufer über die 75-km-Distanz auf der Strecken waren. Wirklich flache Streckenabschnitte fand man nun selten. Ab und an ging es mal bergab, die allermeiste Zeit galt es jedoch Höhenmeter zu sammeln.

An einem Checkpoint in den Bergen wurde ich vom Betreuer des selbigen gewarnt, dass es gleich etwas nass werden könnte. Erst dachte ich mir nichts groß dabei, doch kaum um die Kurve gebogen, wusste ich was Sache ist. Vor mir erstreckte sich nämlich ein breiter Bach. Überspringen völlig utopisch, dafür müsste man schon mindestens die Quali zur nächsten Weitsprung-Weltmeisterschaft in der Tasche haben. Also ging es stockvoll durch glasklares eiskaltes Bergwasser – herrlich!

Der Abenteuerlauf ging weiter und zwar nach oben, meistens gut laufbar, aber in der aller Regel ansteigend weiter ins Tal-Ende. Durch einen unglücklichen Zufall – und eigene Unachtsamkeit – habe ich mich dann noch ein zweites Mal verlaufen. In einer Senke angekommen wurde ich von einem jungen Landwirt angesprochen und in einen kurzen Small-Talk verwickelt. Er empfahl mir das Quellwasser nur wenige Meter hinter der Kurve, wo ich meine Vorräte auffüllte. Unglücklicherweise zweigte genau an der Stelle des Gesprächs die Wettkampf-Route ab. Durch die Ablenkung habe ich das leider übersehen und bin etwas mehr als einen Kilometer in die falsche Richtung gelaufen, bis ich dann sicherheitshalber doch wieder an die besagte Stelle zurücklief. Nach einem letzten Anstieg kam ich an

Endlich geschafft!
Endlich geschafft!

eine wenig befahrene Straße, wo die Markierung bergab zeigte. So wie ich das Streckenprofil in Erinnerung hatte, musste nun auch der höchste Punkt der Kurses erreicht sein. Zum Glück war ich mit der Vermutung nicht falsch gelegen, denn von nun an ging es kilometerweit nur bergab. Immer der asphaltierten Straße folgend, wo man es richtig gut laufen lassen konnte. Andere Läufer habe ich schon lange nicht mehr gesehen, aber immerhin ich war auf dem richtigen Weg, denn nun habe ich bei jeder möglichen Abbiegung wirklich aufgepasst wie ein Luchs. Nach etwa 55 Kilometern erreichte ich wieder einen Checkpoint. Ich ließ mir Zeit, dafür war das Obst einfach zu lecker, und so langsam war es doch ganz schön warm geworden. Es ging weiter bergab und bei der Überquerung der großen Bundesstraße galt es nochmal konzentriert zu bleiben, um den richtigen Abzweig zu erwischen. Durch meine beiden Zusatzschleifen konnte ich kaum einschätzen, wie weit es jetzt tatsächlich noch bis zum Ziel ist. Das hat sich jedoch schlagartig geändert, als ich die Strecken vom Hinweg wieder erkannte. Nun war ich wieder auf dem Pendelstück, welches den Rückweg nach Fethiye darstellt. Perfekt, nur noch runter an den Strand und dann sind es lediglich 14 km, die bewältigt werden müssen. Gut, auf den Strandlauf durch Kies und Sand war ich nun mit zunehmender Müdigkeit nicht mehr so wirklich scharf. Ich habe das Problem aber in soweit umgehen können, in dem ich ganz nah am Wasser lief, wo der feuchte Sand nicht so tief war. Dies bedeutete als Kehrseite jedoch, dass meine Schuhe nicht trocken bleiben sollten, da ich nicht allen Wellen ausweichen konnte. Nicht so schlimm, der Weg ist ja nicht mehr weit und wirklich trocken waren die Schuhe nach der Bachüberquerung in den Bergen ja so oder so nicht mehr geworden.

Die letzten Kilometer waren dann keine große Hürde mehr und ich konnte nochmal deutlich beschleunigen. So

Ein Souvenir für Zuhause gab es auch
Ein Souvenir für Zuhause gab es auch

erreichte ich in der Nachmittagssonne, als erster der wenigen Läufer über die 75-km-Distanz, das Ziel auf dem Marktplatz.

Fazit: Es hat ungemein Spaß gemacht, die Landschaft rund um Fethyie kennenzulernen! Langweilig wurde es eigentlich nie, denn die Umgebung änderte sich immer wieder komplett. Einerseits die Stadt, die Strandpromenade mit ihren Touristen, und dann auf der anderen Seite diese Abgeschiedenheit in den Bergen, wo ich über Stunden kaum einem Menschen begegnet bin. Der Lauf war ein Abenteuer der etwas anderen Art!

Nach dem Lauf blieben zum Glück noch ein paar Tage, um die Sonne zu genießen. Gemeinsam mit einigen anderen Teilnehmern haben wir die Zeit genossen und einige Ausflüge unternommen.

3. Platz mit der LG Würzburg bei der 50km-DM

Dadurch, dass mein Fokus in den letzten Jahren immer auf internationale 24h-Meisterschaften oder dem Spartathlon gelegen war, gab es nicht mehr so arg viel Raum für andere kleinere und größere Laufabenteuer. So konnte ich bei nationalen Ultramarathon…

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Geburtstagslauf beim Lahntallauf

So furchtbar wichtig sind mir Geburtstage eigentlich nicht. Eine Zahl geht und eine neue kommt.
Nichtsdestotrotz ist es ja ganz schön, am Geburtstag irgendeine Aktivität auszuüben, an der man so richtig Spaß hat. Okay, das ist eigentlich auch an den…

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Ziele und Vorhaben für 2019

Das Jahr 2019 hat begonnen und natürlich soll es auch in diesem Jahr ein paar schöne Lauferlebnisse geben. Im Gegensatz zu den letzten Jahren soll aber diesmal insbesondere das Wörtchen „Erlebnisse“ fettgedruckt und unterstrichen herausgehoben werden…

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Absch(l)usslauf beim Spartathlon

Seit Sommer 2017 habe ich es für mich entschieden, seit Juni 2018 auch „öffentlich“ kommuniziert: Nach der Saison 2018 wird erstmal Schluss sein mit dem leistungsorientierten Ultramarathon. Auch wenn solch eine Entscheidung dann doch schon ein wenig …

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24h-Lauf in Taipeh 2017

Mittlerweile ist es ja fast schon eine Tradition, dass ich zum Jahresabschluss nach Taipeh reise, um am 24h-Lauf der

Nächtliche Verpflegung
Nächtliche Verpflegung

Soochow University teilzunehmen. Die Veranstaltung ist mir mittlerweile wirklich ans Herz gewachsen und umso mehr freut es mich, dass ich auch in diesem Jahr wieder eine Einladung erhalten habe. Im Gegensatz zu den Jahren davor, habe ich als die Einladung im August kam, erstmal noch um ein paar Wochen Bedenkzeit gebeten, bis ich dann tatsächlich zugesagt habe. Das Zögern hatte zwei Gründe. Zum einen weiß ich, dass mir die Bedingungen in Taiwan nicht so ganz einfach fallen und bislang war ich dort immer recht deutlich von meinen besten Ergebnissen entfernt. Zum anderen war ich, gerade mit etwas Abstand, mit dem Ergebnis bei der WM in Belfast absolut zufrieden. Dementsprechend war ich mir nicht ganz sicher, ob ich mir wirklich noch einen nach besten Wissen und Gewissen vorbereiteten 24h-Lauf in diesem Jahr antun sollte. Letztendlich war die Entscheidung zu starten doch so etwas wie eine Herzensangelegenheit.
Für den Entschluss hat sicherlich auch eine Rolle gespielt, dass sich nicht nur ich, sondern auch meine bessere Hälfte Nicole, durch die Reisen in das Land Taiwan verliebt hat. In Nicoles Fall hat das sogar soweit geführt, dass sie seit 1,5 Jahren chinesisch lernt – soweit ging die Liebe bei mir dann doch noch nicht, was mangels Talent wahrscheinlich auch besser so ist ;). Liebe zum Land und der Veranstaltung hin oder her, klar war natürlich auch, dass ich nicht nur zum lockeren Jogging nach Taiwan fliegen werde. Die Vorbereitung lief auch wirklich sehr vielversprechend, dennoch hatte ich aufgrund der Erfahrungen von den vergangenen Auflagen eine gehörige Portion Respekt. Respekt hatte ich vor allem aber auch vor dem Hinflug. 2016 war wirklich ein ganz unglückliches Jahr. Zuerst hat es mich verletzungstechnisch ordentlich erwischt und als ich dann gerade rechtzeitig mit einer abgespeckten Vorbereitung wieder einsatzbereit für einen 24er war, habe ich mir damals auf dem Hinflug nach Taiwan eine Erkältung eingefangen. Dementsprechend war ich diesmal wirklich mega, mega, mega vorsichtig und habe im Flieger und beim Umsteigen in Shanghai immer Schal, Mütze und sogar Winterjacke griffbereit gehabt. In diesem Jahr ging diesbezüglich auch alles gut, sowie das abgesehen von 2016 ja in den Jahren davor auch bei allen wichtigen Rennen der Fall war. Wie immer war vor Ort alles perfekt organisiert und ich hatte die Tage vor dem Lauf nochmal ganz gut Kräfte sammeln können. Lediglich der Freitag war ein wenig anstrengend, da die Tagesordnung mit Interviews, Pressekonferenz, Eröffnungsfeier und technical meeting volles Programm vorsah.
Nichtsdestotrotz habe ich dann aber in der Nacht vor dem Rennen wirklich vorzüglich geschlaffen und hatte mich vor dem Start richtig frisch gefühlt.
Für das Rennen war diesmal ein deutlich vorsichtigerer Beginn vorgesehen, wie das bei den letzten internationalen Auftritten der Fall war. Durch die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren, hatte ich vor allem hinsichtlich der klimatischen Bedingungen echt Respekt. Die Marschroute sah dementsprechend vor mit einer Pace von 5:08 min/km die erste Hälfte des Rennens zu bestreiten. Die ersten vier Stunden, bis zum ersten Richtungswechsel empfand ich so doch relativ entspannt. Nach sechs Stunden war ich mit 70 gelaufenen Kilometern immer noch exakt im festgelegten Plan. Ich habe zu dem Zeitpunkt aber schon gemerkt, dass ich das Tempo nicht halten werden können. Bei all meinen bisherigen Teilnahmen hatte ich zu dieser Phase des Rennens eine Schwächeperiode. Wahrscheinlich liegt es auch ein Stück weit am Biorhythmus, da mein Organismus noch nicht vollständig an die taiwanesische Zeit angepasst ist. Ich habe in meiner 24h-Lauf-Vita schon viele heftige Kriesen im Wettkampf erlebt. Aus diesen Erfahrungen weiß ich, dass es in der Regel ungefähr drei Stunden dauert bis man sich wieder erholt. Es ist echt interessant, man kann sich von einer Schwächeperiode im 24h-Lauf tatsächlich erholen und das mit den drei Stunden hat sich oft bewahrheitet. Wichtig ist in solch einer Phase halt, dass man nicht zu viel Zeit verliert und konstant im Laufen bleibt. Vor dem Wettkampf habe ich mir vorgenommen, das Rennen mal wieder mit mehr stoischer Ruhe durchzuziehen, denn genau das war eigentlich immer meine große Stärke gewesen. Bei der WM in Belfast ist mir das jedoch in diesem Jahr nicht soooo gut gelungen, auch wenn das Endergebniss ja echt in Ordnung war. Hier in Taipeh hat dies aber wieder deutlich besser geklappt und ich hab versucht mich irgendwie ohne großes Hadern die folgenden Stunden durchzuhangeln. Nichtmal mein Betreuerteam hat lange Zeit gemerkt, dass es mir eigentlich gerade nicht so furchtbar gut geht. Spätestens als die große Stoppuhr auf der Zielgerade zehn Stunden angezeigt hatte, wusste ich dass dies nicht einfach nur eine vorübergehende Kriese ist, denn die Power kam nicht so wirklich zurück. Gewusst habe ich spätestens jetzt auch, dass das hier und heute noch ein ganz hartes Stück arbeit werden wird. Egal – wir nehmen es heute so wie es kommt. Also das Ziel schon mal im Kopf runterkorrigiert, Hauptsache dranbleiben. So langsam habe ich die 12-Stundenmarke aber wirklich herbeigesehnt, denn bei der Hälfte des Rennens sollte man schon wenigstens einigermaßen Kilometer auf der Habenseite aufweisen können, sonst wird es wirklich ganz schwer für ein gutes Ergebnis. Nachdem ich in der Zeit zwischen sechs und zehn Stunden den Zeitverlust ganz gut in Grenzen halten konnte, musste ich jetzt doch deutlich rausnehmen. Es wurde jetzt schon echt richtig zäh. Normalerweise bin ich ja immer total auf den Wettkampf konzentriert, aber irgendwie hatte ich jetzt das Bedürfnis, mal was anderes zu hören und mich ein wenig abzulenken. Als in Taipeh 11 Stunden des Rennens vorbei waren, schlug die Uhr in Deutschland durch die Zeitverschiebung genau 13:00 Uhr. Das hieß auch, dass nun etwa 10000 Kilometer weiter westlich Anstoß zum zweitliga Duell FC Nürnberg gegen Sandhausen war. Als Betreuerin von einem 24h-Läufer hat man’s echt nicht einfach. Da steht man einen ganzen Tag an der Strecke und reicht das Fläschchen, um es eine Runde später wieder in Empfang zu nehmen. Man muss darauf achten, dass bei den wesentlichen Komponenten kein Defizit eintritt und notfalls auch mal zu vermehrten Salz- oder Vitargokonsum antreiben. Und jetzt… jetzt will er auch noch die Zwischenstände vom Glubb wissen…! Lange Rede, kurzer Sinn – ich habe auch meine gewünschten Live Zwischenstände bekommen. Dankeschön!
So langsam steuerten wir hier in Taipeh auch mit großen Schritten auf die Halbzeit zu. Diese gab es für uns zwar

Die neue Streckenrekordhalterin Courtney Dauwalter (USA) im Schlepptau
Die neue Streckenrekordhalterin Courtney Dauwalter (USA) im Schlepptau

nicht nach 45, sondern erst nach 720 Minuten, und verbunden mit einer Pause ist das Ganze leider auch nicht. Ja Pause… eine Pause wäre jetzt echt gut, aber irgendwie muss es ja immer weitergehen.
Ein Grund zur Freude ist das aber trotzdem immer. Ich hatte nun fast 340 Runden auf der 400m-Leichtathletikbahn absolviert, was etwa 134 Kilometern entspricht. Dementsprechend war ich nun schon satte sechs Kilometer hinter meinem Plan. Wenn man bedenkt, dass ich in sechs der zwölf Stunden ziemlich kraftlos gewesen bin, war das Zwischenergebnis ganz okay. Auch in Nürnberg war nun Halbzeit – noch 0:0.
Innerlich habe ich mich nun schon mal auf noch ganz harte 12 Stunden eingestellt. Dass hier was ganz großes nicht mehr drin ist, das wusste ich längstens – aber das musste es ja auch von vornherein nicht werden. Ein konstantes Ergebnis wollte ich aber weiterhin unbedingt erreichen, was auch immer „konstantes Ergebnis“ heißen mag. Im Kopf gingen mir nun verschiedene Ziele durch den Kopf: wenigstens 250 Kilometer. Vielleicht 252 Kilometer, wäre ja immer noch ein super Ergebnis, immerhin hat das in den letzen 15 Jahren kein anderer Deutscher außer ich selbst erreicht. Auf der anderen Seite auch Zweifel, ob ich überhaupt durchlaufen kann… komm‘ 240 ist doch wirklich das Mindeste, was drin sein muss. Auch wenn ich mental heute ganz gut drauf war, so ein kleiner positiver Impuls wäre jetzt schon auch mal ganz nett. Und plötzlich war er da – „1:0 Leibold – 69. Minute!“. Jawohl geht doch! Leichter wird’s hier deshalb zwar auch nicht, aber man kann sich ja trotzdem mal freuen. Vor allem war das jetzt wirklich mal eine ganz nette Ablenkung, da es nach fast 13 Stunden auf dieser gottverdammten 400m-Runde nur noch wenige neue visuelle Reize gab. Da ändert auch der Richtungswechsel, der alle vier Stunden – inklusive Wiegen beim Rennarzt im Schnelldurchlauf – durchgeführt wird nur wenig. So habe ich mir selbst ein bisschen Abwechslung reingebracht, in dem ich die Minuten runtergezählt habe, bis der Abpfiff in Nürnberg ertönen muss. Irgendwann war’s soweit und am Ergebnis hatte sich nix mehr geändert. Schon interessant, dass meine Rundenzeiten auf einmal, zumindest kurzfristig wieder flotter wurden.  Ein kleines bisschen Morgenluft habe ich selbst auch wieder gewittert und irgendwie war ich doch ein bisschen froh, dass ich trotz der Kraftlosigkeit über solche eine lange Zeit immernoch ohne größere Unterbrechungen im Laufen drin war. Mensch – vielleicht geht hier doch noch was ordentliches, vielleicht doch nochmal in Richtung 260 km. Vielleicht gibt es ja in Nürnberg im Sommer nach vierjähriger erstliga Abstinenz ein Comeback. Genauso wie bei mir in diesem Jahr, denn 2017 steht für mich, nach einem von Verletzungen dominierten Jahr 2016, als mein Comeback – und zwar ganz egal wie das hier und heute ausgeht. Der Gedanke gefiel mir irgendwie gerade richtig gut und in meinem Kopf hatten sich so ein paar Ohrwürmer eingenistet… ♫♫♫ Der Florian Reus ist wieder da……Ooohhh der FCN steigt wieder auf… (und die Fürther steigen ab 😉 )…♫♫♫. Okay… dann ist’s aber auch langsam wieder gut, zuviel Euphorie ist in einem 24h-Lauf auch nicht gut erfahrungsgemäß. Irgendwie hat sich das aber auch schnell wieder von selbst erledigt, auch wenn die Rundenzeiten mal für einige Minuten wieder schneller waren, so richtig viel gaben die Beine heute einfach nicht her. Das Tempo wurde jetzt auch wirklich kontinuierlich langsamer und man braucht sich nichts mehr vormachen – es geht heute wirklich ausschließlich ums Finishen. Das Finishen wollte ich aber wirklich unbedingt, das war tatsächlich alternativlos. Es ist mein Comebackjahr und da möchte ich auf gar keinen Fall mit einem negativen Gefühl in die Winterpause gehen. Und dann gibt es hier in Taipeh natürlich noch einen ganz anderen Grund… es ist wirklich wahnsinn welches Engagement hier von den vielen Volunteers herrscht. Ich finde das wirklich klasse wie sich diese jungen Menschen hier für das Rennen einsetzen und mit großer Begeisterung mit Anpacken. Ihnen ist es egal, ob Du 280, 260 oder halt nur 200 Kilometer läufst… das entscheidende ist, dass Du das Ding durchziehst, egal was kommt. Überall ist es zu lesen, das Motto der Veranstaltung „I complete – Never give up!“.- auf Fahnen, auf Plakaten, auf den T-Shirts der unzähligen Helfer sowieso. Das ist auch der Spirit, den ich im Ultramarathon lebe. Durchziehen, egal was kommt. In den letzten sieben Jahren ist mir das ein einziges mal nicht gelungen, sonst immer. Hier in Taipeh habe ich regelmäßig dermaßen auf die Fresse bekommen, man muss es wirklich so drastisch sagen ausdrücken muss. Und trotzdem stand und steht es niemals zur Debatte vorzeitig abzubrechen – das ist man den Leuten hier einfach schuldig!
Und genau so war es auch heute. So richtig zurück in das Rennen habe ich einfach nicht mehr gefunden und eigentlich war es in der allermeistern Zeit einfach nur so ein durchhangeln von Stunde zu Stunde. Im letzten Viertel der Gesamtzeit waren dann schon auch echt längere Abschnitte dabei, in denen ich sogar gehen musste. Irgendwie hatte ich aber trotzdem das Gefühl noch das Beste aus der Situation zu machen. In der letzten Stunden habe ich mich dann sogar noch mal richtig reingekniet und um jeden Kilometer gekämpft. Ich wusste, dass ich irgendwo zwischen 220 und 230 Km rauskommen werde, mir war aber dann jeder einzelne Kilometer wichtig, damit ich das Ergebnis auch rein objektiv als Finish verbuchen kann. So kam am Schluss ein Ergebnis von 228 Kilometer raus, was den achten Rang in der Ergebnisliste bedeutete.
Bitte nicht falsch verstehen… nur Finishen darf im Leben nicht mein Anspruch sein. Ich war mit dem Resultat fast 36 Kilometer weit von meiner persönlichen Bestleistung entfernt. In diesem Leistungsbereich entspricht diese Entfernung wirklich Lichtjahre. Oberhalb von 250 Kilometern wird die Luft unheimlich dünn, da du dir da kaum Schwächen erlauben kannst. Dementsprechend ist es auch echt schwer immer in diese Bereich vorzustoßen. Und dann hast du natürlich Läufe, die liegen dir mehr und dafür gibt es andere bei denen funktioniert es halt weniger gut. Bei den Weltmeisterschaften habe ich eigentlich immer liefern können in den letzten Jahren. In Taipeh scheinen mir die Bedingungen nicht so wirklich zu liegen, das muss ich mir eingestehen. An meine Begeisterung für diese Veranstaltung ändert sich dadurch jedoch nichts. Es war trotz allem wieder toll hier dabei sein zu dürfen, in einem erstklassig besetzten Feld. Hierfür bin ich dankbar! Genauso bin ich auch dankbar, dass 2017 im Großen und Ganzen eine erfolgreiche Saison gewesen war. In diesem Sinne… Comeback2017!

Zufrieden! 6. Platz in Belfast

Mein nunmehr fünfter Start im Nationaltrikot bei einer 24h-Weltmeisterschaft. Diese WM war jedoch etwas „anders“, denn solch ein Chaos hinsichtlich der elektronischen Rundenerfassung habe ich bislang noch bei keinem anderen Lauf erlebt. Anders waren auch ganz sicher die Vorzeichen für meinen Einsatz in Belfast gesetzt. Zum einen war es eine neue Situation, als Titelverteidiger mit den entsprechenden Erwartungen ins Rennen zu gehen und zum anderen, da diese WM für mich schon so etwas wie ein geplantes Comeback darstellen sollte. Das Jahr 2016 ist aus gesundheitlicher Sicht nicht gut für mich verlaufen. Nach vielen verletzungsfreien Jahren hat es mich doch auch mal erwischt und so musste ich große Teile der Saison abhaken. Als ich gerade wieder auf dem aufsteigenden Ast war und Ende des Jahres noch eine Last-Minute-Leistung abliefern wollte, um mit einem nicht ganz einfachen Jahr Frieden zu schließen, hat mich dann eine Erkältung beim 24h-Lauf in Taipeh ausgebremst. Diese Erfahrungen haben etwas verändert mit mir: Während ich mich jahrelang mit einer extrem breiten Brust an die Startlinie gestellt habe, nach dem Motto „scheißegal was passiert, ich und mein Körper werden es schon irgendwie meistern“, war dieses Vertrauen in die eigene Unverwundbarkeit vor dem Start in Nordirland in dieser Form nicht mehr da. Stattdessen war schon der ein oder andere Zweifel präsent. Dummerweise habe ich mich die Tage vor dem großen Rennen auch irgendwie gar nicht wohl gefühlt und Bauch- und Rückenbeschwerden haben die Zweifel auch nicht gerade weniger werden lassen.

Dementsprechend war ich heilfroh, als es endlich losging! Die Bedingungen waren nahezu optimal, brettebener 2-Kilometer-Kurs durch den Victoriapark, bei kühlen Temperaturen. Mir persönlich war das Wetter schon fast einen Ticken zu kühl, da das Ganze in Kombination mit der hohen Luftfeuchtigkeit muskulär oftmals nicht ganz so angenehm ist. Mein Plan war es wieder, die ersten 50 Kilometer in 4:48 min/km anzulaufen, was eine Durchgangszeit von vier Stunden bedeutet. Zu meiner Überraschung wurde es zu Beginn nicht das erwartet schnelle Rennen und insbesondere die Topfavoriten haben sich doch noch sehr zurückgehalten. Na gut, sollte mich nicht weiter tangieren, ich hatte einen Plan und den galt es weiter abzuarbeiten. Bis zum Ende des ersten Viertels blieb ich das weiterhin, um dann ein wenig von meinen Notizen auf dem Spickzettel abzuweichen. Dies hatte zwei Gründe, zum einen fühlte es sich heute irgendwie nicht so wirklich locker an und die Beine waren doch schon schwerer, als ich mir dies für diese Phase des Rennens gewünscht hatte. Zum anderen bekam ich doch mehr und mehr Probleme im Bereich des linken Hüftbeugers, bzw. der Aduktoren. In den ersten Stunden des Wettkampfs bin ich meist eisern Ideallinie gelaufen. Da die Innenbahn der Laufstrecke, welche wir gegen den Uhrzeigersinn laufen mussten, zum Teil ganz leicht abschüssig war, könnte ich mir vorstellen, dass dieses Problem aus dieser Tatsache resultierte. Um die Probleme nicht zu verschlimmern, lies ich mich im Schnelldurchlauf bei unserer Physiotherapeutin Annett behandeln. Zum Glück sollte das Problem im weiteren Rennverlauf keine leistungslimitierenden Auswirkungen haben.

Als es langsam in die Nacht ging, lief ich ganz oft mit meinen Nationalmannschaftskameraden Stu Thoms zusammen. In den ersten Stunden hatte ich Stu immer wieder mal überrundet. Nun war ich mit fortgeschrittener Dauer langsamer, Stu jedoch immer noch recht gleichmäßig unterwegs, so dass die Pace doch recht ähnlich war. So haben wir uns gegenseitig unterstützen können, und nachdem wir schon beim Vorbereitungstrainingslager in Wuppertal zusammen eine lange Einheit bestritten haben, war das motivierend.

Ein wichtiges Etappenziel im 24h-Lauf ist immer die Halbzeitmarke nach zwölf Stunden. Durch den bis dato nicht ganz planmäßigen Rennverlauf hatte ich ein klein wenig den Überblick verloren und war doch sehr auf die Zwischenergebnisse gespannt. Von nun an nahm das Chaos seinen Lauf! Zuerst war ich doch schon sehr verwundert und angefressen, warum unser Betreuerteam einfach nicht die 12h-Ergebnisse mitteilte. Die Antwort für diesen Umstand ist relativ leicht zu beantworten – es gab keine Zwischenergebnisse. Das war ärgerlich, da die Kilometerleistung nach 12 Stunden immer eine wichtige Orientierung für mich ist. Ich hatte auch schon seit einer ganzen Weile aufgehört, meine Rundenzeiten zu stoppen und meine Uhr abgelegt. Das mache ich häufig, wenn sich eine Krise anbahnt, aus psychologisch-strategischen Gründen. Vom Gefühl her konnte ich auch nicht sagen, ob ich schon irgendwas um die 142,143 Kilometer  oder nur 137 Kilometer auf dem Tacho hatte. In jedem anderen Rennen wäre mir diese Einschätzung wohl besser gelungen, aber heute war ich einfach zu ungleichmäßig unterwegs. Im 24h-Lauf ist es enorm wichtig, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, also habe ich mich nach ein wenig Fluchen mit der Situation arrangiert und bin davon ausgegangen, dass die technischen Probleme des Veranstalters sicher bald gelöst sein werden.

Einen richtigen Rythmus habe ich auch weiterhin nicht in meine Lauferei reinbekommen. Auch mental war das bislang nicht das, was ich eigentlich von mir gewohnt bin. Dieses stoische Durchziehen hat sich irgendwie einfach nicht einstellen wollen. Stattdessen war ich viel zu viel mit Nachdenken beschäftigt. Das muss wieder besser werden! 😉 Die Zeit ging naturgemäß dennoch irgendwie rum und so steuerte das Rennen so langsam aber sicher auf das letzte Viertel und ich auf eine heftige Krise zu. Geist und Körper waren nun doch sehr angeknockt. Noch dazu gingen mir die fehlenden Informationen so langsam aber sicher richtig auf den Zeiger, wo es doch jetzt ans Eingemachte geht, was die Platzierungen betrifft. Egal ob bei den WMs in Katowice, Steenbergen und Turin oder auch bei meinen Spartathlons, jedes Mal waren die Informationen über die Abstände immens wichtig. Diese Informationen sind für mich immer so etwas wie der Strohhalm an den ich mich klammere und wenn ich dann noch den Hauch einer Chance sehe, kann ich nochmal brutal reinhauen. So war es zumindest oftmals bei den aufgezählten Rennen, heute musste es so gelingen und immerhin, es waren ja gleiche Bedingungen für alle. Wirklich gut gelungen ist es mir in dieser Phase des Rennens jedoch nicht. Einige Wochen nach der WM habe ich von unserem Teamchef Norbert Madry erfahren, dass von den Läufern, welche nach 18 Stunden vor mir lagen, lediglich der Pole Sebastian Białobrzeski auch in der Endabrechnung vor mir gelandet ist. Die anderen drei bis fünf Läufer sind stattdessen ärgerlich. Man, man, man… da wäre schon auch noch mehr drin gewesen, rückblickend betrachtet. Nach der kurzen, aber heftigen Krise bin ich fünf Stunden vor Schluss dafür nochmal richtig aufgewacht. Vage Informationen unserer Betreuer machten mir Hoffnung, doch noch eine Medaille mit nach Hause zu nehmen und den Infos nach wäre auch die erfolgreiche Titelverteidigung noch möglich gewesen. Wie aus dem nichts war ich plötzlich wieder richtig präsent, die Gedanken klar und die Emotionen auf Angriff justiert! Jetzt war es wieder da, dieses WM-Feeling, wenn es richtig ans Eingemachte geht. Da die offiziellen Informationen weiterhin sehr spärlich waren, hat unser Betreuerteam von den Läufern, welche augenscheinlich noch um die Medaillen kämpfen, die jeweiligen Rundenzeiten gestoppt und mir diese mit Hilfe von Notizzetteln mitgeteilt. Das hat mir nun schon sehr geholfen. Irgendwann sind dann der spätere Sieger Yoshihiko Ishikawa (Japan) und auch Johan Steene (Schweden) ziemlich zügig an mir vorbeigelaufen, um mich ein weiteres Mal zu überrunden. In dem Moment war mir klar, dass es mit dem Titel dieses Jahr definitiv nix mehr wird. Aus dem Konzept hat mich dies jedoch nicht gebracht, da dies auch nicht mein erklärtes Ziel war, stattdessen wollte ich jetzt zumindest noch für eine Einzelmedaille kämpfen. Meinen Informationen nach müsste ich dazu jetzt „nur“ noch den Ungarn Tamas Rudolf abfangen, welcher wenige Kilometer vor mir lag. Noch gut vier Stunden Zeit, das muss doch zu schaffen sein! Und tatsächlich ziemlich genau drei Stunden vor dem Ende konnte ich ihn überholen. Auf Grund des Informationsdefizits war ich mir lediglich unsicher, ob ich jetzt schon vor ihm bin oder eben nur in der selben Runde. Die Überlegungen haben sich aber ganz schnell erledigt, denn beim Durchlaufen der Boxengasse wurde mir mitgeteilt, dass doch noch ein stark laufender Pole, nämlich der vorhin schonmal erwähnte Sebastian, vor mir liegt. In dem Moment habe ich für mich die Gewissheit gehabt, dass die Messe in Sachen Medaillenvergabe für mich gelesen ist. Es war jetzt wie wenn jemand mal einfach so den Motivationsstecker zieht und den imaginären Adrenalinhahn gleich mit zu dreht. Es war so ein hartes Rennen, jetzt noch mal mit aller Konsequenz um Rang vier, fünf oder sechs kämpfen, dafür fehlte mir nun wirklich die Energie. Dementsprechend lief ich das Rennen in den letzten 1,5 Stunden noch ordentlich zu Ende – mehr aber auch nicht. Letztendlich finde ich meinen Namen mit knapp 259 gelaufenen Kilometern und Platz 6 in der Ergebnisliste wieder.

Ich bin zufrieden. Nein – ich bin sogar sehr zufrieden, auch mit etwas Abstand zum Rennen. Ich muss zufrieden sein. Klar, die Erwartungshaltung „von außen“ war schon hoch, doch ich weiß selbst, dass es im 24h-Lauf keinen Bonus gibt – egal, was man auch immer für „Heldentaten“ schon in der eigenen Vita stehen hat. Mit Platz 6 habe ich mein Ziel, eine solide Leistung abzuliefern auf jeden Fall erreicht und mich nebenbei auch nach einem Jahr Abstinzenz wieder auf die Führungsposition der Deutschen Jahresbestenliste zurückgeschoben. DANKE an alle die dabei waren und auch an diejenigen, die von zu Hause aus mitgefiebert haben!