Deutscher Meister im 24h-Lauf 2022; 253,9 km

Das Fazit meiner Teilnahme bei der Deutschen Meisterschaft im 24h-Lauf lässt sich relativ leicht und komprimiert zusammenfassen: Comeback gelungen!!! Und das mit einem spektakulären und hochdramatischen Ende. Aber der Reihe nach…

Am 14.5.22 stand die 33. Auflage der Deutschen Meisterschaft, die seit ein paar Jahren unter der Flagge des Deutschen Leichtathletik-Verbands ausgetragen wird, auf der Wettkampfagenda. Da mir der Termin sehr gut in den Kalender passte und auch wieder geplant war, mit einem Team der LG Würzburg anzureisen, war für mich recht frühzeitig klar, dass ich bei dem Event in Bottrop an der Startlinie stehen möchte. Seit meinem Rücktritt aus dem 24h-Nationalteam im Jahr 2018 hatte ich das Training über vier Jahre deutlich zurückgefahren. Vollständig „weg“ war ich aber dennoch nicht wirklich, denn so weit es in Pandemiezeiten möglich war, hatte ich auch an dem ein oder anderen Wettkampf teilgenommen. Mit früheren Zeiten war die Vorbereitung für diese Wettkämpfe aber nicht wirklich zu vergleichen und trotz einzelner Spitzen war der Trainingsaufwand in Summe deutlich geringer. Aus verschiedenen Gründen habe ich aber schon eine ganze Weile die Idee, nochmal das ein oder andere Wettkampfjahr mit einem ambitionierten Training zu realisieren. An der Motivation hapert es nämlich auch nach mittlerweile 19 Jahren Ultramarathon überhaupt nicht, stattdessen ist eher das Zeitbudget der begrenzende Faktor. Da ich mir über die vergangenen Jahre aber mit entsprechendem Engagement selbst Rahmenbedingungen für ein flexibles Zeitmanagement geschaffen habe, sollte es dieses Jahr soweit sein und die Leistungsambitionen wieder deutlich erhöht werden.

Die eigenen Ambitionen ließen jedoch die Anspannung vor solch einem Rennen ebenfalls wieder deutlich steigen und ein Schreckmoment in Form von etwas Halsweh im Tapering machten es nicht einfacher. Leider ist das eine Thematik, die sich kurz vor Wettkämpfen wie ein roter Faden durch die letzten Jahre zieht. Von daher war ich wirklich froh als endlich der Startschuss am Samstag früh fiel. Auf Grund der fehlenden echten Referenzwerte in den letzten Jahren fiel es mir unglaublich schwer ein realistisches Ziel zu definieren. Auch wenn es nur 4,5 Monate seit meiner Rückkehr ins umfangreiche Training waren, machten mir die Trainingsdaten aber durchaus Hoffnung. Mein Mindestziel hatte ich somit auf 250 Kilometer und das Optimalziel auf 260km+ festgelegt. Als Anfangspace hatte ich mir eine Geschwindigkeit von 5:27 min/km vorgenommen.


Bild: Manfred Hupka

Auf den ersten Runden der übliche Small-Talk. Schön, wobei ich es bei 24h-Läufen auch tatsächlich bei kurzen Gesprächen belasse, um voll konzentriert zu bleiben und Kräfte zu sparen. Nichtsdestotrotz vergingen die ersten zwei Stunden wie im Fluge. Vielleicht auch deswegen, weil ich viel am Grübeln und Zweifeln war. Das Tempo fühlte sich locker an, aber so ganz bekam ich das mit dem Halsweh Anfang der Woche nicht aus dem Kopf und befürchtete, dass der Körper nicht bei 100% ist. Der Hinweis einer langjährigen Lauffreundin, dass ich wohl etwas nasal klinge, verunsicherte mich noch weiter und ich stellte mir die Frage, ob ich mir nur selbst etwas vormache und eigentlich nicht fit bin. Um es vorwegzunehmen, gesundheitlich hatte ich keine Einschränkungen, aber dieses Zweifeln und Grübeln zeigt, wie sehr ich heute nach einigen Jahren Abstinenz ein gutes Ergebnis erzielen wollte. Ansonsten gibt es aus den ersten Stunden wenig Berichtenswertes. Ich konzentrierte mich auf die gleichmäßigen Rundenzeiten und auf das Ernährungsmanagement. Auch nach einigen Stunden bestätigte sich mein Eindruck von der Streckenbesichtigung am Vortrag. Die 1,4-km-Runde durch den Prosper-Park war ganz wunderbar zu laufen. Kurz vor der Verpflegungszone ging es zwar eine Rampe hinauf, jedoch war dieser Anstieg gut laufbar. Als Entschädigung für die wenigen Höhenmeter ging es einen großen Teil der Runde ganz leicht abwärts. Nachts hätte es auf manchen Streckenteilen zwar etwas stärker beleuchtet sein können, aber insgesamt muss man wirklich ein Kompliment an die Veranstalter aussprechen, denn das Event war einer Deutschen Meisterschaft absolut würdig. Beim Einbrechen der Abendstunden wurde es bei mir leider dann doch etwas zäher als erhofft. So musste ich unfreiwillig etwas das Tempo drosseln. Nichtsdestotrotz hatte ich nach 12 Stunden ungefähr 130 Kilometer auf der Habenseite stehen.

Zu diesem Zeitpunkt müsste ich auf Platz zwei hinter dem Führenden Michael Ohler gelegen haben, wobei mich das zur Hälfte des Rennens noch wenig interessiert hat, denn ich war voll und ganz auf mein eigenes Rennen konzentriert. Als Team der LG Würzburg konnten wir leider im Vorfeld nicht noch einen zusätzlichen Supporter organisieren. So unterstützte uns meine Frau Nicole so gut es ging über das Rennen. Da wir jedoch unsere kleine Tochter dabeihatten, war klar, dass die Betreuungssituation eine andere ist wie zu früheren Zeiten. Rückblickend muss ich aber sagen, dass mir so eine nicht ganz so enge Betreuung eigentlich auch mal ganz gut getan hat. Irgendwie hatte es sich so ab dem Jahr 2017 eingeschlichen, dass ich zu oft und zu lange bei den Betreuern stehen geblieben bin, wenn es richtig hart wurde. Diesmal ist mir dieser Aspekt wieder deutlich besser gelungen und ich konnte trotz einigen Schwächephasen mehr oder weniger durchgehend laufen – auch in den nicht ganz einfachen Rennphasen. Kritische Rennphasen gibt es bei einem 24h-Lauf immer und die auftretenden Probleme können sehr unterschiedlich sein. So überkam mich in den frühen Morgenstunden ein höchst unangenehmer Würgreiz. Ich vermute, dass das an den durch die Außentemperaturen doch recht kalten Temperaturen lag. Gerade durch die nicht optimal verlaufenen Nachtstunden hatte ich kaum bis keine Hoffnung mehr, mich im Gesamtranking noch zu verbessern. Zum Glück war ich aber auch weiterhin voll und ganz bei mir selbst und versuchte einfach ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Allerdings war ich auch nicht so richtig im Bilde, wie groß der Rückstand auf den Führenden denn sei.


Bild: Manfred Hupka

Dieses „nur bei mir selbst sein“ sollte sich schlagartig 2:45 Stunden vor Ende des Rennens ändern. Zufälligerweise liefen der Führende Michael und ich mehr oder weniger zeitgleich über die elektronische Chipmess-Matte. Mir bot sich die Gelegenheit gut an, um mal auf der Leinwand nachzusehen, wie groß der Abstand ist, da auf diese Weise die Rundenanzahl von uns beiden gleichzeitig angezeigt wurde. Der Abstand zwischen uns beiden betrug zu diesem Zeitpunkt exakt zwei Runden. Prinzipiell sind 2,8 km bei nur noch 205 zu laufenden Minuten in der Endphase eines 24h-Laufs schon eine ganze Menge. Zudem kommt mit dazu, dass man als Führender bei einem Rundenlauf das Rennen besser kontrollieren kann, als auf einer Punkt-zu-Punkt-Strecke. Nichtsdestotrotz dachte ich mir „ich gehe mal gucken“ und so forcierte ich das Tempo eine ganze Portion, eigentlich einfach nur, um mal vorsichtig anzutesten. So richtig gut hat sich meine Tempoverschärfung mit weit über 200 km in den Beinen natürlich nicht angefühlt, aber es war zumindest erträglich. Also behielt ich das höhere Tempo und den grundsätzlichen Gedanken, vielleicht doch noch in einen Zweikampf hineinzufinden, bei. Da aber auch Michael in Anbetracht der vielen Laufstunden stark unterwegs war, konnte ich den Rückstand trotz des Aufwandes nur sehr langsam verkleinern. Die erste der beiden Runden konnte ich erst ziemlich genau eine Stunde vor Ende des Rennens egalisieren. Ich hatte also fast 1:45 Stunden benötigt, um eine der beiden Runden Rückstand aufzuholen. Nur noch gut eine Stunde verblieben, um noch eine weitere Runde gut zu machen und somit dann zunächst gleichauf zu sein. Realistisch gesehen war das ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, wenn der Führende jetzt nicht komplett einbricht, was man natürlich auch niemanden wünschen möchte. Trotzdem habe ich nicht lockergelassen und für mich entschieden zumindest die Gewissheit zu erlangen alles versucht zu haben. Der Gedanke „es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist“ hat mich weiter angetrieben. Klar war jedenfalls, dass ich nochmal eine Schippe drauflegen muss, sonst kann das rein rechnerisch nicht funktionieren. Mittlerweile hatten auch einige Betreuer anderer Läufer und Zuschauer im Startzielbereich Kenntnis von dem Zweikampf genommen. Das Anfeuern hat mir geholfen und die Info über den exakten Rückstand, welcher mir ein langjähriger Lauffreund an der Strecke jede Runde zurief war Gold wert. Gut eine halbe Stunde vor Ende hatte ich etwa 5:00 Minuten Rückstand. Es galt also wirklich „alles oder nichts“ zu laufen. Eine Runde später war der Abstand um über eine Minute geschmolzen. Doch mir lief die Zeit davon. Gefühlt lief ich schon ziemlich am Limit, mir blieb aber nichts anderes übrig als das Tempo weiter zu forcieren. Spätestens 12:00 Minuten vor Ende des Rennens ging ich dazu über, so schnell zu laufen wie es in diesem Moment überhaupt noch ging, was zunächst eine Pace von knapp über 4:00 min/km, später auch knapp darunter, bedeutete. Mental haben mir die Erfahrungen aus dem Intervalltraining geholfen. Da ist es auch für ein paar Minuten mal ziemlich unangenehm, aber dann ist es auch schnell wieder vorbei.


Großer Kampf im Endspurt
Großer Kampf beim Endspurt. Bild: Uli Hörnemann

Gut sieben Minuten vor Ende des Rennens hatte ich auf der langen Geraden tatsächlich in weiter Entfernung Michaels gelbes Trikot – was als Führender eigentlich recht passend war – erblicken können. Ich habe alles gegeben und fünf Minuten vor Schluss konnte ich tatsächlich zum ersten Mal überhaupt in diesem Rennen die Führungsposition einnehmen. Das Aussichtslose hat erstmal funktioniert. Um einen Gegenschlag zu vermeiden, galt es die letzten Minuten aber weiter voll durchzuziehen. Es waren nur fünf von 1440 Minuten, aber diese kamen mir ewig vor. Die Schlusssirene war die pure Erlösung und völlig erschöpft sank ich zu Boden. Am Ende standen 253,9km zu Buche und die Restmetervermessung ergab, dass ich das Rennen mit exakt 162 Metern Vorsprung gewann! Im Verhältnis zur Gesamtdistanz ist das wirklich ein absolutes Fotofinish! Das habe ich in dieser Form auch noch nicht erlebt…

Die Erschöpfung nach Ende des Rennens war wirklich riesig. Im Liegen stellten sich sofort Krämpfe in beiden Beinen gleichzeitig ein. Es ist immer wieder erstaunlich, wie der Körper förmlich merkt, wann er endlich nicht mehr zur Leistungserbringung verdonnert wird. Kurz nach dem Ende des Rennens traf ich auch auf Michael. Wir gratulierten uns gegenseitig zu unseren Leistungen und konnten es beide kaum glauben, wie knapp das Ergebnis am Ende ausgefallen ist. Das war ein sehr emotionaler Moment, denn ich hätte Michael den Sieg zu 100 % gegönnt. Auf der anderen Seite ist aber das sich Duellieren und gegenseitig zu Höchstleistungen Pushen auch ein elementarer Bestandteil des Wettkampfsports. Für mich persönlich war der nun fünfte Titel bei einer Deutschen Meisterschaft nach vier Jahren mit reduzierten Leistungsambitionen ein toller Erfolg und kann sicherlich als Comeback ins leistungsorientierte Ultralaufen bezeichnet werden.

Bild: Nicole Reus

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